Plötzlich sprang Exoton den Reiter an. Der Wolf schlug ihm seine Fänge ins Genick und warf ihn vom Pferd, überschlug sich beinahe und rollte über den Boden, während er den Soldaten biss. Das Pferd wieherte und scheute, stellte sich auf die Hinterbeine und schlug kräftig aus.
Kai warf sich platt auf den Boden. Ein Klappern sagte ihm, dass es wieder auf die Hinterfüße gekommen war. Keuchend schoss er in die Höhe, bevor das Pferd erneut durchgehen konnte. Er packte die ledernen Zügel und schwang sich hinauf. Dann nahm er die Magier ins Visier, die nun bedrohlich auf den Wolf zukamen, in ihren Händen leuchten zuckende, dunkelviolette Blitze.
Als Exoton sah, was der junge Dieb vorhatte, rannte er bellend und zähnefletschend auf das Pferd zu. Das stellte sich schrill wiehernd auf die Hinterfüße, während es wild mit den Vorderhufen ausschlug. Kai klammerte sich mit aller Kraft an den Hals des Tieres. Seine Armmuskeln protestierten, sein Körper war ohnehin schon erschöpft vom Kampf. Das panische Wiehern hallte in seinen Ohren, als das Pferd auf die Hufe kam und losgaloppierte. Vage bekam er mit, wie der Wolf das Pferd in eine der Seitenstraßen scheuchte, weg von den schreienden Jungen und Mädchen und den Magiern und den Soldaten. Ein Lichtblitz schlug neben ihm in den Boden. Krachend wurden Fliesen herumgeschleudert – das Pferd schlug erneut mit den Hinterbeinen aus und beschleunigte sein Tempo.
Häuser und überraschte Soldaten zischten an ihm vorbei. Die Kampfgeräusche wurden leiser. Keuchend schnappte er nach Luft. Er wagte es, den Griff um den muskulösen Hals des Tieres zu lockern und richtete sich auf.
Vor ihm thronte das Innenstadttor. Niemand war davor postiert – alle schienen bei der Bibliothek zu sein. Keuchend nahm er die Zügel wieder in die Hand. Kai fühlte das weiche Leder unter seinen nervösen Fingern. Dann erinnerte er sich daran, wie das Reiten funktionierte und lenkte das Pferd in seinem schnellsten Galopp durch die dunklen Gassen, in denen die schrecklichsten Gefahren lauern konnten. Hin und wieder blieb das Ross stehen und tänzelte unruhig, doch Kai brachte es immer erneut dazu, weiterzulaufen.
Er war beinahe am Stadtrand, als der Ruf einer ihm allzu bekannten Stimme ertönte: „KAI!“
Der Angesprochene riss so stark an den Zügeln, dass das Pferd aufstieg und ihn abwarf. Keuchend griff er nach seinem Waffengürtel, aber das Schwert hatte er im Kampfgetümmel verloren. Er konnte von Glück reden, dass ihn die schweren Hufen nicht zerquetschten, als der Hengst davongaloppierte.
Angsterfüllt drehte er sich im Schlamm auf den Rücken und wollte sich aufsetzen, da drückten ihn zwei riesige Knie zu Boden.
Kai begann zu Zittern. Vor ihm war Brimir.
„Da bist du also! Was tust du mit dem Soldatenpferd?“
Er spürte eine kalte Klinge an seiner Kehle. Kai wagte nicht, sich zu rühren. Er spürte, wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich. Die eisgrauen Augen starrten ihn verächtlich an: „Du blutest. Hast du das Pferd geklaut?“
„Geht dich nichts an“ Kais Stimme klang mehr wie ein Piepsen als wie eine Drohung.
Brimir lachte und strich mit der Klinge über seinen Hals. Kai verkrampfte sich schlagartig.
„Vermutlich“, sagte der Mann, „wirst du es mir sowieso erzählen. Aber das interessiert mich im Moment nicht. Der Preis wird verdoppelt. Allerdings hast du mir lange nichts gebracht, hm?“
„Ich bin nicht dein Diener!“, zischte Kai. Seine Stimme zitterte leicht.
„Natürlich nicht. Du tust das freiwillig“ Brimir lächelte: „Allerdings muss ich dich noch bestrafen, will du das Geld nicht herausgerückt hast. Nie. In drei Jahren.“
Kai erwiderte nichts. Er wusste, dass Flehen oder Drohen keinen Sinn machen würde. Er regte sich nicht und starrte Brimir einfach mit einer Mischung aus feurigem Hass und eiskalter Angst entgegen.
