Schulte sei nach der Weihnachtspause nicht in der Uni aufgetaucht und habe auch nichts von sich hören lassen. Daraufhin sei sie von der Institutsdirektorin gebeten worden, diesem Fall unerklärlichen Fernbleibens vom Arbeitsplatz nachzugehen, und zwar ganz systematisch: zunächst einmal bei der Adresse des Professors vorzusprechen … naheliegend, klar … dann Nachbarn in dem Mehrparteien-Wohnkomplex zu befragen … übrigens einem schön renovierten Gründerzeithaus … die Hausverwaltung zu kontaktieren … dann im Polizeirevier um Rat zu fragen … ferner zu versuchen, Angehörige aufzuspüren. Vor Ort sei sie dann schneller erfolgreich vorangekommen als erwartet. Eine Frau im Hochparterre habe einen Ersatzschlüssel in Verwahrung gehabt, - sie begoss ab und zu Pflanzen bei Herrn Schulte, wenn er länger abwesend war. Sie hätten dann aber vorsichtshalber doch die Polizei gerufen, die sich unverzüglich und zielstrebig der Sache angenommen habe. (Pietätvoll lässt die Institutssekretärin den Teil des Erlebnisses der beiden Frauen aus, in dem ihnen beim Hochsteigen ins Dachgeschoss ein eigentümlicher, sich immer mehr zu faulig-süßlicher Schwere verdichtender Geruch entgegengeschlagen war, der sie zum Würgen brachte und - vor der Wohnungstür angekommen - zuerst heftig erbrechen, danach fluchtartig die Treppe hinunterstolpern ließ. Erst danach hatten sie die 110 gewählt. In Einmalschutzanzügen, mit Gummihandschuhen und Atemschutz hatten Beamte die Wohnung betreten). Schulte wurde im Bad aufgefunden. Unbekleidet. Auf der Toilette zusammengesunken. Kopf auf den Knien. Tot. Wohl seit mindestens zehn Tagen. Plötzlicher Herztod? hatte die herbeigeeilte Leichenschauärztin achselzuckend gemurmelt. Die Staatsanwaltschaft habe den Leichnam beschlagnahmt, alles ganz standardmäßig in solchen Fällen, und die Obduktion angeordnet, alles ganz routinemäßig. Tags darauf habe sie - ja, sie, die Institutssekretärin - Herrn Schulte in der Rechtsmedizin identifizieren müssen, alles ganz offiziell. Aus der Familie sei ja niemand greifbar gewesen. Gut, dass nun Kontakt zu den Angehörigen bestehe. Die Uni bereite eine Gedenkfeier vor. In etwas größerem Rahmen, wie sie auf dem Flur gehört habe … also eine hochkarätige Veranstaltung … stilvoll … würdevoll. Deshalb würde sie sie gern heute noch mit der Institutsdirektorin verbinden, damit erste Abstimmungen erfolgen könnten … terminlich, inhaltlich, organisatorisch, Wünsche ihrerseits für die Gästeliste und so. Ginge das in etwa einer halben Stunde … Frau Professorin Kuhwirth müsste dann frei sein? Auch möge sie sich bitte umgehend an die Staatsanwaltschaft wenden, wo sie als nächste Angehörige Auskunft über die Todesursache und den Zeitpunkt der Freigabe der Leiche erhalten werde. Und ach ja, auch ans Ordnungsamt, das mit der Recherche nach Angehörigen befasst sei. Ob sie ihnen Termin und Ort der Beisetzung dann bitte mitteilen wolle? Oder sei ein Abschied im engsten Familienkreis vorgesehen? Ob sie denn wenigstens familiäre Unterstützung habe bei den vielen Regelungen, die sie treffen müsse? Und ach ja … gerade falle ihr das noch ein … die Institutsdirektorin habe das Problem schon als dringlich thematisiert … jemand müsse schnellstens die von Herrn Professor Schulte mit in die Privatwohnung genommenen Uni-Sachen zusammensuchen … Seminararbeiten, Klausuren, Bachelor-Theses, Master-Theses, Dissertationsschriften, Korrekturen, Begutachtungen und so … die Studenten … wissen Sie? … Prüfungsergebnisse und so. Lägen vielleicht noch ausgeliehene Bücher herum? Solle sie einen Kollegen von Professor Schulte ansprechen, ihr dabei behilflich zu sein? Oder wolle sie die Unterlagen freundlicherweise selber sichten und vorbeibringen? Auch Abholung durch einen Boten sei nach Absprache denkbar. Und ach ja … könne sie bei nächster Gelegenheit … also bald einmal … hereinschauen und die persönlichen Gegenstände aus dem Dienstzimmer ihres Herrn Vaters mitnehmen? Vielleicht können wir dann einen Kaffee zusammen trinken? Darf ich mir jetzt noch ihre Kontaktdaten notieren? Besten Dank … und verzeihen Sie, dass wir Ihnen auch noch Mühe machen … machen müssen … aber es muss ja irgendwie geordnet weitergehen … trotz alledem … Herr Schulte hätte Verständnis … war immer so korrekt … und nochmals … mein tiefes Mitgefühl… dann also in etwa einer halben Stunde … wie gesagt … Professorin Wiebke Kuhwirth … wird sich mit Ihnen kurzschließen … am Telefon.
