1 ...7 8 9 11 12 13 ...29 Dann schluckte die Tür das letzte Licht, das hereingefallen war. Der Zug setzte sich lautlos in Bewegung. Auf leisen Sohlen tappten sie durch den Gang.
Ania sah ausgezeichnet im Dunkeln. Zielsicher führte sie die Männer hinter ihr in der Dunkelheit. Sie marschierten lange Zeit schweigend, dann blieb Ania so abrupt stehen, dass Kai beinahe in sie hineingestolpert wäre. Er hörte, wie eine Klinge quietschend hinuntergedrückt wurde. Ania zog eine Türe auf.
Kai ließ ihre Schultern los und trat hinter ihr in den Raum, der ebenfalls in völlige Dunkelheit gehüllt war. Misstrauisch sah er sich um. Etwas raschelte in seiner Nähe, dann hörte er ein dumpfes Geräusch und einen unterdrückten Fluch.
„Schhh!“, zischte Exoton und rief leise: „Ania? Hast du es?“
„Da stehen tausende von Büchern“, kam es von weit her. Kai erfasste nun Panik, denn er war blind wie ein neugeborenes Katzenbaby in dieser Schwärze. Er konnte sich nur auf die Geräusche verlassen, die an seine Ohren drangen. Unruhiges Auftreten von Füßen, Kleiderrascheln, Atmen, geflüsterte Gespräche, zu leise, um sie zu verstehen.
Beinahe hätte er aufgeschrien, als Ania ihn an der Schulter antippte und sagte: „Alles klar. Gehen wir.“
Kai tastete in die Dunkelheit und bekam ihre Schultern zu fassen. Dann spürte er Exotons Hände wieder und spannte seine Muskeln an. Sie drehten sich kompliziert um – wobei er mit dem Knie gegen eine scharfe, metallene Ecke stieß und leise fluchte – und marschierten zurück. Allerdings waren sie noch nicht weit gekommen und der Schmerz an Kais Knie war noch nicht verklungen, als plötzlich eine Reihe von Klatschtönen leise an ihre Ohren drang.
Sieben schnelle.
Kai sog scharf die Luft ein. Sein Herz begann zu rasen, er spürte, wie die anderen ebenfalls unruhig wurden. Er flüsterte ein Wort: „Soldaten.“
„Kommt“ Ania ging nun schneller. Sie liefen halb durch die dunklen Gänge. Das Geräusch vom Klirren von Metall auf Metall drang zu ihnen. Wütende Schreie, alarmierte Rufe. Kais Herz zersprang ihm in der Brust. Er keuchte und dachte daran, was mit denen geschah, die in königliche Privateigentümer eindrangen. Öffentliche Hinrichtungen … Verfütterung an Dämonentiere … Jahrelange Zwangsarbeit in H’ll …
Schwacher Lichtschein drang an Kais Augen. Vor sich erkannte er Anias wilde Haarmähne. Sie blieb plötzlich stehen. Er hörte die Geräusche von schweren Stiefeln und eine Stimme, die rief: „Ihr fünf – mitkommen! Vielleicht sind da welche!“
Das Licht wurde heller, flackerte.
Kai besaß genug Geistesgegenwärtigkeit, um Ania in einen kleinen Seitengang zu ziehen. Die Männer folgten ihnen und drängten sie weiter zurück. Kai stieß mit dem Rücken gegen eine eiskalte Türe. Schaudernd drehte er sich um und probierte, ob er sie öffnen konnte. Es funktionierte.
„Da rein!“ Er zuckte zusammen, als von draußen ein gellender Todesschrei ertönte. Schuldgefühle nagten in seiner Brust und schnürten ihm die Kehle zu. Seine Diebe … wurden draußen hingerichtet. Und sie mussten durch eine Hintertüre fliehen – alles nur wegen diesem Buch …
„Los“, wisperte Ania und gab ihm einen kleinen Stoß, als die Soldaten auf dem großen Gang vorbeimarschierten. Zwei von ihnen kamen näher und tauchten das geschliffene, schwarze Holz mit ihren Fackeln in unheimliches Dämmerlicht.
