Was gut und richtig, oder falsch und schlecht wäre, müsste ich selbst entscheiden.
Mein bester Freund, Josh, lebt genau nach diesen Prinzipien.
Meine Faust schlug gegen das Geländer. Genau diesen Freund werde ich jetzt aufsuchen. Ich sehnte mich nach einem freundlichen Gesicht, nach einem frechen Grinsen, nach jemandem, der mich verstand.
Ich ging über die Brücke, dem Sonnenaufgang entgegen.
Joshs Buchladen war von der Sorte: 24 Stunden geöffnet und hier bekommen Sie alles. Ein regelrechter Hexenladen war das und er lag im östlichen, dem ärmeren Teil unserer Stadt.
Ich machte mich auf den Weg.
Mein Wagen, ein 66er Mustang Convertible, stand noch bei mir zuhause in der Tiefgarage, so ging ich den ganzen Weg, zu Josh’ Hexenladen, zu Fuß.
Die Sonne war schon ein gutes Stück den Himmel hinaufgeklettert, als ich endlich vor Joshs Buchladen ankam.
Nur gut, dass uns Geschöpfe der Nacht die Helligkeit nichts ausmacht, dass wir nicht, wie in den unzähligen, lächerlichen Büchern und Filmen über uns, einfach zu Staub zerfallen.
Es bedarf schon einiger Anstrengungen, um einen Vampir, von diesem Dasein, ins nächste zu schicken.
Uns den Kopf abschlagen, das ist schon mal eine sehr gute und zuverlässige Möglichkeit. Feuer ist auch sehr effektiv.
Ein Genickbruch lähmt uns nur, für die Zeit, die unsere toten Körper brauchen, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Alle anderen Wunden verschließen sich innerhalb kürzester Zeit, Schmerzen können wir sehr gut ertragen.
Wir essen nicht, wir trinken nicht, es sei denn, es handelt sich um Blut, möglichst frisch aus der Vene.
Alternativ kann es auch aus der Konserve kommen.
Eine kleine Firma im östlichen Teil der Stadt spezialisierte sich darauf. Sie bezogen das Blut von verschiedenen Orten, Blutbanken, freiwillige Spender und wer weiß noch, woher.
Sie füllten es in schmale Konservenbüchsen, ähnlich einer Limo-Dose, ab und verkauften es an die Vampire in der Gegend.
Der Erlös aus dem Verkauf ging fast vollständig an den hohen Rat der Vampire, der Abfüller erhielt nur einen verschwindend geringen Teil für seine Arbeit.
Der hohe Rat aber gab das Geld an uns weiter, hat man je einen armen Vampir getroffen? Wir sind immer flüssig.
Je mehr Konservenblut wir konsumierten, umso mehr Geld konnte der Rat an uns verteilen.
So war allen geholfen: Den Menschen, da nicht mehr so viele von ihnen getötet wurden, und den Vampiren, sie brauchen nicht mehr jagen und es drohte keine Aufdeckung unserer Geheimnisse.
Somit waren alle glücklich, wenn auch die Blutsäcke, ohne etwas davon zu ahnen.
In Gedanken versunken betrachtete ich das Geschäft von außen. Die beiden Fenster, links und rechts der Eingangstür, waren verdunkelt. Es war nicht möglich, einen Blick in das Innere zu werfen.
Josh hatte auch keine Waren in den Fenstern ausgestellt, nur über der Tür prangte eine rote Leuchtreklame. Joshs Buchladen stand in verschnörkelter Neonschrift an der Wand. Tag und Nacht leuchtete sie, seit ich Josh kannte, erhellten die fünfzehn Zeichen den Eingangsbereich und tauchten ihn in ein schauriges, blutiges Licht.
So auch heute, schmunzelnd, über die Tatsache, dass man sich auf Josh scheinbar immer verlassen konnte, stieg ich die drei ausgetretenen Steinstufen empor und stieß die Tür zu seinem Laden auf.
Ein zartes Glöckchen ertönte, ein Schock für die Nase erwartete mich hinter der Tür.
Es roch nach … Nichts.
Das stimmte nicht ganz, es hing natürlich ein Geruch in der Luft, aber der war so gut wie Nichts wert.
Es roch nach Staub, trockener Luft und dem pergamentartigen Geruch eines Vampirs.
Josh stand hinter dem Verkaufstresen, auf seine Ellenbogen gestützt und blickte mir freundlich entgegen.
Josh gehörte noch nie zum Clan und wird es auch nie. Er und Frank konnten sich nicht leiden, es bestand sogar so etwas wie eine Todfeindschaft zwischen ihnen.
