Kaum zehn Minuten nach Auslösen des Gefechtsalarms war Harald Jäger Teil einer formierten Hundertschaft auf einem Kasernenhof in Schildow. Hier an der nördlichen Berliner Stadtgrenze war man vom Ost-Berliner Stadtbezirk Pankow ebenso weit entfernt, wie von Frohnau, welches bereits auf West-Berliner Gebiet lag. Wo würden sie wohl eingesetzt werden? Und was würde ihre Aufgabe sein? Das war die Frage, die in jenen Minuten sicher alle hier versammelten Grenzpolizisten beschäftigte. Während vor ihnen der Kompaniechef brüllte: „Genossen, die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos!“ Natürlich war sie das nicht, hatte man doch die Geschichte auf seiner Seite – war mit einer „historischen Mission“ betraut. Das wusste Harald Jäger nicht erst seit es ihm während der Grundausbildung in zahlreichen politisch-ideologischen Schulungen von jenem Polit-Offizier wieder und wieder erklärt worden war, den alle Rekruten liebevoll „Papa“ nannten. Auch sein eigener Vater hatte ihm mit den einfachen Worten eines Schmieds erklärt, dass die Geschichte nach den Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes verlaufe. So wie einst die wirtschaftlich aufstrebende Bourgeoisie die politische Macht des Feudaladels gebrochen habe, so würde sich nun die revolutionäre Arbeiterschaft jener Kapitalistenklasse entgegenstellen, die ja gerade erst im Faschismus ihr wahres Gesicht gezeigt habe. Schon früh war Harald Jäger gleichermaßen davon überzeugt, in einer wahrhaft großen geschichtlichen Epoche zu leben, als auch begeistert, daran mitwirken zu dürfen.
Dabei war sein Vater keineswegs als Kommunist aus dem sowjetischen Kriegsgefangenlager zurückgekehrt. Die Wandlung war am 17. Juni 1953 passiert. Ausgerechnet die aufständischen Berliner Bauarbeiter hatten das bewirkt. Die westlichen Radio-Moderatoren auch. Diese würden lautstark die Freiheit preisen, hatte der Vater damals gesagt, und über die Verbrecher in den höchsten Stellen ihres eigenen Staates schweigen. Über jene Leute, die ihn noch im Mai 1945 an den Endsieg hätten glauben lassen – bis er zwei Tage nach der Kapitulation mit scharfen Waffen in der Tschechoslowakei aufgegriffen worden war. Danach war er an einen Ort gekommen, den zu erreichen sich nicht einmal sein einstiger Führer hatte träumen lassen. Zweitausend Kilometer östlich von Moskau.
Als die Arbeiter in Berlin gegen die Volkspolizisten vorgingen, sie verprügelten und vereinzelt sogar totschlugen, hatte sich der Vater demonstrativ mit der bedrohten Regierung solidarisch erklärt. Fortan wurde der Sohn von den Kindern in der Siedlung als Kommunistenbengel beschimpft. Selbst von seinen bis dahin besten Freunden. Er hätte hadern können mit dem Mann, der ihn in diese Lage gebracht hat, hätte sich gegenüber den Gleichaltrigen distanzieren können vom Vater, der plötzlich ganz anders redete. Aber er wollte stolz sein auf ihn. Was war schon falsch an dem, was er sagte? Warum sollte man nicht gegen den Krieg sein? War es denn nicht richtig, dass die Fabrikbesitzer an diesem Krieg viel Geld verdienten und man ihnen deshalb die Fabriken wegnahm? Das Waggonwerk zum Beispiel, das einst dem Flick-Konzern einverleibt worden war, im gleichen Jahr, als der Angriff auf die Sowjetunion erfolgte. Hier arbeitete der Vater nun wieder als Schmied, nachdem er die Uniform des Grenzpolizisten ausgezogen hatte. An Stalins Todestag hat der Vater ihm erzählt, wie es einst dazu gekommen war. Als sie gegenüber vom Stalin-Denkmal vor dem Haus der Kreisleitung der Partei standen, wo junge Männer mit Luftgewehren die Trauerwache hielten. Man habe ihm im Lager jenseits des Ural die Freilassung angeboten, wenn er sich bereit erkläre, in der Heimat Dienst bei der Grenzpolizei zu tun. Als er zurück war, habe er Wort gehalten.
Der Vater hat noch einiges erzählt an diesem Tag. Vom Obdachlosenheim, das früher in der alten Kaserne war, und dass die Mutter dort die Kindheit habe verleben müssen. Als gesellschaftliche Außenseiterin. In der Schule hätten viele nichts mit ihr zu tun haben wollen. Dann aber hätten die Nazis die Kaserne für ihre Soldaten gebraucht und deshalb die Siedlung „Herrenteich“ gebaut, in der sie ja noch immer wohnten. Für 6000 Reichsmark habe man das kleine Häuschen erwerben können, als sie geheiratet haben. Ein eigenes Heim mit niedrigen Zimmern und einem Plumpsklo, aber in bequemen Raten abzubezahlen. Deshalb sei er auf ihre Parolen herein gefallen und deshalb könne er jetzt nicht hinter der anderen Fahne herlaufen. Dreieinhalb Monate später lief er dann doch hinter dieser Fahne her und der kleine Harald war stolz auf ihn. Und als die Kinder aus der Siedlung ihm „Kommunistenbengel“ hinterher riefen, beschloss er, das als Ehrentitel anzusehen.
