Er zögerte einen Moment, ehe er fortfuhr: »Da gibt es natürlich noch einiges mehr zu verdienen, wenn Sie mit mir über die Hautfarbe des Jungen reden wollen. Von den Ärzten und Schwestern hier kriege ich keine Informationen, die mir weiterhelfen. Aber Sie dürfen sich doch dazu äußern. Jetzt, da sie mit dem Jungen nichts mehr zu tun haben.«
Also doch! Der Kerl ließ nicht locker, er glaubte weiterhin daran, dass Kolbert etwas mit seiner Hautfarbe anstellen konnte. Lena überlegte kurz: Kolberts Mutter hatte sie arbeitslos gemacht. Weil sie ihr nicht mehr vertraute. Sie hatte tatsächlich mit Kolbert nichts mehr zu tun. Warum also sollte sie da noch Rücksicht nehmen? Warum erzählte sie nicht diesem Mann einfach, dass Kolbert seine Hautfarbe sehr wohl ändern konnte?
»Er ist ein normaler Junge mit normaler Haut«, gab Lena zur Antwort, »Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.« Das tat sie Kolbert zuliebe. Es ging um ihn , nicht um seine Eltern. Ihm würde es schaden, wenn dieser Journalist daraus eine große Story machte.
Amadeus zuckte mit den Schultern. »Okay«, sagte er gedehnt, »Dann gehe ich mal. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.« Er verließ das Zimmer, ohne die Tür zu schließen.
Schon in der Klinik hatte Kolbert wiederholt nach Lena gefragt, ja sogar nach ihr gerufen. Er wusste natürlich nicht, dass sie sich im selben Haus nur zwei Stockwerke tiefer aufhielt. Nachdem ein Unfallarzt ihn ausgiebig untersucht und festgestellt hatte, dass alles mit ihm in Ordnung war, konnte Kolbert wieder entlassen werden.
Natürlich war der Arzt der Aussage des Polizisten über Kolberts Haut nachgegangen. Er fand heraus, dass dieses Kind früher schon mehr als einmal in der Dermatologischen Abteilung gewesen war. Und dass tatsächlich die Farbe seiner Haut veränderlich war. Zuerst wurde einer der dortigen Hautärzte hinzugezogen. Er schaute sich Kolbert an und erkannte ihn wieder.
Doch es gelang ihm nicht, die Eltern dazu zu bewegen, ihren Sohn erneut in der Dermatologie untersuchen zu lassen. Beide Glasers bestanden darauf, ihr Kind möglichst bald wieder abzuholen. Und weil Kolbert während des Klinikaufenthaltes seine Hautfarbe ständig in einem recht unauffälligen Orangerosa hielt, gab es für den Unfallarzt keinen Grund, Kolbert noch länger dazubehalten.
Nun war mehr als eine Woche vergangen und Lena nicht mehr aufgetaucht. Und Kolbert begann zu begreifen, dass Lena für ihn verloren war. Seine Mutter hatte ihn recht schnell an einem anderen Kindergarten anmelden können, der eine Ganztagsbetreuung bot. So konnte sie Kolbert selbst morgens hinbringen und am späten Nachmittag wieder abholen.
Allerdings war es Johanna Glaser erst nach einigen Verhandlungen mit ihrem Chef geglückt, ihre Arbeitszeiten entsprechend anzupassen. Außerdem musste sie nun mehr Zeit einplanen: Auf dem Weg zu Kolberts neuem Kinderhort hatten sie die ganze Stadt zu durchqueren. Der frühere Kindergarten dagegen war leicht zu Fuß zu erreichen (und diese Gänge hatte Lena erledigt).
Es dauerte viele Wochen, bis Kolbert sich endlich damit abfand, dass er künftig gänzlich ohne Lena auskommen musste.
In dem neuen Hort, in dem er gelandet war, fand er schon bald einige Spielkameraden. Zweifellos hatte Kolbert keine Kontaktprobleme, mit vielen Kindern verstand er sich gut. Was nicht jedem gefiel.
Elmar war ein dicker kräftiger Junge und setzte seine körperliche Überlegenheit ein, um sich immer wieder Vorteile zu verschaffen. Natürlich nur, wenn die Betreuerinnen gerade nicht hinschauten. Widersetzte sich jemand, fand er fast immer eine spätere Möglichkeit, seine unter den Kindern im Hort schon berüchtigt gewordene »Panzerfaust« einzusetzen: Ein kurzer derber Schlag mit der zur Faust geschlossenen Hand zwischen die Schulterblätter.
Dass dieser Neue – Kolbert – ohne ihn zu beachten mit anderen Kindern so gut auskam, passte Elmar gar nicht. Und so machte auch Kolbert schon bald seine erste schmerzhafte Bekanntschaft mit der »Panzerfaust«.
