In vierzig Tagen wird er einen Schritt tun, der diese Karriere schließlich beenden und sie auf einen Aktenvorgang mit der Personenkennzahl 270443429732 reduzieren wird. Nicht ganz freiwillig wird Harald Jäger diesen Schritt tun, aber er wird damit Weltgeschichte schreiben.
Der junge sächsische Ofensetzer-Geselle
Harald Jäger im Jahre 1961 als Rekrut beim Grenzregiment 33 in Berlin
Dienstag, 3. Oktober 1989
Am Nachmittag trifft Erich Honecker im ZK-Gebäude aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages mit „Veteranen der Arbeiterbewegung“ zusammen und erklärt, dass „die Existenz der sozialistischen DDR ein Glück für unser Volk und die Völker Europas“ sei. In den Abendnachrichten gibt die DDR-Regierung bekannt, dass der pass- und visafreie Verkehr zwischen der DDR und der CSSR mit sofortiger Wirkung ausgesetzt worden sei. Damit gibt es kein einziges Land der Erde mehr, in welches DDR-Bürger reisen können, ohne vorher ein Visum zu beantragen.
Die Meldung hatte sofort für Ruhe im Raum gesorgt. Angelika Unterlauf, die bekannte Nachrichtensprecherin des DDR-Fernsehens, hatte sie an zweiter Stelle der Übersicht verlesen. Ohne den Hauch einer Wertung in der Stimme, als pure Verkündung einer amtlichen Verlautbarung. Dennoch war nur selten zuvor hier in der Wirtschaftsbaracke eine Ausgabe der „Aktuellen Kamera“ von allen gleichermaßen aufmerksam verfolgt worden – von einfachen Passkontrolleuren, Mitarbeitern des Zolls und einigen wenigen Offizieren der Grenztruppen. Und vom stellvertretenden Leiter der Passkontrolleinheit Harald Jäger. Seither beschäftigten hier alle die gleichen Fragen, die in diesem Augenblick auch Millionen von DDR-Bürgern vor den Fernsehgeräten halten dürften. Handelte es sich bei dieser Maßnahme um eine auf Dauer angelegte Aussetzung des pass- und visafreien Verkehrs mit dem Nachbarland? Oder nur um eine zeitlich befristete? Was bedeutete das für jene, die bereits einen Winterurlaub in der Hohen Tatra geplant oder sogar fest gebucht hatten?
Harald Jäger sieht seine Vision schlagartig zur Illusion degradiert. Zeigt die eben verkündete Maßnahme doch, dass die Partei- und Staatsführung die Situation im Lande offenbar völlig falsch einschätzt. Wie anders ist es zu erklären, dass man das Land international immer weiter isolierte? Statt mit einer grundlegenden Reform des Reisegesetzes den neuen Erfordernissen Rechnung zu tragen. Niemand hatte dem Oberstleutnant Jäger in den letzten Tagen mehr widersprochen, als er in zahlreichen Gesprächen jene Vorstellung entwickelte, die ihm noch vor wenigen Monaten nicht in den Sinn gekommen wäre. Demnach solle allen Bürgern ein Visum erteilt werden, die ein solches beantragen. Denen, die das Land für immer verlassen und denen, die zurückkehren wollen. So würde man zu einer für jedermann nachvollziehbaren Praxis kommen und sich ganz nebenbei einige Probleme vom Hals schaffen. Wahrscheinlich würde dann nämlich die Zahl der Ausreiseanträge deutlich sinken. Ganz gewiss aber sich der Zulauf zu den Montagsdemonstrationen verringern, die es mittlerweile nicht mehr nur in Leipzig gibt. Vor allem brauche sich der Staat keine solche Blöße mehr zu geben, wie dies bei der Ausweisung der Botschaftsflüchtlinge geschehen war. Außerdem würden viele der übersiedelten DDR-Bürger schon bald wieder zurückkommen. Weil sie im Westen keine ihren Qualifikationen entsprechende Arbeit fänden. Oder keine geeigneten Lehrstellen für ihre Kinder. Natürlich könne dann auch das aufwändige Grenzregime auf das zwischen souveränen Staaten übliche Maß heruntergefahren und dem Staatshaushalt so eine enorme Entlastung ermöglicht werden.
