1 ...6 7 8 10 11 12 ...29 Es kicherte: „Eindringlinge – oooh, wie sehr wird der König erfreut sein! Wie sehr werden sich die Wachen freuen!“
Der Dieb zog sein Schwert mit einem scharfen Geräusch aus dem Gürtel und sah aus den Augenwinkeln, wie die anderen bewaffnet neben ihn traten. Er zischte: „Lass uns durch!“
Kai hatte keine Ahnung, welches dämonisches Wesen er vor sich hatte. Aber jetzt glaubte er dem alten Bettler, der immer über die Dämonen predigte, die am Abend aus den tiefsten Kellern kamen um Menschen zu fressen und Zoltans Gegner aufzuspüren. Auf einmal überkam ihn die nackte Panik. Wusste jemand von ihrem Vorhaben? Hatte er einen Verräter in seinen Reihen?
Die Bestie schnupperte in die Luft und setzte einen klauenbesetzten Fuß in seine Richtung: „Mhmm … ich rieche Angst … fürchterliche Angst …“ Eine dunkelviolette Zunge fuhr sich über die scharfen Zähne. „Hmm … lecker …“
Die Flammenaugen taxierten Kai. „Du hast Angst … viel, viel Angst … schmeckst du auch so gut wie deine Angst?“ Kais Herz hämmerte bis zur Brust. Die Muskeln des Wesens spannten sich an, ein diebisches Grinsen fuhr über das Wolfsmaul.
Das Ungeheuer sprang.
Die Schwertklinge des Diebes funkelte im Mondlicht, als er sie schwang, doch er erreichte das Wesen nie. Das Dämonenwesen gab ein ersticktes Geräusch von sich und fiel zu Boden.
Ein Dolch steckte in seiner Brust. Hasserfüllte, weit aufgerissene Augen starrten seelenlos in den Himmel. Es rührte sich nicht mehr. Schwarzes Blut sprudelte aus der Brust und breitete sich langsam am Boden aus.
Ania trat neben Kai: „Bei diesen Dingern muss man immer sofort reagieren.“
Kurz verspürte er Bewunderung für Ania in sich aufkommen, die er jedoch niederkämpfte und sich selbst einen Narren schalt. Er war der Anführer, er hätte die schnelleren Reflexe haben sollen! Grimmig nickte er. Dennoch hielt er sein Schwert bereit, als Ania den Dolch aus der Brust des Ungeheuers zog. Sie drehte dem Ungetier den Rücken zu und erklärte, stolz über die bleichen und erschrockenen Gesichter grinsend: „Immer auf das Herz, sonst -!“
Sie hielt die Luft an und stieß einen erstickten Schmerzenslaut aus.
Kai starrte auf die klauenbesetzte Hand, die sich in ihrem Fuß verankert hatte. Dünne Blutstropfen quollen auf den Stoff der Hose. Das Ungeheuer drehte den Kopf und öffnete sein Maul, um zuzuschnappen –
Der Dieb sprang nach vor. Das Schwert sauste mit einem pfeifendem Geräusch herab. Dann rollte der Kopf des Monsters über den Boden. Kai kickte ihn weg und wandte den Blick ab. Er spürte bereits, wie das dunkle Blut das Leder seiner Schuhe durchnässte.
Rasch trat er auf die schwere Eisentüre zu, vor der das Wesen vorhin gekauert war.
„Alles klar, Ania?“, hörte er Exoton leise fragend. Keuchend drehte er sich um. Sein Herz raste noch immer und er vermied nach wie vor den Blick auf den Boden: „Die Schlüssel?“
„Ach ja – hier“ Einer der Männer von Exoton reichte ihm einen Schlüsselbund. Diese klimperten verräterisch laut, als Kai einen nach dem anderen ins Schloss steckte und probierte. Allerdings machte er sich darum keine Sorgen. Die nächste Wache würde erst wieder in einer Stunde vorbeikommen und da wären sie schon längst über alle Berge.
Mit zitternden Fingern drehte er – endlich! – den richtigen Schlüssel. Die Türe ging quietschend auf und offenbarte dunkle Marmorfließen und völlige Finsternis dahinter. Kai drehte sich wieder um. Ania stand bleich neben Exoton, aber ihr schien es gut zu gehen. Exotons Männer hatten den widerlichen Leichnam in ein Fass gestopft und legten gerade den Deckel darauf. Trotzdem war die dunkle Lache am Boden zu sehen.
Seine Diebe starrten ihn bleich, aber entschlossen an.
„Jeder kennt seinen Teil?“, fragte er leise.
