Ob diese Texte einem Geist oder gar einem guten Geist entspringen, vermag der Autor selbst nicht zu sagen. Der Leser wird entscheiden. Die Geschichte sowieso.
ERSTER TEIL
GOTT, DER UNS INS LEBEN RUFT UND INS VERDERBEN SCHICKT
EINE KLEINE EINLEITUNG
Im Jahr 2010 wurde Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Armut, Krankheiten, Zerfall, Ruinen, Hunger werden die Bewohner der Halbinsel noch lange Jahre begleiten. Die Welt schaute nicht nur zu, viele private und offizielle Institutionen halfen, wie sie konnten. Es gab sogar Konkurrenz unter den Helfern, einige wollten die Regie der Hilfsmaßnahmen an sich reißen. Auch religiöse Institutionen halfen selbstverständlich mit.
Einige religiöse Fundamentalisten aber fanden es mitunter wichtig, den gepeinigten Menschen zu verkünden, dass Gott das Beben geschickt habe, um sie wegen ihrer Verfehlungen zu bestrafen. Man wird sagen, das sind ja extreme Beispiele von unverbesserlichen religiösen Fanatikern, primitive Instinkte von rudimentär denkenden Menschen. So extrem, so selten primitiv ist die vertretene Meinung nicht. Ein Theologieprofessor meinte vor nicht allzu langer Zeit, Gott hätte einen seiner Kollegen mit der Lähmung der rechten Hand bestraft, weil er in seinen Schriften die physische Auferstehung Christi leugnete. Gott habe ihn damit gehindert, weiter zu schreiben.
Die erste Klage, wenn uns Krankheiten, Unglück und Leid heimsuchen, ist: Warum hat Gott gerade mich bestraft? Hiobs gibt es ungefähr so viele wie Hiobsbotschaften.
Die Frage nach dem Warum von Leid und Tod ist eine Frage, die Menschen sich seit Anbeginn stellen. Gekoppelt wird diese Frage mit einer noch ursprünglicheren: Wer hat diese Welt erschaffen? Ist diese unsere Welt einem Gott zu verdanken? Und wenn ja, wie ist das Leid zu erklären?
In diesem ersten Teil beschäftigen wir uns also mit der vordergründig logischen Antwort auf diese Frage, mit der Vorstellung, dass ein guter Gott diese Welt erschaffen hat und dass das Böse durch den Menschen in die Welt getreten ist.
Ein Spaziergang durch die neu erschaffene Welt, am liebsten durch den Garten Eden in Begleitung von Jahwe, mit Adam und Eva, wird uns gut tun. Vielleicht werden wir ja nicht nur von der frischen Luft der neuen Schöpfung erheitert, sondern auch vom Hauch des Schöpfergottes inspiriert.
Es ist natürlich die Frage, von welchem Schöpfergott wir hier reden. Denn oberflächlich gesehen haben wir in den ersten Kapiteln der Bibel zwei davon: Elohim und Jahwe. Nun werden Bibelleser, deren Augen oft mit religiösem Weihwasser gewaschen wurden und dadurch benebelt sind, meinen, Jahwe und Elohim seien ja doch ein und derselbe Gott. Das wisse doch jeder.
Das wusste ich auch. Bis vor Kurzem. Da fing ich an zu differenzieren. Ich schärfte meinen Blick darauf, die verschiedenen Götter aus dem Nahosten auseinander zu halten, aus der Region also, die Israel zu der Zeit nah waren, in der die Bibel entstanden ist. Es gab also den Gott El, der besonders in Kanaan verehrt wurde, bei anderen Völkern im Mittleren Osten gab es weitere Götter, die zwar alle einen Eigennamen hatten (An, Apsu, Enli, Marduk, Gilgamesch, Ischtar, Tiamat …), die aber alle mit dem Substantiv ›Götter‹ bezeichnet wurden. In der hebräischen Schreibweise hießen sie alle ›Elohim‹ – genauso wie der Schöpfer ganz zu Beginn des biblischen Textes.
Es gab also viele Elohim. Und die waren alle da, bereits zur Zeit Abrahams, lange bevor das Volk Israel erfuhr, dass es einen Gott Jahwe gab, der sich stark für Israel interessierte und um dieses Volk ja regelrecht warb. Später werden sich Israel und Jahwe annähern und für immer zusammen bleiben. Davor aber hatten auch die Israeliten verschiedene Elohim, verschiedene Götter. Mag man das unheimlich finden: So war es nun mal. Am Anfang waren viele Götter unter den Menschen, und es war schwer, sie auseinanderzuhalten.
