Nachdem Johanna Glaser dem Kommissar die aktuelle Lage geschildert hatte, gab der die Information sofort über Polizeifunk weiter. So konnte Bruno direkt am Mariendenkmal festgenommen werden, und bekam das erwartete Lösegeld nicht einmal zu sehen.
Bereits in der Klinik hatte Kolbert von einem »Zimmer mit Ausgang oben« berichtet, in dem er eingesperrt war. Die Polizei nahm dort die Suche auf, wo sie Kolbert angetroffen hatte. Nicht weit davon war das verlassene baufällige Haus, in dem man dann auch auf die Grube stieß. Darin wurden außer einer Matratze nebst Decke einige Wasserflaschen, ein Gefäß mit Essen und Kinderkleidung gefunden.
Bei seiner ersten Vernehmung erzählte Bruno Kommissar Herbst, dass er nur ein Mittelsmann sei, der das Lösegeld abholen sollte. Er wusste, dass die Sache verloren war und wollte möglichst glimpflich davonkommen. Als Haupttäter belastete er Lenas Vater Lukas. Der hätte die Entführung geplant und ausgeführt.
Lukas Wagner zeigte sich reumütig und gestand sofort seine Mittäterschaft, die darin bestand, den bewusstlosen Kolbert eine Weile zu halten und dann an Bruno zurückzureichen, damit der ihn in die Grube einsperren konnte.
Zuerst wollte er seinen Kumpel nicht verraten, doch als Lukas erfuhr, dass Bruno seine Tochter brutal niedergeschlagen hatte, schob er die Hauptschuld auf ihn.
Es dauerte nicht lange, bis die Polizei ermittelt hatte, dass die Entführung vorwiegend auf Brunos Konto ging. Lukas jedoch war als Mitläufer auch nicht unschuldig. Er wurde auf Bewährung verurteilt. Während Bruno im Gefängnis landete.
Die materielle Lage von Lenas Vater hatte sich also nicht geändert, wohl aber seine Lebenseinstellung. Mit einem Mal nämlich kam Lukas auf die Idee, sich doch wieder um eine Arbeitsstelle zu bemühen. Immerhin war er ja noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.
Möglicherweise tat er es auch seiner Tochter zuliebe, weil er sich besonders ihr gegenüber weiterhin schuldig fühlte: Seinetwegen war sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, und nur weil er sich mit diesem Bruno abgegeben hatte, war es zu der ganzen Katastrophe mit Lenas Verletzung und Kolberts Entführung gekommen.
Mehr als eine Woche lag Lena mit einer Gehirnerschütterung in der Klinik – zufällig war es dieselbe, in die auch Kolbert gebracht worden war. Ihr Vater hatte sie in dieser Zeit einmal besucht. Um ihr zu sagen, dass ihm alles leidtäte, was passiert sei. »Ich werde mich um einen neuen Job bemühen. Und keinen Alkohol mehr anrühren. Und ich mache eine Therapie.«
Lena wünschte ihm alles Gute. Mehr hatten sich beide nicht zu sagen. Und Lukas spürte, dass ihre Beziehung sich erst wieder bessern konnte, wenn er tatsächlich einen festen Job hatte und wirklich vom Alkohol losgekommen war.
Auch Kolberts Mutter hatte Lena kurz aufgesucht. »Es tut mir leid, was geschehen ist«, hatte sie gesagt, »aber wir müssen dich entlassen. Du kannst nicht mehr Kolberts Kindermädchen bleiben, schließlich ist dein eigener Vater in die Sache verwickelt.«
Lena war betroffen, konnte es Kolberts Mutter aber nicht verdenken. »Kann ich ihn denn noch einmal sehen?«, fragte sie bittend. Johanna Glaser schüttelte den Kopf: »Er wird es schwer genug haben, sich an ein neues Kindermädchen zu gewöhnen.«
Nun würde Lena wieder arbeitslos sein. Wie sollte sie ihr Zimmer bezahlen? Sobald sie aus der Klinik draußen war, musste sie sofort zum Amt. Vielleicht würde sie wenigstens Sozialhilfe oder Wohngeld bekommen, bis sie einen neuen Job gefunden hatte. Sollte sie nicht lieber endlich mit einer Ausbildung anfangen? Das war etwas, das sie nun schon seit mehr als zwei Jahren vor sich herschob. Da gab es doch auch finanzielle Hilfe, die sie beanspruchen konnte.
Lena wusste, dass sie noch eine Weile hier würde liegen müssen. So hatten es ihr die Schwester und der Arzt gesagt. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte das mit dem Geld gleich geklärt. Jemanden, der ihr da helfen würde, hatte sie ja nicht. Ihr Vater kam ohnehin nicht mehr infrage, mit dem wollte sie vorläufig nichts mehr zu tun haben.