Sogar sein Vorgesetzter, der Leiter dieser Passkontrolleinheit, hatte nachdenklich mit dem Kopf genickt. Ein Mann, der sonst Forderungen nach Veränderungen erstmal ablehnend gegenübersteht. Wahrscheinlich war auch ihm schon zu Ohren gekommen, dass derartige Denkmodelle inzwischen bereits auf den mittleren Ebenen des Ministerrats durchgespielt werden. Selbst von ZK-Referenten. Nicht einmal der linientreue Parteisekretär, brachte mehr die altbekannten Gegenargumente vor. Die, die immer dann heruntergebetet worden waren, wenn eine besonders starke Ausreisewelle Anlass zu Diskussionen gab. Oder nachdem Genossen der GÜST auf einem Kollektivvergnügen in Feierlaune „beschlossen“, im nächsten Jahr auf Bornholm zu feiern. In Anspielung auf die eigene Dienstadresse – wissend, dass die Insel zu Dänemark gehört. Die chronische Devisenschwäche der DDR, so hieß es dann immer, mache die eigenen Bürger im westlichen Ausland zu Bettlern. Außerdem würde die höhere Akademiker-Entlohnung dort zur Abwanderung von Ärzten und Wissenschaftlern führen. Andererseits widerspräche eine Anhebung von deren Lebensstandart im eigenen Land den Prinzipien eines „Arbeiter- und Bauernstaates“.
Als die Gefahr endlich vorbei gewesen ist, war dem blutjungen Grenzpolizisten klar geworden, dass dies einer jener Tage sein würde, die er nie vergessen wird. Jedes Detail dieser dramatischen Stunde wird wohl für immer in seinem Gedächtnis eingegraben sein – die rennende Frau, die schreiende Meute auf westlicher Seite und seine eigene Todesangst in jenem Schützengraben, der ihm kaum hätte Schutz bieten können vor amerikanischen Schnellfeuerwaffen, abgefeuert von einem Hochhaus auf der anderen Seite. Dabei hatte der Tag so angefangen wie fast alle anderen zuvor in den letzten acht Monaten, seit Harald Jäger nun schon hier an der Grenze Dienst tat.
Am Morgen war er als Postenführer eingeteilt worden und hatte mit einem Kollegen dort Stellung bezogen, wo die Wildenbruchstraße auf die inzwischen zwei Meter hohe Mauer trifft. Jenseits davon hatte man ein Holzpodest aufgebaut, auf dem fast immer einige Menschen standen. Die meisten sahen einfach nur herüber, andere brüllten irgendwelche Schimpfwörter und gelegentlich flogen auch mal Steine oder eine Bierflasche. „Nicht provozieren lassen!“ war als Devise ausgegeben worden und Harald Jäger hielt sich daran.
Manchmal während der langweiligen nächtlichen Postengänge zählte er die beleuchteten Fenster in dem achtstöckigen Hochhaus drüben, deren Zahl natürlich immer mehr abnahm, je später es wurde. Vor drei Tagen war an diesem Abschnitt ein Gefreiter abgehauen. Mitten am Tag hatte er seinen Postenführer abgelenkt und war dann blitzschnell über die Mauer geklettert. So wie sie es während ihrer Grundausbildung an der Eskaladierwand immer wieder haben üben müssen.
Harald Jäger entdeckte die Frau zuerst, die sich ganz hinten, noch jenseits der Elsenstraße, hektisch nach allen Seiten umdrehte, ehe sie mit schnellen Schritten ins Grenzgebiet hineinlief. Wo war sie nur so plötzlich hergekommen? Aus einem der Wohnhäuser die dort nahe am Grenzgebiet stehen? Der junge Grenzpolizist fühlte sein Herz bis zum Hals schlagen. Von einer Sekunde zur anderen war er herausgerissen worden aus der alltäglichen Routine.
„Was hat die Frau vor?“, schrie er seinen Kollegen an.
„Wo sind denn die Posten da hinten?“ brüllte der andere zurück.
Tatsächlich war das schon gar nicht mehr ihr Postengebiet, dort wo diese Frau nun direkt auf die Mauer zu rannte. Sie waren mindestens dreihundert Meter entfernt. Keine der für einen solchen Fall vorgeschriebenen Maßnahmen machte hier einen Sinn. Anrufen, Warnschuss, Nacheile – selbst ein Zielschuss auf die Beine kam aus dieser Entfernung nicht in Frage. Die Flüchtende hatte nur noch wenige Meter bis zur Mauer vor sich. Schüsse in diese Richtung verboten sich schon deshalb, weil Querschläger auf westliches Gebiet driften könnten. Warum aber unternahmen die Posten hinten an der Elsenstraße nichts?
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