Erwähnenswert ist hier noch, dass Herr Schott (ich lasse den Titel 'Dr.' hier absichtlich weg, weil das für eine weitere Begebenheit wichtig ist) keinen rechten Arm knapp unter der Schulter mehr hatte und stattdessen ein hölzernes, zum Körper hin angewinkeltes Ding trug mit einem grauen Samthandschuh an der nachgebildeten Hand.
Samthandschuh! Ein echter Witz, vielleicht sehr bewusst eingesetzt...
Mit dieser Prothese, die er als Dank für seinen aufopfernden Dienst im Zweiten Weltkrieg spendiert bekommen hatte, pflegte er unsere rund 40 Klassenarbeitshefte zum Bauch hin einzuklemmen, wenn er zu Stundenbeginn die Klasse in seiner rammbockmäßig gebeugten Haltung erstürmte und wie ein Berserker tobte: "Diese Klassenarbeit war einmal wieder unter aller Sau! Was glaubt ihr, wo ihr euch befindet? Im Kindergarten?!!! Nur einige wenige Arbeiten sind einigermaßen gut ausgefallen: Das ist kein Niveau, nicht bei mir!!!"
Während dieser puterroten Brüllerei ließ er unsere Hefte auf den Boden fallen, jedenfalls die meisten; einige, die er in der linken Hand trug, legte er plötzlich fast zufrieden wirkend auf sein Pult.
"Du da und du da: aufsammeln und verteilen!! Zackzack!!! Sofort Nachbesserung der Arbeit schreiben! Ich weise euch dabei ein klein wenig auf eure dummen Fehler hin! SOFORT!!!"
Wie kann ein Mensch seine Stimmbänder dermaßen strapazieren, ohne sie vollends zu verlieren? Training, dachten die Sportler unter uns: Wir können die Sehnen und Muskeln ja auch ständig belasten oder auch ab und zu überdehnen, weil wir dauernd am Üben sind. Das leuchtete selbst den weniger sportlichen Kameraden ein.
Drei Tage danach fegte er, wie es mir schien, durch die geschlossene Tür des Klassenzimmers in die nächste Unterrichtsstunde:
Nie in meinem noch unbedarften, jungen Leben hätte ich geglaubt, dass ein Mensch - dazu noch im fortgeschritten Alter! - seine eigene Explosion überleben könnte...
"Wollt ihr mich auf den Arm nehmen, stupides Pack??!!!"
Die Klassenarbeitshefte riss er dabei aus der Umklammerung seines Holzarms und schmiss sie mit der Linken zornerfüllt quer durch die Klasse. Heute denke ich gar, ich hätte dabei giftgrünen Geifer aus seinen Mundwinkeln spritzen sehen... Seine eisgrauen Augen, passend zu den spitzen grauen Igelhaaren und seinem dunkelgrauen Anzug, den er wohl nie wechselte, stierten uns dabei in den Boden.
Das Luftanhalten der Kameraden war für mich hörbar, die Steifheit auf jedem einzelnen Stuhl spürbar. Hätte jetzt jemand hüsteln oder gar niesen müssen: Das Inferno daselbst wäre unweigerlich über uns hereingebrochen.
Nach dieser Verbesserung der Nachbesserung konnte es doch eigentlich nicht schlimmer werden, oder? Weit gefehlt!
In der nächsten Unterrichtseinheit wurden wir vehement und - wen überrascht es? - äußerst lautstark angeklagt, unsere Klassenarbeitshefte in einem desolaten Zustand an den Lehrer zurück gegeben zu haben! Folge: Vokabeltest...
Wer aber jetzt glauben sollte, dass sich das über Jahre unentwegt hinweg zog, der liegt nur etwas richtig: Es gab seltene Momente, wo Herr Dr. Schott Wesens- und Lehrarten zeigte, die einem Lehrer geziemten und ihn als Pädagogen sogar als rechtmäßig ins Amt gesetzt erscheinen ließen; leider war dies viel zu selten der Fall.
Ich erinnere mich sehr gerne daran, dass wir aufgefordert wurden, anhand seinen Beschreibungen Pläne zu zeichnen, die das antike Rom darstellen sollten: Das Forum Romanum zum Beispiel entstand auf meinem Zeichenblatt in Windeseile, weil ich die eindringlichen Schilderungen des Lehrers umsetzen konnte, der diese Stätte natürlich schon besucht hatte. Zeitgleich kritzelte er mit Kreide die Umrisse und Standorte der wichtigsten Bauten an die Tafel und erklärte uns, um was es sich dabei handelte.