Kai fiel beinahe die schmale Wendeltreppe hinab, die nach unten führte. Er stolperte vorwärts und bekam den eiskalten Griff eines Geländers zu fassen. Nervös tastete er sich weiter nach vorne. Exoton überholte ihn und lief mit überraschender Geschwindigkeit hinunter.
Das Geräusch einer schließenden Türe war zu hören. Gespenstische Stille herrschte in der Dunkelheit. Sie liefen beinahe eine Ewigkeit, schließlich rief Exoton – dessen Stimme klang, als wäre sie ganz weit entfernt – gedämpft: „Die hier führt in den Keller, glaube ich. Vielleicht gibt es durch eines der Fenster einen Ausweg.“
„Besser als oben als Raubtierfutter zu enden“, erwiderte einer der Männer.
Kai stimmte dem im Stillen zu. Sie liefen weiter hinunter, bis er – daran sollte er sich gewöhnen – in den großen Mann hineinrannte. Exoton packte ihn an den Schultern: „Vorsicht, Junge.“
Er drückte ihn zur Seite und Kai zog die Brauen zusammen. Jemand rüttelte an der Tür. Lautes Scheppern drang durch den gesamten kleinen Turm, in dem sie sich befinden mussten.
„Hey, Dieb!“, rief einer. „Sperr das auf!“
„Wie, wenn ich nichts sehe?“, fauchte Kai.
Plötzlich blendete ihn ein helles Licht. Anias blasses Gesicht wurde in strahlendes Gelb getaucht und überschwemmte die Dunkelheit. Mit zusammengekniffenen Augen starrte Kai zu ihr. Er blinzelte öfters und das nicht nur wegen dem blendenden Licht.
Sie hielt eine weißgelbe Lichtkugel in der Hand. Mit offenem Mund fragte er: „Ania – wie?“
Die Angesprochene lächelte schmal, als wäre sie stolz darauf, es endlich erzählen zu dürfen. Als hätte sie das Geheimnis lange mit sich herumgetragen. „Wir sind nicht nur Friedensfürsten. Wir von Phyan werden auch Wächter genannt, Wächter der Natur und des Friedens. Einige haben magische Begabungen. Aber was uns alle verbindet: Wir können uns in Tiere verwandeln.“
„Wieso erzählst du ihm das?“, fragte Exoton scharf.
In Kais Kopf drehte sich alles, während Ania fortfuhr, ohne auf Exoton einzugehen: „Ich bin eine Katze. Bei den Sterblichen werden Hexen immer mit Katzen in Verbindung gebracht. Jetzt rate mal, woher das kommt.“ Sie grinste schelmisch und tippte dann Exoton auf den gigantischen Brustkorb: „Diese Herrschaften hier sind die Wölfe. Es gibt mehrere Tiere; auch Fabelwesen. Wir müssen uns zusammenschließen, damit wir mit unseren Königen das Land zurückerobern können. Denn es gibt einen neuen König und eine neue Königin. Sie wurden auserwählt.“
„Er ist ein Dieb!“, zischte Exoton und kam grimmig auf Kai zu, der zurückwich. Der Dolch blitzte in seiner Hand auf. „Das wirst du niemandem erzählen, klar?“
„Als würde euch Verrückten jemand Glauben schenken!“, knurrte er. Schon spürte er das kalte Metall an seiner Kehle und sammelte seine Kräfte zum Gegenschlag; währenddessen huschten seine Augen von einem Mann zum Nächsten, um einen Schwachpunkt in der Kette zu finden …
„EXOTON!“ Anias Stimme war durchdringend und scharf. Ihre Augen funkelten wütend und Exoton drehte sich mit zusammengekniffenen Brauen zu ihr um. Die Hexe trat neben Kai: „Er soll es wissen!“ Exoton nahm den Dolch zurück, während Kai verwirrt die Stirn runzelte. Die „Wölfe“ wurden unruhig und warfen sich gegenseitig Blicke zu. Verwirrung lag in ihren Gesichtern, Missfallen und Misstrauen. „Und du garantierst mir das?“, fragte Exoton scharf, der es als oberste Priorität erachtete, das Geheimnis zu wahren und dem es nicht gefiel, dass ein Dieb alles verraten könnte. „Ja, garantierst du es für den schmutzigen, kleinen Dieb, der euch alle hier reingebracht hat?