»Was ist denn mit dir los?«, wunderte sich sein Besucher, der inzwischen begriffen hatte, an diesem Tag nicht der einzige Überbringer schlechter Nachrichten gewesen zu sein, und der hoffte, mit dem Themenwechsel den Zorn seines Freundes in andere Bahnen kanalisieren zu können.
Der sah ihn innerlich schäumend an. »Venezuela ist pleite«, antwortete er ohne weitere Erklärung mit nachdenklicher Miene.
»Und weiter?«
»Und weiter? Willst du mich auf den Arm nehmen?«, lachte der Gequälte sarkastisch. »Mein Hedgefonds ist dort sehr stark investiert. Das werden meine Anleger wahnsinnig zu schätzen wissen.«
»Wo wird der Schnitt liegen?«
»So wie die informelle Nachrichtenlage aussieht, reden wir von einer Größenordnung zwischen siebzig und neunzig Prozent.«
»Das ist viel«, pflichtete ihm der Rundliche bei. »Warum dermaßen hoch?«
Sein angeschlagener Freund schnaufte verächtlich. »Die meisten Gläubiger sind der Ansicht, das Land könne nur wenig dafür. Absoluter Quatsch. Demnächst werden das dann alle für sich reklamieren, die sich übernommen haben: Oh, ich konnte ja nichts dafür, dass ich meinen Job verloren habe. Obwohl der seinen Kredit für das neue, zu große Auto erst aufgenommen hat, als bereits der Insolvenzverwalter bei seinem Arbeitgeber vor der Tür stand«, wurde er zynisch.
»Warum hast du das Geld nicht vorher abgezogen?«
»Weil ich nicht damit gerechnet habe, dass China so schnell so viel weniger Öl braucht, die Saudis weiterhin den Markt fluten, um das Fracking in den USA unrentabel zu machen, die aber von einem überraschenden Technologiesprung profitieren und ... Erspar mir das Weitere. Der Ölpreis ist dermaßen schnell unter zwanzig Dollar gerauscht, da wäre nichts mehr zu verkaufen gewesen, weil jeder inzwischen wusste, wie es um die Staatseinnahmen Venezuelas stand.«
»Nicht unbedingt dein Tag«, musste der Rundliche nach dieser Schilderung zugeben. Für einen Moment gab er sich der Hoffnung hin, sein eigenes Anliegen abgebogen zu haben.
»Besser hätte ich das nicht formulieren können. Nun aber zu unserer Angelegenheit zurück«, bekam sein Gegenüber eine granitharte Miene. »Ich hätte gerne einen Namen deiner werten Herren.«
»Wofür?«, schwante ihm nichts Gutes.
»Das muss dich nicht interessieren. Aber so geht niemand mit mir um«, beschied ihm sein Freund trocken.
»Das kann ich nicht machen.«
Der Andere schaute ihn lange prüfend an. Er hielt dem Blick nur wenige Sekunden stand und musste wegschauen. Es wurde immer noch schlimmer, ging es ihm durch den Kopf. Wo sollte das am Ende hinführen? Nie hätte er geglaubt, durch die ganze Aktion zwischen zwei Fronten zu geraten. Alles hatte perfekt ausgesehen. Sein Schritt in die Selbständigkeit hatte zu einem prosperierenden IT-Unternehmen geführt. Er wurde gerne gesehener Gast auf diversen Unternehmertreffen, Kontakte hatten sich ergeben und schließlich hatte einer dieser Kontakte ihn in den Herrenclub schlechthin eingeführt. Damit hatte er Zugang zu den Mächtigen in der Republik bekommen. Davon hatte er immer geträumt. Aber was hatte er jetzt davon? Die Finger hatte er sich gewaltig verbrannt und stand am Rande eines Abgrunds.
»Du bist entweder für oder gegen mich«, riss ihn eine kalte Stimme aus seinen zum Selbstmitleid neigenden Gedanken.