Friederike atmet tief durch. Sie wird wohl hinfahren müssen, - sich um Dinge wie die professionelle Reinigung des Leichenfundortes, die Wohnungssanierung und die Haushaltsauflösung kümmern. Und die Bestattung? Nun ja, eine Urnenbeisetzung im Freytag’schen Familiengrab im Taunus kommt doch wohl infrage. Damit würden die sterblichen Überreste der Zeugungsgemeinschaft zusammengeführt; die Elternschaft erhielte am Ende doch noch so etwas wie eine Gestalt. Aber hat sie überhaupt Anspruch auf den Leichnam? Gibt es letztwillige Verfügungen? Und wenn nicht - wer kriegt die ganze Schulte’sche Hinterlassenschaft? Der Fiskus? Was ist mit ihr, Friederike? Wie werden außerehelich geborene Nachkommen (oder ist ’unehelich‘ besser? Oder ’illegitim‘? Sogar ’Bastard‘ war ihr auf dem Schulhof hinterhergerufen worden) erbtechnisch - oder wie das heißt - berücksichtigt, wenn die Vaterschaft gerichtlich, notariell, standesamtlich - oder wie das sonst geht - nicht bestätigt ist, sich mit einem einfachen DNA-Test jedoch unschwer belegen ließe? Aber hat sie es überhaupt nötig, sich diesen Wust an Problemen aufzuladen, der sich urplötzlich vor ihr aufgetan hat? Soll sie die Checkliste, die so unvermutet in ihr ruhiges Leben geflattert ist, nicht kurzentschlossen wegwerfen? Einfach sagen: Jaja - wohl bin ich ein leiblicher Abkömmling des Herrn Schulte, aber als solcher nicht anerkannt. Insofern geht mich das Ganze gar nichts an. Auf Wiederhören.
Am Telefon ist jetzt die Institutsdirektorin: Kuhwirth … Tag auch … allerherzlichste Anteilnahme am schweren Verlust und so weiter … schrecklich alles … Worst case! … Lehrstuhlinhaber tot … Abgang nicht geordnet … Sie sind also Ansprechpartnerin auf Seiten von Schultes Familie … äh … unseres hochverehrten Kollegen Schulte? … gut so … bin in Eile … Vorbereitung des Gedenkaktes der Fakultät … Liste mit Ihrerseits gewünschten Teilnehmern aus dem Verwandtenkreis und außeruniversitären sozialen Umfeld benötigt … welche drunter, die auch Ansprache halten möchten? … wollen exzellentes Programm zusammenzustellen … Einladungen sollen zügig raus … uns möglichst unverzüglich Rückmeldung geben … wär‘ super … und ach ja … wie ja schon mit der Geschäftsstelle … Felicit. …äh … Frau Krusenbusch … besprochen … nicht wahr? … wir kriegen schnellstens die Unterlagen aus Schultes … äh … Herrn Professor Schultes … äh … der Wohnung Ihres Herrn Vaters, ja? … die der Universität gehören, meine ich, ja? … wollen Sie sich bitte baldmöglichst der Sache annehmen, ja? … die Dinge müssen halt ihren Lauf nehmen … trotz alledem … verstehen Sie? … alles Weitere dann bitte über Felic. … äh … Frau Krusenbusch … okay? … seh‘ Sie dann wohl auf dem Festakt … super … bis dann … ciao!
Ja, sagt Friederike, selbstverständlich nehme ich mich der Sache an. Ciao!
Schlaff zwischen zwei stämmigen Gestalten hängend, die ihn grob an den Armen gepackt hielten und mit sich schleppten, kämpfte er gegen das ständige Abknicken seines Kopfes an und mühte sich, den Blick auf den Sarg zu fixieren, der unmittelbar vor ihm von sechs kräftigen Frauen in grellroten Trainingsanzügen getragen wurde. Sein ausgezehrter Körper war in einen zu großen schwarzen Anzug gehüllt; aus dem zu weiten weißen Hemdkragen schob sich der dünne, braune Hals, auf dem der knochige, von fahlgelber Haut überspannte und von klebrigen Strähnen bedeckte Schädel pendelte. Angestrengt versuchte er, seine Augen offen zu halten, die tief in blauschwarzen Höhlen lagen und aus denen es gelblich schimmerte, wenn die Augäpfel nach oben wegrollten.
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