Vielleicht sollte sie mit ihrer Mutter darüber reden? Die wohnte in einer anderen Stadt und hatte mit Lena nur wenig Kontakt. Und wie sollte ihre Mutter ihr helfen? Mit Geld? Das wollte Lena nicht.
Am folgenden Tag bekam sie unerwarteten Besuch. Es war derselbe Journalist, der ihr schon einmal über den Weg gelaufen war. Oder besser hinterher. Diesmal erschien er auf einmal an ihrem Bett, hatte einen Strauß Blumen in der Hand und grüßte sie freundlich.
»Die sind für Sie«, lächelte er und schaute sich nach einer Vase um. Als er eine fand, packte er die Blumen aus und stellte sie hinein. Dann ging er direkt ins Bad und ließ Wasser in die Vase laufen.
Als er zurückkam, trug er noch immer sein Lächeln und stellte die Blumenvase auf das Schränkchen neben Lenas Bett. »Darf ich?«, fragte er dann und setzte sich auf einen Stuhl, ehe Lena Ja gesagt hatte.
Es störte sie, dass dieser Mensch einfach so hereinkam und dablieb. Als wäre es selbstverständlich, dass sie damit einverstanden war. Na gut, er hatte um Erlaubnis gefragt, aber er hatte nicht wirklich ihre Einwilligung abgewartet.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte er jetzt. Das letzte Mal hatte er sie doch noch geduzt. Und Lena antwortete mehr oder weniger wehrlos: »Inzwischen wieder ganz gut.«
»Ich recherchiere wegen der Entführung«, sagte Amadeus, »Ich habe schon mit der Mutter des Jungen gesprochen.«
Lena zuckte mit den Schultern. »Dann wissen Sie ja auch, dass mein Vater was damit zu tun hatte.« Das wusste Amadeus zu dem Zeitpunkt noch nicht, deshalb war er überrascht.
»Ich möchte Sie nicht wegen Ihres Vaters ausfragen«, sagte er schnell, weil er befürchtete, Lena könnte ihn wieder wegschicken. »Doch Sie werden verstehen, dass ich versuche möglichst viel über diese Entführung zu erfahren.«
Lena nickte stumm. Was sollte sie diesem Mann erzählen? Würde er wieder versuchen, etwas über Kolberts Fähigkeit zu erfahren, seine Hautfarbe zu ändern?
»Erzählen Sie mir, wie sie den Überfall erlebt haben?«, hörte sie den Journalisten fragen. Lena nickte, denn sie sah keinen Grund es nicht zu tun. Aber viel hatte sie nicht zu berichten.
Sie war mit Kolbert unterwegs, hielt ihn an der Hand, als sie plötzlich einen furchtbar schmerzenden Schlag am Kopf spürte und dann sofort bewusstlos wurde. Als sie aufwachte, hatte sie starke Kopfschmerzen. Und brauchte eine Weile, um wieder klar zu denken. Dann sah sie sich nach Kolbert um.
Als sie merkte, dass er verschwunden war, wankte sie zur Straße und hielt eine Frau an, die gerade vorbeikam. Die sah die blutende Lena und klingelte sofort an einer Haustür. Lena hatte sich inzwischen auf den Boden des Gehwegs gesetzt und zu weinen begonnen.
Etwas später kam ein Krankenwagen und brachte sie in die Klinik. »Der Junge ist weg!«, heulte Lena. Und erzählte von Kolbert. Die Sanitäter schienen sie zuerst nicht zu verstehen. Dann beruhigte sie der eine: »Wir sagen den Eltern Bescheid, aber erst müssen Sie ins Krankenhaus.«
Als Lena mit dem Reden fertig war, sah Amadeus sie schweigend an. »Der Junge ist ja wieder da«, sagte er dann, »die ganze Sache ist für ihn offenbar gut ausgegangen.« Lena nickte.
»Aber für Sie wohl weniger«, sagte Amadeus. »Sie haben mit der Mutter gesprochen?«, fragte Lena, »Was hat Sie gesagt?« »Nicht viel, nur dass Ihr Sohn wohlbehalten zu Hause sei. Er war ja anfangs auch in dieser Klinik hier, wusste Sie das?« Lena schüttelte den Kopf.
Der Mann stand auf. »Dann will ich Sie nicht weiter belästigen«, meinte er und zog einen Geldschein aus der Tasche. »Das ist für Ihre Informationen«, sagte er und legte 50 Mark auf den Nachttisch neben die Blumenvase.
»Nein«, sagte Lena, »das ist nicht nötig.« Doch sie wusste, dass sie jede Mark gebrauchen konnte. »Sie können es sicher gebrauchen«, bestätigte sie nun auch Amadeus, »ich kann mir nicht denken, dass Sie dort weiterarbeiten werden.«
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