Im Vorderen Orient waren mehrere Schöpfungserzählungen oder -mythen vorhanden. Und eine oder mehrere davon sprachen von El als Schöpfergott (El ist etwa bekannt aus dem Pantheon in Ugarit, wo er neben Enlil genannt wird). Diese Tradition wurde später von der Bibelschreibern (so gegen 500 vor Christus, also sehr spät, auf jeden Fall einige Jahrmillionen nach der echten Entstehung unserer Welt) dichterisch rhythmisch zusammengefügt und an den Anfang der Bibel gestellt.
Jahwe hingegen ist von Anfang an der Gott Israels. Dass Jahwe als Schöpfergott erwähnt wird, könnte bedeuten, dass das Volk Israel sich die Frage nach seinem eigenen Ursprung stellte und so beantworten wollte: Von Anbeginn an hat Jahwe an Israel gedacht. Er ist der Gott Adams, Abrahams, Isaaks, Jakobs, Israels.
Wir unvoreingenommenen Leser halten zunächst daran fest, dass zwei Götter zu Werke gehen: im ersten Schöpfungsbericht Elohim, im zweiten Jahwe.
Im Übrigen sei hier angemerkt, dass die meisten Bibelausgaben das Wort ›Elohim‹ mit ›Gott‹ wiedergeben, das Wort ›Jahwe‹ mit ›Herr‹. Wir lassen die zwei Wörter unverändert stehen, damit wir sie leichter auseinanderhalten können.
ENTSTEHUNGSGESCHICHTEN
DER EINE UND DER ANDERE GOTT
Am Anfang der Bibel steht das Buch Genesis (oder, wie die evangelischen Christen es benennen: das erste Buch Mose). ›Genesis‹ bedeutet Entstehung. Das Buch Genesis erzählt von der Entstehung der Welt, der Menschen und des kleinen, aber überaus wichtigen Volkes Israel, das seinerseits wiederum die Entstehung der Bibel zu verantworten hat.
Die Erschaffung von Himmel und Erde und mittendrin des Mittelpunkts der Schöpfung, der Menschen, wird in zwei knappen Kapiteln dargestellt.
Zu Beginn des ersten Kapitels, also ganz zu Beginn der ganzen Bibel, steht als erstes Wort: Am Anfang.
Gleich kommen einem eine ganze Menge Assoziationen in den Sinn: Darwin und Evolution, Kreationismus, Divine Design, Gut und Böse. Glaubensrichtungen und Fundamentalismen jeglicher Couleur treffen sich hier, um die wenigen Verse dieser zwei Kapitel hin und her zu wälzen.
Ist die Bibel Gottes Wort, und wenn ja, wie sind die Texte der Schöpfungsgeschichte zu verstehen? Sind sie offenbarte Wahrheiten oder sind sie Mythen (das verneinen wohl sehr viele, die der Meinung sind, in der Bibel könne es keine Mythen geben), oder gar primitive Legenden?
Bereits der Text der ersten zwei Kapitel verrät eine gewisse eigene Unsicherheit bei der Beantwortung dieser Fragen. Schon damals muss es ziemlich umstritten gewesen sein, wie die Erschaffung des Menschen und der Welt vonstatten gegangen ist. In den zwei Kapiteln der Bibel, die sich mit dem Anfang von Leben und Welt befassen, werden zwei unterschiedliche Versionen und Visionen der Erschaffung der Welt wiedergegeben.
Man redet von zwei Schöpfungsberichten (dabei achte man auf das Wort ›Bericht‹, als ob Reporter dabei gewesen wären!). Im ersten, der nach den heutigen Schriftgelehrten bis zum Vers 4a des zweiten Kapitels geht (eine sehr unsaubere Arbeit bei der Kapiteltrennung seitens derjenigen, die sie zu späterer Zeit vorgenommen haben), ist Elohim tätig. Im zweiten übernimmt Jahwe die Regie. Siehe auch den betreffenden Exkurs.
Auch literarisch kann man die zwei Schöpfungserzählungen gut unterscheiden: In der ersten wird die Erschaffung der Welt hymnisch, episch besungen, in der zweiten eher mythisch erzählt.
Elohim spricht, und es wird. Elohim erschafft die Welt nach einer Vorplanung in genau sechs Tagen und erholt sich am siebten. Er ruft zunächst die äußeren Rahmenbedingungen ins Dasein, den Himmel und die Erde, den Raum und die Zeit, die Sonne und die Sterne, Licht und Dunkelheit, Pflanzen und Tiere, und erst zum Schluss den Menschen als die Krone der Schöpfung. Und er findet alles, was er macht, gut. Sein Erschaffen ist kein richtiges Schaffen, weil er sich die Hände, soweit er welche hatte, nicht schmutzig machte. Und ob er zum Sprechen einen Mund brauchte, wird in der Bibel auch nicht berichtet. Eher nicht. Aber er sprach, und das Wort wurde Welt.
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