Elmar setzte seine destruktiven Kräfte nicht nur ein, um seine Macht zu demonstrieren. Es schien ihm regelrecht Spaß zu machen, anderen wehzutun und sie zu erniedrigen. Elmar war bald sechs Jahre alt und viele (einschließlich der Betreuerinnen) sehnten den Tag herbei, an dem er zur Schule wechseln würde.
Zwar hatte Kolbert mittlerweile mehr als ein halbes Jahr Kindergartenerfahrung. So wusste er, dass dort Konflikte durchaus üblich waren. Und auch dass der Umgang mit manchen Kindern äußerst schwierig sein konnte. Doch am liebsten vermied er Auseinandersetzungen, und noch mehr einen Kampf.
Als Kolbert Bekanntschaft mit Elmars »Panzerfaust« machte, war das für ihn so schmerzhaft, dass er spontan seinen Ellenbogen als Abwehr benutzte und Elmar dabei mehrmals im Bauch traf. Damit hatten die Kinder nicht gerechnet – am wenigsten Elmar selbst. Der war völlig verblüfft und musste sich erst einmal setzen.
Bisher hatte dieser Junge niemals daran gedacht, dass sich einmal eines der Kinder ernsthaft wehren würde. Es war einfach nie passiert. Daher kannte er auch kein Verhaltensmuster, wie er in einem solchen Falle reagieren sollte. Elmar fühlte sich überfordert. Wobei die Gegenwehr von Kolbert ihm nicht einmal sonderlich wehtat. Aber Elmars Ruf als Hortdiktator war gefährdet.
»Was ist los?« Das war die Stimme von Denise. Sie stand vor Elmar und Kolbert und schaute vom einen zum anderen: »Gibt es Probleme?«
Während Kolbert langsam den Kopf schüttelte, entfuhr es Elmar: »Der hat mich gehauen!«. Aber gleich darauf merkte er, dass er mit dieser Klage selbst seinem Ruf geschadet hatte.
Denise lachte. »Der kleine Kolbert schlägt den großen Elmar?« »War nur ein Witz«, meinte der daraufhin. Bei nächster Gelegenheit würde der Neue mehr als nur eine »Panzerfaust« zu spüren bekommen.
Kolbert schwieg dazu. Und Denise lächelte ihn an und wandte sich dann wieder anderen Kindern zu. Dabei behielt sie Elmar im Auge.
Der wusste, dass die Kinder im Hort mit einem Angriff von ihm auf Kolbert rechneten. Das war er ihnen schuldig, schon um seine Machtposition wieder zu festigen. Aber auch weil es ihm Spaß machen würde, dieser halben Portion den Garaus zu machen. Und Elmar war nicht nur mehr als einen Kopf größer, sondern bestimmt doppelt so schwer wie Kolbert.
Die Gelegenheit für Rache bot sich schnell, denn nur kurze Zeit später war Denise in ein Streitgespräch mit zwei Kindern verwickelt, und Kolbert machte sich auf den Weg zur Toilette. Als er diese wieder verlassen wollte, versperrte ihm Elmar den Weg.
»An mir kommt keiner vorbei!«, sagte er zu Kolbert, der ihn hilflos ansah. »Du hast mich geschlagen«, fuhr Elmar fort, »Das bekommst du jetzt zehnfach zurück!«
Kolbert wusste, dass er in einem Kampf gegen diesen Koloss keine ernsthaften Chancen hatte. Ihn überkam eine lähmende Angst, und seine Chromatophoren starteten unmittelbar ihr Neutralprogramm. Langsam wich er zurück und presste sich an die weißgekachelte Toilettenwand.
Als Elmar sah, wie grau Kolberts Gesicht geworden war, hielt er inne. Schon wieder tat dieser Kerl etwas, für das es kein Verhaltensmuster gab. Ob er das Problem mit Prügeln lösen konnte?
Schnell erkannte Kolbert, dass Elmars Zögern auf seine nunmehr graue Haut zurückzuführen war. In seinem Gehirn raste es, dann kam von dort der Befehl für eine Flucht nach vorn.
Ohne weiter zu überlegen, trimmte Kolbert blitzschnell seine Türkiszellen auf volle Kraft und fuhr die anderen beiden Farbzellgruppen herunter. Dazu verzog er sein Gesicht zu einer Grimasse und hob seine Hände. Dabei hoffte er, dass Elmar nicht sah, wie viel Angst in ihm steckte.
Der wusste mit dieser Situation nichts anzufangen. Hatte er nicht etwas Ähnliches mal in einem Film gesehen? Es war gar nicht lange her, doch er erinnerte sich nicht mehr, ob die betreffende Person nun gut oder böse war. Wohl eher böse.
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