Plötzlich riss dieser seinen Dolch von Kais Kehle und drückte ihn an dessen Brust. Stechender Schmerz fuhr Kai durch die Rippen, flammte auf wie magisches Feuer, dass er oft gesehen und bewundert hatte, als sich der Dolch hineinbohrte und Brimir ihn langsam weiterzog – direkt über sein Herz, das ihm laut gegen die Rippen pochte.
Qualvoll schrie er auf. Tränen stiegen ihm in die Augen, Hitze wallte über seine Brust, er spürte warmes Blut hervorsprudeln wie eine frische Wasserquelle …
Wildes Fauchen ertönte.
Eine orangerote Katze landete im Gesicht des Mannes und fuhr mit ihren messerscharfen Krallen darüber. Brimir riss sein Messer mit einem flappenden Geräusch aus Kais Haut und entlockte ihm damit einen weiteren Schmerzensschrei – allerdings merkte er es nicht, denn der Mörder selbst war damit beschäftigt, aufzuspringen und fluchend zurückzutaumeln. Kai wich auf Händen und Füßen zurück. Jede kleine Bewegung bereitete ihm Schmerzen.
Exoton kam in seiner Menschengestalt um die Ecke. Er hielt einen großen Stein in der Hand, rannte auf Brimir zu, der versuchte, die Katze zu erstechen. Mit einem dumpfen Schlag wurde der Verbrecher ins Land der Träume befördert.
Exoton wandte sich Kai zu: „Alles in Ordnung?“
Er kniete sich nieder und untersuchte Kais Wunde. Nach einer Weile runzelte der Gestaltwandler die Stirn und seufzte tief. Dann packte er Kais Oberarm, zog den Dieb hoch und schleifte ihn mit sich. Kai stolperte neben dem Riesen her. Ängstlich starrte er zu Exoton auf, der entschlossener denn je zu sein schien. Heißes Blut strömte über Kais Bauch, das Pochen seines Herzens jagte explodierende Schmerzen durch seinen Körper.
Hätte Exoton mehr gewusst, hätte er sich augenblicklich um Kais Wunde gekümmert.
„Steig auf. Flieh.“
Eines der Schlachtrösser war vor ihm. War es das Gleiche von vorhin? Exoton half ihm dabei, in den Sattel zu klettern – Kais Bewegungen waren mühsam und schwerfällig. Seine Hand glitt zitternd, langsam zu dem blutverschmierten Hemdfetzen und zu der zerfransten und wunden Haut …
Exoton packte seinen Unterarm. Kais Blick fand zu ihm. „Zum Elfenkönig. Elfenkönig, hörst du? Erklär‘ ihm, was passiert ist. FLIEH! SCHNELL !“ „Erledigt die Bestien!“, drangen die hasserfüllten Stimmen der Soldaten zu ihnen vor. Kai gab seinem Pferd die Sporen. Ania lief um die Ecke, in ihrer Hand knisterten weiße Lichtblitze. Sie blickte Kai nach und fragte rasch: „Hast du es ihm gesagt?“ „Ja. Und du willst ihn wirklich so weiterreiten lassen?“ Exoton machte sich bereit für den Kampf. Soldaten kamen schwertschwingend auf die beiden zugelaufen. „Er ist verletzt und alleine. Woher willst du wissen, was er tun wird? Ihn als Informanten einzusetzen ist zwar eine gute Idee, aber ich weiß nicht, ob das funktioniert.“ „Wenn jemand mitgeht, wirkt das auffälliger. Er ist außerdem mit Leib und Seele ein Dieb“, erklärte Ania und sammelte ihre Kräfte und fügte seufzend hinzu: „Und er ist kompliziert.“ „Du bist verrückt“, knurrte Exoton. „Wenigstens stirbt unser Geheimnis mit ihm, falls er Dummheiten anstellen sollte.“ „Ich vertraue ihm. Vielleicht solltest du das auch versuchen“ Ein wenig bleich wandte sie sich zu den herannahenden Soldaten, deren Kettenhemden laut knirschten. Hatte sie richtig gehandelt? Würde ihr Plan aufgehen? Dann schüttelte sie den Kopf. Sie hatte es geträumt. Und es gab Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht hinterfragen sollte. Hoffte sie.
Häuser zogen an ihm vorbei. Ein Pfeil schlug links von ihm in den Boden, aber der Flüchtende kümmerte sich nicht darum. Das Einzige, was er vor seinen Augen sah, waren die immer kleiner werdenden Häuser aus Holz und Stein, die letzten Ausläufer der Elendsviertel, die letzten Katzen und streunenden Hunde, die fauchend und bellend aus dem Weg huschten. Die letzten Schutthaufen, die letzten überquellenden Fässer, die letzten dunklen Gestalten, die ihm stumm hinterher starrten, dem großen Dieb, der seine Leute im Stich gelassen hatte und nun einsam und blutend floh.
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