Mit wem kann er über diese sich überstürzenden Gedanken sprechen? Harald Jäger will und kann diese Verunsicherung nicht jenen ihm unterstellten Passkontrolleuren mitteilen, die dort draußen den nun zunehmenden Rückreiseverkehr der Tagestouristen kontrollieren. In wenigen Stunden wird ihn E., der andere Stellvertreter dieser Passkontrolleinheit, ablösen. Dann würde es ein Gespräch unter Oberstleutnanten sein. Und nicht nur das – der für die operativen Aufgaben zuständige Genosse hatte schon in der Vergangenheit immer ein offenes Ohr für Harald Jägers kritische Überlegungen. Und nicht selten hat er diese auch geteilt.
Am achten Tag der neuen Zeitrechnung kam der Grenzpolizist Jäger zum ersten Mal an jenes Bauwerk, dessen Errichtung für ihn diese neue Zeitrechnung eingeleitet hatte. Am Morgen waren ihm und seinen Kameraden in einer Köpenicker Kaserne nagelneue Khaki-Uniformen verpasst worden. Das hatte nach ihrem Eintreffen am „antifaschistischen Schutzwall“ auf westlicher Seite für Verwirrung gesorgt. Dort kannte man offenbar nur die grünen Uniformen der Volkspolizisten und die steingrauen der Nationalen Volksarmee. Jedenfalls hatte man drüben schließlich daraus den Schluss gezogen, bei den neuen Grenzschützern müsse es sich um Russen handeln. Über zwei auf einen Kleinbus montierte Lautsprecherreihen wurden die Schrebergärtner auf der anderen Seite darüber „informiert“, dass die bisherigen Volkspolizeiposten durch sowjetische Kräfte ersetzt worden seien. „Studio am Stacheldraht“ nannte man die mobilen Rundfunkstationen, bei denen es sich um amerikanische Propagandasender handelte, bezahlt aus dem Etat der CIA. Jedenfalls hatte ihnen das jener Feldwebel gesagt, der sie hier zum Grenzdienst eingeteilt hatte – an der vormaligen Stadtteilgrenze zwischen Treptow und Neukölln, die nun zu einer Staatsgrenze geworden war.
Die falsche Annahme hielt sich auf der anderen Seite nur einen einzigen Tag. Zwischen Swing und Rock’n Roll wurden die Grenzpolizisten schon am nächsten Morgen wieder in deutscher Sprache zur Fahnenflucht aufgefordert. Inzwischen hatte sich in der Truppe das Gerücht verbreitet, dass in der letzten Woche viele Volkspolizisten dieser Aufforderung gefolgt seien. Deshalb wären deren Einheiten in die jeweiligen Heimatbezirke zurückgeschickt und durch die zuverlässigeren Grenzpolizisten ersetzt worden. Das Gerücht vermittelte Harald Jäger das Gefühl, einer zuverlässigen und klassenbewussten Elitetruppe anzugehören. Und das war ein gutes Gefühl – eine Mischung aus prinzipienfester Moral, jugendlichem Heldenmut und ganz profanem Stolz.
Tatsächlich gab es aus den eigenen Reihen bisher keine Fahnenfluchten. Jedenfalls nicht an seinem Grenzabschnitt, der sich vom Flughafen Schönefeld bis zum Osthafen erstreckte. Dabei wäre es ganz einfach gewesen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte man hier nur an den vom Westen in den Osten führenden Straßen Betonplatten als Kraftfahrzeug-Sperren übereinander geschichtet. Links und rechts davon waren lediglich Stacheldrahtrollen verlegt, die zu überspringen für gut trainierte Grenzpolizisten kein Problem dargestellt haben würde. Und niemand hätte sie daran hindern können. Denn die Karabiner und Maschinenpistolen der Grenzschützer waren damals noch Attrappen, jedenfalls ohne Munition. Nur auf ausdrücklichen Befehl durfte die versiegelte Patronentasche geöffnet oder vom Postenführer ein MP-Magazin in Empfang genommen werden. Eigentlich war die Truppe bei der Harald Jäger Dienst tat, in diesen ersten Wochen ein zahnloser Tiger – nur wusste das auf der anderen Seite niemand. Und auch er selbst wollte sich dadurch die Überzeugung nicht kaputt machen lassen, in einer wahrhaft heroischen Epoche zu leben.
Die westliche Seite verfolgte ganz offensichtlich eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche. Das Zuckerbrot bestand aus Hershey-Schokolade und Wrigleys-Kaugummi, die von amerikanischen Soldaten und West-Berliner Bürgern über den Stacheldraht geworfen wurden. Der Grenzpolizist Harald Jäger aber strafte das Konfekt des Klassengegners durch Nichtbeachtung. Im äußersten Fall kickte er die Süßigkeiten mit der Stiefelspitze in den Schützengraben, der vor dem Grenzzaun ausgehoben worden war. Andere Streifengänger warfen die Objekte der süßen Verführung auf das gegnerische Gebiet zurück. In jener Zeit wurde im Sprachgebrauch der Grenzschützer das geographische Gegensatzpaar „Ost-West“ durch die ideologische Positionierung „freundwärts-feindwärts“ ersetzt.