“ Kai funkelte sie wütend an und verschränkte die Arme vor der Brust. Ania schüttelte stumm den Kopf: „Alles wird sich weisen. Es hat seine Richtigkeit.“ „Dann mach weiter“, befahl Exoton. Wütend trat er auf die Tür zu und rammte den Dolch ins Schloss. Einige Drehungen seines Handgelenks später schwang die Tür nach innen auf. Der Geruch von Feuchtigkeit und Verwesung stieg ihm entgegen. Er steckte den Dolch zurück und knurrte: „Bitte sehr, der Weg für die Herrschaften!“ Exoton nickte, aber er musterte Kai mit völlig neuen Augen. Kam es dem jungen Dieb nur so vor oder sah er Neugierde, Respekt, Nachdenklichkeit? Auch die anderen sahen ihn mit diesem Blick an, der Kai langsam unheimlich wurde. Was war hier los? Was hatte zu dem plötzlichen Stimmungswandel geführt? Langsam wurde es heiß. Die Lichtquelle von Ania verströmte auch Hitze, aber je länger sie dastanden, desto mehr Zeit rann ihnen durch die Finger. Die Männer traten zögernd in das Kellergewölbe. In der Dunkelheit knurrte etwas, schnappte mit den Zähnen. Kai sah kurz das Blitzen zwei giftgrüner Augen, dann herrschte wieder Schwärze. „Oh nein“, fluchte Exoton. „Sie halten da unten Sux!“ „Sux?“ Kai schluckte. Er dachte an die buckeligen Wesen mit grünem Fell und rattenartigem Schwanz, die oft als Suchtiere eingesetzt wurden. Sie waren zwar klein, aber kräftig gebaut und ein Hieb konnte einem Menschen den Kopf vom Körper schleudern. Er wich zurück. Er war Vieles, aber sicher nicht lebensmüde. Exoton hingegen knurrte ebenfalls. Er bäumte sich auf, seine Arme und Beine schienen zu wachsen. Seine Nase und sein Mund wurden länglich, die Ohren spitzer. Fell spross ihm aus dem gesamten Körper, sein Rücken wurde buckelig und seine Zähne lang und rasiermesserscharf. Mit klopfendem Herzen beobachtete Kai, wie sich der Mann tatsächlich in einen bärengroßen Wolf verwandelte und dann knurrend ins Dunkle starrte. Ania nickte dem Wolf zu, der sich bei der Türe aufbaute und teilte ein: „Kai – du reitest auf Exoton. Klettere hinauf, keine Sorge. Wir bringen dich zu einem der Fenster und dann rennst du davon. Wir kümmern uns um die anderen Diebe. Du musst aber wegrennen. Weg, verstanden?“ Kai rührte sich nicht. „Hab ich dein Wort, dass die überlebenden Diebe in Sicherheit gebracht werden?“ Sie nickte. „Ich schwöre.“ „Gut.“ Exoton machte sich kleiner. Kai schwang ein Bein um den Wolf und vergrub seine Hände in dem schwarzen, dichten Fell. Schwungvoll richtete sich der Wächter auf und ging langsam rückwärts. Einige der anderen seiner Gruppe hatten sich ebenfalls in Wölfe verwandelt. Nur die Fellfarbe und die Augenfarbe zeugten noch davon, dass sie keine normalen Tiere waren. Kai konnte es nicht fassen. Er war – ohne es zu wollen – in eine magische Welt voller Verschwörungen, Geheimnisse und Prophezeiungen geraten, das spürte er so deutlich wie die Kälte, die aus dem Keller kam. Die Wölfe traten langsam und bedrohlich knurrend in die Dunkelheit. Einen kurzen Moment überlegte Kai, ob er nicht einfach wieder hinaufrennen und sich den Soldaten ausliefern sollte, entschied sich aber dagegen. Sein Blick fiel auf die steinernen Fließen am Boden. Dann löschte Ania die Lichtkugel in ihren Händen. Das Letzte, was Kai sah, war, dass vier der Wölfe Exoton und ihn flankierten.
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