Es war kurz vor Mitternacht, als der Kompaniechef seine Ansprache über „die aktuelle militärische Bedrohung durch die imperialistischen Mächte“ beendet hatte. Dann haben die Gruppenführer damit begonnen, die versammelten Grenzpolizisten dafür einzuteilen, die Zufahrtsstraßen nach Berlin für die eigene Bevölkerung aus dem Hinterland zu sperren. Er fieberte dem Moment entgegen, in dem ein Gruppenführer endlich auch seinen Namen aufrufen wird: Harald Jäger.
Endlich würden ihm die jungen Kerle am Straßenkontrollpunkt nicht mehr ins Gesicht lachen können, ehe sie sich auf West-Berliner Arbeitsstellen als Lohndrücker und Streikbrecher betätigen. Sie würden ihre Arbeitskraft der heimischen Volkswirtschaft zur Verfügung stellen müssen. Vorbei die Zeiten, in denen jene in den Dorfkneipen den reichen Max spielen konnten, um diese demonstrativ zu verlassen, wenn uniformierte Grenzpolizisten dort zum Feierabend ein Bier trinken wollen. Die Landfrauen aus der Umgebung würden ihre Blaubeeren und Steinpilze künftig auf dem Pankower Wochenmarkt verkaufen müssen, da ihnen der Weg zu denen auf West-Berliner Gebiet verschlossen sein wird. Er und seine Genossen würden keine Tricks mehr anwenden müssen, um die Schildower Pastorenfamilie am Besuch des West-Berliner Kirchentags zu hindern. Endlich hatte die Partei auf diese unhaltbaren Zustände reagiert, der bewusste Teil der Arbeiterklasse würde in dieser Nacht seine Stärke beweisen. Das also war sie – die historische Mission! Harald Jäger war überzeugt, der 13. August 1961 werde in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung eingehen, wenn nicht gar in die Annalen der kommunistischen Weltbewegung. Der junge Grenzpolizist bedauerte nur, dass dieser Tag ein Sonntag war. Ein Umstand, der ihn um das Vergnügen bringen würde, jenen Streikbrechern, Schmugglern und Schiebern am Morgen direkt in die verblüfften Gesichter zu blicken.
Der Oberstleutnant hat das dringende Bedürfnis mit jemandem zu sprechen. Darüber, was er eben erfahren hat – in den „Tagesthemen“. Auf dem kleinen Junost-Fernseher im Dienstzimmer des Leiters der Passkontrolleinheit (PKE). Er findet keinen Grund an dieser ungeheuerlichen Nachricht zu zweifeln. Obgleich sie im Sender des Gegners gesendet wurde. Hatte man darüber auch schon in der „Tagesschau“ um 20 Uhr berichtet? Er erinnert sich nicht. Vielleicht war die Meldung untergegangen, angesichts seiner Erschütterung darüber, dass junge DDR-Bürger mit kleinen Kindern, sich jubelnd und weinend in die Arme fielen. Schließlich musste er erstmal verkraften, dass die eigene Partei- und Staatsführung bereit war, diesen tausendfachen Gesetzesbruch zu legitimieren.
Nein, er erinnert sich nicht, schon zuvor an diesem Abend davon gehört zu haben, dass die so genannten Botschaftsflüchtlinge über das Territorium der DDR reisen werden. Welcher realitätsfremde Trottel hat sich das nur ausgedacht? Wollte man durch einen Verfahrenstrick staatliche Souveränität demonstrieren? Doch auch wenn die Entscheidung vom Ministerrat beschlossen und vom Politbüro abgenickt worden sein sollte – sie verstößt eindeutig gegen bestehende Gesetze. Harald Jäger könnte den Gesetzestext des §213 des DDR-Strafgesetzbuches, der den Tatbestand des "ungesetzlichen Grenzübertrittes" benennt, selbst im Schlaf herunterbeten. Schließlich hatte ihn das Ministerium für Staatssicherheit in der hauseigenen Hochschule zum „Diplom-Juristen“ ausbilden lassen. Nie hätte er für möglich gehalten, dass er einmal der eigenen Regierung würde vorwerfen müssen, diesen Straftatbestand zu begünstigen. Aber nichts anderes ist es, wenn man jene Botschaftsflüchtlinge vor deren Ausreise tatsächlich über DDR-Gebiet fährt. Wenn man sich schon habe erpressen lassen, so wäre es juristisch haltbarer, nach geographischen Gegebenheiten einfacher, vor allem aber aus sicherheitsrelevanten Gründen sinnvoller gewesen, man hätte die Züge von Prag aus auf direktem Wege ins benachbarte Bayern geschickt. Aber ganz sicher hat über diese Frage keinerlei Rücksprache mit den operativen Kräften der Staatssicherheit stattgefunden. Die hätten den Entscheidungsträgern schnell klar gemacht, welche Gefahren für die innere Sicherheit es in sich birgt, die Staatsgrenze quasi entlang der eigenen Eisenbahnlinie zu verlegen. Womöglich würden nun auch andere Bürger versuchen, in diesen Zug zu gelangen. Die Passkontrolleure im Vogtland oder wo immer dieser Zug die DDR wieder verlassen wird, könnten solche Grenzverletzter ja nicht mal anhand der fehlenden Dokumente herausfiltern. Schließlich hatte ja nun keiner in diesem Zug ein gültiges Visum zum Verlassen der DDR.
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