Gut für mich, so konnte ich mit Josh über Dinge sprechen, die nicht für die Ohren meines Mentors bestimmt waren.
»Hallo Natascha, schön dich zu sehen.« Josh grinste breit und sah, wie immer, einfach wunderschön aus.
»Was führt dich in mein Geschäft?«
Er kam hinter seinem Tresen hervor, trat an mich heran und umarmte mich. Abermals atmete ich diesen eigenartigen Papiergeruch ein.
Eigentlich müsste ich genauso riechen, wusste jedoch, dass es nicht so war.
Wie zur Bestätigung hielt Josh mich auf Armeslänge fest und blickte mich an.
»Du duftest immer noch genau so gut wie früher. Daran hat sich nichts geändert.« Er drückte mich wieder an sich.
»Das ist sehr schön.«
Ich hörte ihn seufzen und spürte, wie er tief einatmete.
Ich kannte Josh noch aus meiner Halbblutzeit, meistens traf ich ihn im Desmodus, ich war aber auch hin und wieder hier bei ihm im Buchladen. Niemals erzählte ich Frank davon.
Josh war ungefähr im gleichen Alter wie ich. Natürlich im menschlichen Alter, nicht das Alter als Vampir, da dürfte er mir so um die dreihundertachtzig Jahre voraus haben.
Er wollte mich damals immer von Frank weg locken, erzählte mir die schlimmsten Schandtaten über ihn. Sein Leben als freier Vampir versuchte er mir schmackhaft zu machen. Damals war ich aber noch von Frank abhängig und auch so fasziniert von ihm, dass ich nie auf Josh hörte.
Jetzt sah die ganze Sache anders aus, derzeitig beneidete ich ihn um sein Leben ohne Regeln.
Ich befreite mich sanft aus Joshs Umarmung und sah mich in seinem kleinen Geschäft um.
Ehrfurchtsvoll bestaunte ich jedes Stück in diesem regelrechten Hexenladen. Auch, da ich wusste, wie stolz Josh auf seine Sachen war. Zuerst erschlug einen die Vielfalt der Dinge nahezu, aber man gewöhnte sich daran.
Eine Wand von Joshs Laden nahm ein überdimensionales Regal ein, vollgestopft mit Büchern. Romane, Geschichten, Gedichte, Reiseführer, Hexenbücher und Bücher über Liebe, Tod und auch Vampire. Teils Neue, aber auch so alte Bücher, dass man meinen könnte, Josh hätte sie selbst aus den vergangenen Jahrhunderten seines Daseins mitgebracht.
Die Decke hing mit unzähligen Traumfängern und Lampions voll. Überall standen kleine, verzierte Tischchen, aus verschiedenen Zeitepochen. Waffen hingen an den Wänden verstreut. Gewehre, Pistolen, Schwerter und Säbel. Dazwischen, an goldenen Kordeln immer wieder Bilder und kleine Wandteppiche.
Überall stand, lag und hing etwas. Es war einem schlicht unmöglich, hier etwas Bestimmtes zu finden.
Wenn man nach was speziellen suchte, war es ratsam, Josh zu fragen, er kannte jeden seiner Gegenstände und auch die dazugehörigen Geschichten.
Fast schon zärtlich dirigierte Josh mich zu zwei altmodischen und abgewetzten Sesseln.
»Was kann ich denn für meine Süße tun?«, fragte er mit seidenweicher Stimme.
Lächelnd betrachtete ich ihn, seine blonden, zerzausten Haare, die blauen Augen, sein feines, glattes Gesicht. Er war eine wirklich hübsche Ausgabe eines Blutsaugers.
Sein Blick wurde intensiver, das Blau eine Spur dunkler. Verlegen fixierte ich einen Punkt vor mir, auf dem, mit alten Perserteppichen bedeckten, Boden. Ich wusste, dass Josh ein bisschen verliebt war, in mich, ich wusste es, da er es mir irgendwann, in einer schwachen Stunde, gestand.
Ich erwiderte seine Gefühle nicht, für mich war er nur der beste Freund, den man haben konnte. Das alles machte unser Verhältnis zu einer komplizierten und manchmal peinlichen Sache.
Sich seiner Wirkung auf mich voll bewusst, setzte er sich mir gegenüber in den Sessel. Völlig entspannt lehnte er sich, mit einem frechen Grinsen auf den Lippen, zurück.
»Nun sag endlich, was kann ich für dich tun, Natascha?« Wieder diese seidenweiche Stimme, die mich erschauern ließ.
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