Wie viele Väter und Onkels dieser Sorte Elmar mittlerweile erlebt hatte, wusste er gar nicht genau. Gut erinnern konnte und wollte er sich nur an die, die richtig nett zu ihm waren. Und das waren genau zwei, den anderen Männern war er eigentlich nur im Weg. So wie auch schließlich seiner Mutter.
Aber war Elmar daran nicht selbst schuld? Denn früher hatte seine Mutter ihn eigentlich gut behandelt, soweit er sich erinnern konnte. Doch als Elmar in den Kindergarten kam, änderte sich einiges. Er war körperlich fast allen Kindern überlegen. Er spürte schnell, dass er mit dieser Überlegenheit Macht ausüben konnte. Und er begann Macht auszuüben.
Natürlich mochten das die anderen nicht. Und Elmar musste feststellen, dass sich Kinder, die zuerst bereitwillig mit ihm spielten, alsbald abwandten. Mit der Zeit wollten immer weniger Kinder direkt etwas mit ihm zu tun haben. Das brachte ihn nicht dazu sein Verhalten zu ändern. Nein, denn er stellte auch fest, dass er seine Interessen besser durchsetzen konnte, wenn er versuchte Macht auszuüben anstatt Kompromisse auszuhandeln.
Natürlich war diese Macht beschränkt, denn gegen die Frauen, die dort im Kindergarten das Sagen hatten, kam er nicht an. Sie waren sogar körperlich stärker als er. Doch wenn er geschickt Situationen nutzte, in denen sie nicht auf ihn achteten, dann konnte er seine Macht gut gebrauchen.
Mit der Zeit gelang es Elmar immer besser seine Philosophie vom Recht des Stärkeren zu leben. Später, wenn er so erwachsen wie die Männer seiner Mutter war, würde er viel Macht haben können. Mehr als die Männer seiner Mutter. Und mehr als die meisten anderen Menschen. Glaubte und hoffte er.
Seine Mutter bekam oft zu hören, dass Elmar für viel Ärger sorgen würde. »Er ist ein richtiger Tyrann«, hatte einmal eine der Frauen im Kindergarten gesagt. Und dieses Wort – Tyrann – kam immer wieder vor, wenn jemand sich bei seiner Mutter über ihn beschwerte. Okay, sagte sich Elmar (und war darauf auch mehr als nur ein bisschen stolz): Ich bin ein Tyrann.
Als Kolbert im Kinderhort auftauchte, wurde Elmars Weltbild zum ersten Mal erschüttert. Nicht sofort natürlich, denn anfangs war das für ihn auch nur ein mögliches Opfer mehr. Doch dann passierte das mit der Hautfarbe. Und Elmar hatte plötzlich sogar Angst. Etwas, das er überhaupt nicht gebrauchen konnte, wenn er ein Tyrann sein wollte.
Doch er wusste nichts Besseres als diesem einen Jungen lieber aus dem Weg zu gehen. Solange er im Kindergarten war. Das dauerte dann noch ein paar Monate. Und als Elmar den Kinderhort verließ und in die Schule kam, konnte er seine Macht neu aufbauen. Bis er eines Tages wieder denselben Jungen auf dem Schulhof sah.
Schnell stellte Elmar fest, dass Kolbert keine wirkliche Gefahr darstellte, weil auch er jedes Aufeinandertreffen vermied. Aber Elmar wurde auf einmal nachdenklich. Denn dieser Junge schien auch hier das zu haben, was er niemals hatte: Freunde.
Elmar aber brauchte unter seinen zahlreichen Opfern nach möglichen Freunden erst gar nicht zu suchen. Und auch ein kompletter Wandel vom Tyrannen zu einem netten Jungen würde ihn doch nicht aus dieser Klemme befreien. Oder?
Als er Kolbert entdeckte, erinnerte er sich sofort an seinen Namen. Und daran, dass der etwas mit seiner Hautfarbe machen konnte. Noch immer verspürte Elmar eine Mischung aus Furcht und Hass, wenn er diesen Jungen sah. Aber zugleich keimte in ihm der Gedanke auf, dass er sich ausgerechnet ihn zum Freund machen könnte.
Direkt auf Kolbert zugehen und ihn ansprechen vermochte Elmar dann doch nicht. Es musste unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen. Irgendwo, wo niemand anderer seinen Annäherungsversuch mitbekam.
Elmar wusste, mit welchem Bus Kolbert fuhr. Und so passte er ihn eines Tages an der Bushaltestelle ab. Zuerst kam Kolbert nicht, dann kam er doch. Hatte wohl einen Bus verpasst.