„Klar.“
Exoton drängte sich vor und nickte seinen Männern zu. Kais Augen verengten sich zu Schlitzen, als der Große sich vorbeidrängte: „Dann ist alles geklärt. Ab jetzt übernehmen wir. Nur euer Herrscher und Ania kommen mit in die geheimen Teile rein.“
Die Diebe starrten ihn skeptisch an und dann Hilfe suchend zu Kai. Der sah zu Exoton, der seinen Blick entschlossen erwiderte. Ihm wurde klar, dass die Männer einen Hinterhalt oder Ähnliches befürchteten. Er konnte es ihnen nicht verdenken.
Schließlich nickte Kai. „Ihr habt gehört. Machen wir, was er sagt, bis wir wieder draußen sind.“
Exoton lächelte. Triumph flammte in seinen Augen auf, offenbar störte ihn die Tatsache nicht, dass die Diebe ihn nachher noch überfallen konnten.
Sie traten ein. Zwei Burschen blieben draußen und schlossen die Türe hinter ihnen. Kai fand sich in völliger Dunkelheit wider. Nur aus den obersten Fenstern beschien der silbrige Mond die hellen Staubkörner, die in der Luft schwebten. Der Geruch von altem Papier drang ihm in die Nase. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit.
„Die Bibliothek von Jamka“, sagte Exoton ehrfurchtsvoll. „Der Schatz des Wissens seit Anbeginn der Zeit.“
4 Ein Hort des Wissens
Sie befanden sich in einer riesigen Marmorhalle. Blassrote Fließen sprenkelten den weißen Boden, Säulen mit goldenen Verzierungen stützten eine gewölbte Decke, an der verschiedene Wandmalereien pragten.
Bücherregale standen links und rechts an der Wand, in der Mitte waren edle Holztische mit rot gepolsterten Sesseln. Die Bücher waren groß und klein, in Leder oder hartes Papier gebunden oder von Hand bemalt. Staunend blickte Kai zu dem schimmernden Kristallleuchter in der Mitte des Saales.
Eine Weile blieb die Truppe stehen und starrte ehrfürchtig in den Raum.
„Da entlang“, befahl Exoton.
Es war, als würden einige der Diebe erneut anfangen zu atmen. Solch ein prächtiges Gebäude hatten sie nie von innen gesehen. Kai packte den Schlüsselbund fester und marschierte hinter Exoton her, der sie durch die gewaltige Halle führte. Die Regale ragten hoch über ihnen auf, hin und wieder sah man weiß gestrichene Türen, deren vergoldete Klingen man nur drücken musste, um in einen anderen Bereich zu kommen.
Exoton blieb vor einer Türe zwischen zwei unscheinbaren Regalen stehen. Schatten umhüllte die Diebe und Männer. Der neue Anführer drehte sich zu Kai um: „Jetzt bist du dran. Öffne sie.“
„Nichts leichter als das“ Der Junge drückte seinem Nachbarn die Schlüssel in die Hand und trat an das Schloss heran. Er zog einen schmalen Dolch aus dem Gürtel und kniete sich nieder. Mit geübten Augen spähte er durch das Schloss, strich einmal mit den Fingern darüber und setzte das Messer dann präzise hinein.
Eine rasche Drehung des Handgelenks später klickte es. Kai drückte die Türklinge hinunter und betrat den Raum. Darin befand sich ein großer Turm mit mehreren Wendeltreppen. Eiserne Geländer spannten sich zwischen Brücken, auf denen Regale und Pergamentstapel lagen. Unter ihnen befanden sich verschiedene Ebenen. Alles war vollgestopft mit Büchern und ging in schwindelerregende Höhen hinauf.
Ania schloss als Letzte die Türe. Exoton war eine schmale Wendeltreppe hinaufgestiegen, die anderen folgten ihm im Gänsemarsch. Immer höher kamen sie hinauf, bis sie ein kleines „Zwischengeschoss“ erreichten. Diesmal musste Kai sich anstrengen, die schmale Türe zu öffnen. Die anderen Diebe betrachteten fasziniert die Bücher und blätterten in den Pergamentstößen.
Endlich stieß Kai das Tor auf. Er tauchte sofort in die Dunkelheit dahinter und fand sich in einem schmalen Gang wieder. Er kniff die Augen zusammen.
„Folgt mir“, flüsterte Ania in der Dunkelheit. Kai legte ihr seine Arme auf die Schultern und spürte sogleich Exotons Pranken auf den Seinen. Ein letztes Mal drehte er sich noch zu den restlichen Jungen und Mädchen um, die hier warten sollten. „Bleibt hier. Wir sind bald zurück.“
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