Die Peitsche hingegen bestand aus gewagten Wendemanövern, die von amerikanischen Jeeps feindwärts ganz dicht am Grenzzaun veranstaltet wurden. Die Posten freundwärts mussten das als Provokation verstehen. Und Harald Jäger hatte sich provozieren lassen. In einer eigenmächtigen und letztlich unverantwortlichen Aktion hatten er und sein Postenführer Furchtlosigkeit und Entschlossenheit demonstrieren wollen. Als ein amerikanischer Jeep herangerast gekommen war und schließlich die Spitze des aufgepflanzten Maschinengewehrs ein kleines Stück über die Betonplatten und damit auf DDR-Territorium ragte, hatten sich die beiden Grenzschützer nur kurz angesehen und wortlos verstanden. Gleichzeitig setzten sie die Stahlhelme auf, luden ihre Karabiner mit den leeren Magazinen durch und stürmten in Richtung des Klassenfeinds. Im nächsten Moment wurde drüben der Rückwärtsgang eingelegt und der Jeep fuhr mit quietschenden Reifen davon. Erst später war den beiden jungen Grenzpolizisten bewusst geworden, wie schnell ihre unüberlegte Aktion zu einem militärischen Konflikt hätte eskalieren können. „Wenn das damals herausgekommen wäre, hätte das mindestens zwei Wochen Bau, wenn nicht gar die Entlassung aus dem Grenzdienst bedeutet“, wird Harald Jäger später seinen Untergebenen erzählen. Aber auch achselzuckend: „Wir waren eben Hasardeure damals!“
Die kleine Anhöhe kurz hinter der Vorkontrolle/Ausreise ermöglicht Oberstleutnant Harald Jäger einen idealen Überblick über das gesamte Areal, welches die offizielle Bezeichnung „GÜST (Grenzübergangsstelle) Bornholmer Straße“ trägt. Als Feldwebel war er vor einem Vierteljahrhundert hierher gekommen. Nicht erst heute an diesem dramatischen Tag hat sich in der DDR vieles, hier aber fast nichts verändert. Nur der Oberleutnant dort oben an der Vorkontrolle/Einreise bringt mit seinen provokanten Fragen gelegentlich ein wenig von jener Stimmung auf die GÜST, die seit kurzem im Lande um sich greift. Eine Stimmung, die von denen ausgeht, die nicht ins ungarisch-österreichische Grenzgebiet reisen oder über Prager Botschaftszäune steigen. Von Leuten, die die DDR nicht abschaffen, sondern verändern wollen. Deshalb rufen sie auf Leipzigs Straßen und anderswo „Wir bleiben hier!“ und neuerdings „Demokratie jetzt!“. Der Parteisekretär hingegen, der in diesem Moment dort drüben auf der Diplomatenspur mit militärischem Gruß den Wagen irgendeines Botschaftsangehörigen empfängt, steht für die traditionelle DDR. Die der realitätsfernen ideologischen Prinzipien jener alten Männer des Politbüros. Harald Jäger fragt sich in den letzten Tagen immer häufiger, von wem eigentlich die größere Gefahr für sein krisengebeuteltes Land ausgeht. Er ahnt, dass vielen der Leipziger Montagsdemonstranten die Vokabel von den „feindlich-negativen Kräften“ nicht gerecht wird. Und nicht den Umweltschützern in der Berliner Zionskirche. Wahrscheinlich trifft sie noch nicht einmal auf jeden zu, der womöglich gerade im fernen Prag einen Zug besteigt, um sich durch die DDR ins andere Deutschland transportieren zu lassen.
Dort unterhalb der Vorkontrolle/Einreise verläuft die wahrscheinlich am besten gesicherte Grenze der Welt. Doch sie hat ihre Wirkung endgültig verloren, seit ein Prager Gartenzaun zur nahezu ungesicherten Grenzstation zwischen den beiden feindlichen Brüdern „Deutschland“ geworden ist. Mehr als einmal konnten Harald Jägers Leute kriminelle Schlepperbanden ermitteln und festnehmen, die DDR-Bürger ohne gültige Grenzübergangspapiere in den Westen schmuggeln wollten. In präparierten Fahrzeugen oder mit gefälschten Papieren. In dieser Nacht aber werden solch ungesetzliche Grenzübertritte von der Partei- und Staatsführung nicht nur geduldet, sondern auf deren offizielle Weisung hin durchgeführt. Zum ersten Mal fühlte jener Oberstleutnant der in den vergangenen achtundzwanzig Jahren eine beeindruckende Karriere hingelegt hat, an diesem Abend seine berufliche Existenz ad absurdum geführt.
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