Ebenfalls Pompeji, in einer anderen Unterrichtsstunde: Auch hier konnte ich seine Begeisterung nachvollziehen, die er uns anhand des Lebens und Sterbens dieser Stadt vermittelte und mit der er danach die hervorragend erhaltenen Fragmente des blühenden Lebens dieser schon recht modernen Metropole schilderte, die im Aschenregen des Vulkanausbruchs der Nachwelt erhalten geblieben waren.
In diesen seltenen Momenten schien Schott irgendwie abseits von sich selbst zu stehen; er wirkte nicht nur menschlich, sondern sogar irgendwie 'warm' in Erinnerung an seine Ausflüge in die Welt der lateinischen Antike!
Ich gestehe gerne, dass ich von diesen Geschichtsstunden fasziniert war; auch deshalb, weil kaum ein Wort übersetzt werden musste... Ich hasste Latein!
Viele Jahre später, als ich selbst diese geschichtsträchtigen Orte besuchen konnte, erinnerte ich mich sehr lebhaft an diese Lehrstunden und freute mich, dass ich diese damals erleben durfte: In meinem ersten Buch hatte ich bei den Reisebeschreibungen zu diesen Stätten Herrn Dr. Schott dafür gedankt. Hier ein kleiner Auszug aus diesem ersten Buch, bei einem Besuch in Pompeji:
<<..., und erklimmen schließlich die Empore des Amphitheaters; so ziemlich das Grandioseste des ohnehin grandiosen Pompeji!
In der jetzt schon tief stehenden Sonne vermag ich geistig-leibhaftig das Treiben hier zu sehen, zu spüren und zu hören – bloß verstehen kann ich nicht viel, ich war ja kein besonders guter Lateinschüler...
Manno, irgendwie ist das alles doch so ganz anders, als ich aus den schnöden Lateinübersetzungen noch aus der Schule her kannte; auch die überaus gekonnten und gefühlvollen Schilderungen meines Lehrers zu diesem Thema sind in diesem Jetzt nur noch blasse Eindrücke aus der schulischen Vergangenheit! …>>
Das war es aber auch schon an Dank für diesen Lehrerlump, der uns in seiner egozentrischen Weise mit Hang zu unkontrollierten Handlungen in den Boden zu stampfen versuchte. Es ist auch heute noch völlig fraglich, was er damit bezwecken wollte, außer seinem exzentrischen Ego zu dienen - oder ihm freien Lauf zu lassen. Ein heutiger Psychologe würde einen solchen Menschen als Psychopathen bezeichnen.
Ich hatte anfangs beschrieben, dass er sehr gerne die Rest-Kreide rückwärts über die Schulter in den Papierkorb warf, direkt rechts neben dem Eingang des Klassenzimmers. Er übte aber auch sehr gerne eine andere Wurftechnik:
Ein während dem Unterricht unbedacht etwas lauteres Wort, also eine Prise mehr als hauchleise, konnte dem Kameraden einen Kreidefleck auf der Stirn einbringen, auch wenn er in der letzten Reihe saß! Mit unfassbarer Geschwindigkeit und Genauigkeit traf ein Kreidegeschoss aus seinem linken Wurfarm... Wie und wo hatte er das nur trainiert? Wahrscheinlich auch in anderen Klassen.
Falls in einer solch aufmüpfigen Situation der Herr Lehrer gerade keine Kreide in der Hand hatte, tat es zur Not auch mal der Schlüsselbund in seiner linken, grauen Jackentasche... Und auch der traf kopfgenau!
Aber nicht nur die Köpfe der Schüler hatten es ihm angetan; einmal war es auch das Gegenteil, nämlich bei mir - wobei ich endlich zum Thema komme, denn diese Geschichten in dem vorliegenden Buch handeln ja von mir selbst:
Ich hatte mir an der rechten Hüfte ein Furunkel zugezogen, genau an der Gürtellinie, was recht heftig weh tat. Ein Kamerad stieß mich zufällig dort an während einer kleinen, spaßhaften Rangelei, wobei wir überhört hatten, dass die Pausenklingel schon zum Unterricht gerufen hatte.
Durch diesen überaus heftigen Schmerz reagierte ich ohne Zutun meines Hirnkästchens und stieß den Kameraden weg mit verzerrtem Gesicht, was bestimmt jeder nachvollziehen kann.
Just in diesem Moment erschien Schott in der Tür!
Sein überscharfer, eisgrauer Blick erfasste natürlich sofort die Situation in völlig klarer Lage: Ich stieß einen Kameraden! Das schrie nach Vergeltung...
In irrsinniger Geschwindigkeit, der ich absolut nichts entgegenzusetzen hatte (trotz meiner Sportlichkeit!), packte er mich mit der linken Hand im Genick, klemmte meinen Kopf zwischen seine Knie und versohlte mir den Hintern: Ein Teppichklopfer hätte keine bessere Arbeit leisten können!
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