„Könntest du dir bitte etwas anziehen? Das passt so gar nicht zu dir, dass du dich vor einem wildfremden Hexer entblößt“, tadelt mich Artis.
„Er wollte sein Jackett zurück. Außerdem ist er nicht wildfremd – er ist der Enkel meines Nachbars“, rede ich mich raus, während ich mir einen Pullover überziehe, damit er endlich Ruhe gibt.
„Wo hast du überhaupt deine Kleider gelassen? Doch nicht etwa bei dem Arschloch“, will Junus wissen.
„Nein, die hab ich am See verloren“, gebe ich zu.
„Am See“, wiederholt Artis ungläubig.
„Ja, ich war schwimmen“, lächle ich, während ich Kaffee in Tassen eingieße.
„Um diese Jahreszeit? Bist du von Sinnen?“, prustet Junus, der auf mich zukommt und mir an die Stirn fasst. „Du hast leichtes Fieber. Wahrscheinlich hast du dir eine Lungenentzündung eingefangen. Wie viel hast du gesoffen, dass du im April nackt in den Michigansee baden gehst?“
„Seit wann bist du so ein Spießer?“, werfe ich ihm vor. Ich wende mich Artis zu und frage: „Ist er sonst auch so ein Langweiler?“
Artis öffnet seinen Mund für eine Antwort, klappt ihn aber – eingeschüchtert von dem stechenden Blick seines Freundes – unverrichteter Dinge zu.
„Ich hätte dich nicht allein herziehen lassen sollen. Du bist noch zu jung, um für dich selbst zu sorgen. Ich wusste, dass etwas nicht stimmt, als du dich mit diesen fadenscheinigen Ausreden um einen Besuch bei uns gedrückt hast. Dein Haar, die Symbole … alles Zeichen dafür, dass du Hilfe brauchst. Du kommst wieder mit nach New York“, befiehlt Junus. Ich schnappe nach Luft.
„Nur weil ich mir die Haare geschnitten und mich tätowieren hab lassen, hältst du mich für nicht allein lebensfähig?“, stoße ich belustigt aus.
„Das ist nicht witzig, Raven. Du hast dich irgendwie verändert. Das gefällt mir nicht“, erwidert er.
„Ach, das gefällt dir also nicht, dass ich mich verändere, Bruder. Nur zu deiner Information, ich bin hier glücklich. Zum ersten Mal.“ Okay, da spricht die bewusstseinserweiternde Droge aus mir. „Mit wem ich ausgehe, ist meine Sache. Ich bin Single und lebe das auch aus. Wer weiß, vielleicht probier ichs mal mit einer Frau? Wer braucht schon Kerle, die einem die ganze Zeit auf die Brüste glotzen oder den Hexenmeister raushängen lassen. Frauen haben ja außerdem sowieso mehr Feingefühl als Männer.“ Das war ein Scherz. Damit will ich ihn nur auf die Palme bringen. Ich steh auf Jungs – definitiv.
Bei meinem Bruder hat Schnappatmung eingesetzt. Artis klopft ihm beruhigend auf die Schulter. „Wir sollten gehen, wir sind bereits spät dran“, wechselt er das Thema, um Junus abzulenken.
„Darüber reden wir noch, Fräulein “, droht mir Junus mit erhobenem Zeigefinger. Ich hätte so richtig Lust, ihm die Zunge rauszustrecken, aber so stoned bin ich auch wieder nicht. „Jetzt bringen wir dich erst mal zu deinem Vater, der nämlich den ‚ Hexenmeister ‘ raushängen lässt und auf eine Hinrichtung von Tiberius und Nadar besteht. Der ursprüngliche Plan war eigentlich, dich mit Beliars Hilfe mit Glücksgefühlen vollzupumpen, bevor du da durch musst, aber das ist ja nach hinten losgegangen“, fährt Junus fort. Verdammt, ich dachte, mein Vater lässt sich noch etwas mehr Zeit mit dieser grotesken Hinrichtungs-Geschichte.
„Vater besteht darauf, dass du – wie von dir gewünscht – vorher noch mit beiden sprechen kannst, bevor er über sie richten wird“, ergänzt Artis.
Ja, ich will sie noch ausquetschen, ob sie etwas über meine leibliche Mutter wissen, aber hatte gehofft, das einfach mal länger hinauszuzögern, damit ich doch noch irgendwie meinen Vater dazu bringen kann, Gnade walten zu lassen. Ich meine, die Todesstrafe ist doch echt ätzend. Dieses Angstgefühl steigt an die Oberfläche und durchbricht soeben die rosa Wolke, die den ganzen Scheiß bis jetzt abgefangen hat.
„Ich will aber nicht“, stoße ich lahm aus.