Es gelang Elmar Kontakt aufzunehmen und Kolbert sogar dazu zu bringen, etwas von der Eigenschaft preiszugeben, die Elmar so viel Ehrfurcht eingeflößt hatte.
Es war das erste Mal (seit langem), dass er friedlich mit jemandem umging und keinerlei Aggression verspürte. Dieser Junge ging auf ihn ein, aber nicht aus Angst. Oder war es doch Angst? Aber ein bisschen Angst, die hatte Elmar auch. Denn was der Junge mit seiner Haut anstellte, war ihm nicht ganz geheuer. Trotzdem war seine Neugierde stärker als seine Angst.
Nach dem ersten Treffen schlug Elmar ein erneutes vor. Und seitdem trafen sich die beiden öfter. Zuerst vorwiegend um Farbspiele mit Kolberts Haut zu veranstalten. Aber später auch um miteinander über sich und ihre Familien zu reden.
Dabei lernten beide ihnen bisher Unbekanntes kennen. Elmar erfuhr, wie es war, wenn man nicht gefürchtet, aber auch nicht gehasst wurde. Und Kolbert? Der konnte erleben, wie seine Hautverfärbungen für einen anderen Menschen positive Folgen hatten.
Elmar war von Kolberts Fähigkeit fasziniert. Und der war mit einem Mal begierig geworden, neue Möglichkeiten am eigenen Leib herauszufinden. So wurde Elmar gleichsam Kolberts Trainer. Er beschränkte sich zunächst darauf zuzusehen, wie Kolbert alte Fertigkeiten, die er während seiner Lehrzeit bei Lena erworben hatte, wiedererweckte und auffrischte.
Dann aber entfaltete sich Kolberts Begabung weiter, sodass er mittlerweile innerhalb von Sekunden von einer Farbe in eine andere wechseln konnte. Ob hell oder dunkel, ob besonders zart oder ausgesprochen kräftig, es gab mit der Zeit kaum eine Farbe in seiner Umgebung, die er nicht versuchte nachzubilden. Und das mit immer größerer Ähnlichkeit.
»Versuchs doch mal mit zwei Farben gleichzeitig«, regte Elmar eines Tages an, »Oder noch mehr.«
Diese Übung war für Kolbert neu und anfangs sehr schwierig. Er erinnerte sich nicht mehr daran, dass ihm damals bei Lena bereits einmal eine Zweifarbigkeit gelungen war. Möglicherweise war das zu dieser Zeit auch nur Zufall. Soweit sich Kolbert erinnerte, hatte Lena das Training auf immer nur eine Farbe für den gesamten Körper beschränkt.
Und Elmar verlangte nun mehr. Er forderte Kolbert auf, jedem Arm und jedem Bein sowie dem Gesicht eine andere Hautfarbe zu verleihen. Zuviel für Kolbert.
Bei seinen ersten Versuchen gelang es ihm meistens nur, eine Zweifarbigkeit zu erzeugen, wenn er zunächst den ganzen Körper neutralgrau einfärbte. Dann konzentrierte er sich zum Beispiel auf den linken Arm und gab ihm eine bestimmte Farbe, etwa Gelb oder Purpur. Sobald er sich bemühte den zweiten Arm ebenfalls neu einzufärben, nahm der erste das Grau der restlichen Haut an.
Kolbert aber wollte nicht aufgeben, und durch Elmar angespornt probierte er es wieder und wieder. Schon vor Jahren hatten seine Eltern in seinem Zimmer einen großen Spiegel angebracht, damit er seine Haut und deren Farbe stets betrachten und kontrollieren konnte. Was für andere die alltägliche Gymnastik war, wurden für Kolbert nun die Hautübungen, die er vor diesem Spiegel absolvierte.
Und tatsächlich gelang es ihm eines Tages, eine einmal erzeugte Farbe zu erhalten und seine Haut zugleich woanders neu einzufärben: Während sein linker Arm in der Farbe Purpur glänzte, strahlte der rechte in kräftigem Türkis. Dazu war Kolberts Gesicht und die übrige Haut zwar weiterhin Grau, aber was machte das schon? Er hatte es geschafft, an zwei verschiedenen Stellen gezielt seine Hautfarbe zu ändern.
Durch dieses Ereignis beflügelt versuchte er weitere Farbkonstellationen. Am einfachsten war es, diejenigen Grundfarben zu verwenden, für die nur die Aktivierung einer Pigmentgruppe nötig war, also Gelb, Türkis oder Purpur.
Aber Kolbert wollte mehr. Und so brachte er es schließlich nach beharrlichem Üben fertig, seine Arme und Beine mit bis zu vier verschiedenen Grundfarben zu überziehen, ob Gelb oder Blau, Purpur oder Grün, Türkis oder Rot.
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