Egal, was kommen würde, er wollte das sicherlich nicht. Aber die anderen hatten letztlich auch ihn ausgebootet. Sein Freund hingegen hatte seinen Teil der Abmachung eingehalten. »Konrad Brandner.«
»BASF ... Wo wohnt der?«
»Heidelberg, Bergstraße 65.«
»Wann geht der morgens los?«
»Weiß ich nicht. Sicherlich deutlich früher als du.«
Nachdem er seinen alten Studienfreund zur Tür gebracht hatte, kam er zur Sitzecke zurück, um sein Telefon zu holen. Dabei sah er, dass der Sessel seines Besuchers stellenweise ganz feucht glänzte. Wie kann man nur so fett sein, schüttelte er verständnislos den Kopf. Er stand inzwischen total unter Strom. Mit wenigen Worten erledigte er ein Telefonat, um das Notwendige in die Wege zu leiten. Danach überlegte er, wie er sich eine angemessene Ablenkung verschaffen konnte. Ihm fiel wieder das letzte Mal bei Ekaterina ein. Die Erinnerung, wie sie es nicht gewagt hatte, sich seinem sehr groben Verhalten zu entziehen, törnte ihn nach den Tiefschlägen dieses Vormittags absolut an. Er wollte Macht und seine Phantasie ausleben, wie er sich das seit Längerem immer öfter vorstellte. Ein Plan wuchs, während er in den Kalender schaute. Entschlossen wählte er ihre Nummer.
»Das ist aber eine schöne Überraschung«, begrüßte Ekaterina ihn, als ob sie seit Tagen auf keinen anderen Anruf gewartet hätte.
»Ich würde gerne mit dir Silvester verbringen«, eröffnete er ihr mit betörend sonorer Stimme.
Sie stutzte kurz, ließ aber, ohne zu zögern, das übliche Programm ablaufen. »Ich wollte eigentlich mit meiner Freundin ein paar Tage wegfahren ...«, begann sie, weil sie ihm den Eindruck vermitteln wollte, sich für ihn freizumachen.
»Das ist aber sehr schade. Ich saß heute Morgen in meinem Büro und habe darüber nachgedacht, wie ich im neuen Jahr ankommen möchte, jenseits aller üblichen Verpflichtungen. Da bist nur du mir eingefallen, mein Häschen«, blieb er weiterhin ungewöhnlich charmant.
Sie lachte überrascht. »Wenn das so ist, kann ich natürlich nicht anders. Ich fühle mich geschmeichelt und freue mich.« Er konnte wirklich galant sein. Es hatte sich doch gelohnt, bei ihrem letzten Treffen die Zähne zusammenzubeißen. »Was hast du dir vorgestellt?«
»Ich komme um zehn und bleibe so lange, wie ich nicht von dir lassen kann.«
»Das hört sich aber vielversprechend an«, hauchte sie ihm digital ins Ohr. Sein diabolisches Grinsen wurde leider digital nicht übertragen.
Heiko hatte mit Susanne vor drei Tagen Thomas und Lene am Flughafen abgeholt. Das war für sie kein Problem gewesen, weil das Sportinstitut der Universität Weihnachtsferien hatte. Sie waren sehr beeindruckt von der gesunden Bräune gewesen, die die beiden Urlauber in das nasskalte Heidelberg mitgebracht hatten. Hinsichtlich Silvester hatten sie Lene und Thomas darüber in Kenntnis gesetzt, was sie mit den anderen bereits vor Weihnachten beschlossen hatten: Treffpunkt war um acht Uhr bei Susanne und Heiko. Der Plan sah vor, etwas zusammen zu kochen und bei entsprechendem Wetter vielleicht das Feuerwerk vom Philosophenweg aus anzuschauen.
Die ersten Arbeitstage waren glücklicherweise recht harmlos für die beiden Kommissare verlaufen. Allerdings hatte es sie beträchtliche Mühe gekostet, morgens im Dunkeln erst das Bett und schließlich auch noch die Wohnung zu verlassen. Dunkelgrau hingen die Wolken dicht über den Dächern der Weststadt. Es war unmöglich vorherzusehen, ob es mal wieder regnete oder vielleicht Schneefall einsetzen könnte. Dieser Morgen war besonders unerfreulich: leichter Schneeregen, der eine feine Schicht auf dem Gehsteig hinterließ, auf der es sich ganz schnell mal ausrutschen ließ.
»Mein Gott!«, entfuhr es Thomas, dem die Füße unvermittelt nach vorne weggerutscht waren. Weil ihn Lene reaktionsschnell am Arm gefasst hatte, konnte er sich zu seiner Erleichterung mit viel Mühe doch noch auf den Beinen halten.
»Du wolltest nicht fluchen«, erinnerte Lene ihn – immerhin schmunzelnd.
Schuldbewusst sah er sie an, aber schon blitzte etwas in seinen Augen, das allerdings nur schwer bei dem trüben Laternenlicht zu sehen gewesen wäre. »Aber ich habe doch gar nicht geflucht.«
»Hmmh, sondern?«
»Ich habe den lieben Gott darum bitten wollen, die Gehsteige nicht so glatt werden zu lassen. Leider wurde ich in dem Satz unterbrochen, als ich beinahe hingeschlagen wäre«, sah er sie treuherzig an.
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