Beide meiner Brüder lächeln. „Wenn du nicht freiwillig mitgehst, wird er dich dazu zwingen. Und glaub mir, die ‚ Kerle ‘, die er schicken wird, haben noch weniger ‚ Feingefühl ‘ als wir es haben“, erklärt Junus. Danke übrigens für den Seitenhieb.
Toll, wie komm ich da jetzt wieder raus? Meine rosa Wolke macht sich schön langsam aus dem Staub.
„Aber so nehmen wir dich nicht mit uns. Wir müssen das mit deiner Frisur wieder hinbekommen. Du würdest viel zu viel Aufsehen erregen, wenn du mit einer Männerfrisur im Mittelalter auftauchst“, knallt mir Artis vor den Latz.
„Ich will mich aber nicht für andere verändern“, schmolle ich.
Junus seufzt. „Geh erst mal unter die Dusche Kleines, da klebt der halbe Strand an dir.“ Genervt ziehe ich in Richtung Bad Leine.
Als das Wasser auf mich niederprasselt, ist es so, als würden mich die Emotionen mit der vollen Breitseite treffen. Alles kommt grad wieder hoch und die ersten Tränen vermengen sich mit dem Duschwasser. Beliars Gesicht, als ich ihn weggestoßen habe, die bereits verdrängte Angst vor dem Aufeinandertreffen mit Tiberius und Nadar, das Chaos der letzten Nacht, die Droge – alles kommt hoch.
In Henrys Jackentasche waren zwei Ampullen von dem Zeug. Die zweite Spritze hab ich mir im Auto in die Handtasche gesteckt.
Ich schließe die Augen, ersehne das warme Gefühl, das mich erfüllt hat, als ich mir das Serum in die Vene gejagt habe. Erneut bekomme ich Angst. Bin ich jetzt abhängig, weil ich daran denke, es zu nehmen? Nein, ich hab das unter Kontrolle. Nur noch ein einziges Mal, damit ich die Hinrichtung besser ertrage – das würde jeder verstehen. Doch meine Brüder dürfen davon nichts mitkriegen – die würden durchdrehen, wenn sie davon erfahren.
Ich lasse das Wasser laufen und schiele auf den Flur hinaus. Die Luft scheint rein zu sein. Schnell tapse ich rüber zur Garderobe und kralle mir meine Handtasche.
Auf dem Weg zurück erhasche ich Wortfetzen des Gesprächs meiner Brüder.
„Ich mach mir Sorgen um sie.“ Junus.
„Sie ist kein kleines Kind mehr, Junus.“ Artis.
„Ich musste mich zurückhalten, um dem Typen nicht die Fresse zu polieren.“ Junus.
„Ja, ich mich auch. Aber trotzdem wirst du sie erzürnen, wenn du sie zwingst, mit uns nach New York zu gehen.“ Artis.
„Das ist mir egal. Ich will in Zukunft wissen, mit wem sie sich rumtreibt. Ihr könnte sonst was passieren. Womöglich wird sie von so einem Affen schwanger oder holt sich Aids.“ Junus. Mann, er führt sich echt auf, als wär er mein Vater.
„Glaubst du, was sie über Beliar sagen?“ Artis.
„Meinst du das Gerücht, er würde sich seit seiner Rückkehr durch das halbe Mittelalter vögeln, weil er so gefrustet ist, dass ihn unsere Schwester verschmäht hat. Schon möglich.“ Okay, das bestärkt mich nur noch mehr, mir den Schuss Glücksgefühle zu verpassen.
„Raven liebt Beliar. Aber ich verstehe nicht, wieso sie nicht mit ihm zusammen sein will?“ Artis.
„Vielleicht ist sie zu verletzt. Sie ist sechzehn und eine Frau, wer versteht schon Frauen. Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich Männer bevorzuge. Die sind weniger kompliziert.“ Junus. Vielen Dank aber auch.
„Eine sehr weise Entscheidung.“ Artis. Daraufhin vernehme ich Knutschgeräusche, die mich vertreiben.
Fassen wir mal zusammen: Beliar bespringt – gerüchteweise – eine Hofdame nach der anderen und hat wahrscheinlich gerade den Spaß seines Lebens, während ich hier Gewissensbisse habe, einen Hexer zu daten – die hatte ich nämlich. Das hört ab sofort auf. Wollen mal sehen, wer hier Spaß hat. Das Zeug ist schneller in meinem Organismus, als ich „ Eine Phiole pures Glück, bitte “ sagen kann.
Die wohlige Wärme zaubert schlagartig ein Lächeln auf meine Lippen. Quietschvergnügt trete ich vor meine Brüder, die erst nach dreimaligem Räuspern die Zungen aus ihren Rachen zurückziehen.
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