Bei diesem Gedanken verschwand Rimons Lächeln und er wurde unruhig. Wer konnte sich hier nur herumtreiben? Ein Cuirfon, ein Gesetzesloser, oder vielleicht sogar Gobblins? Nein, Gobblins würden sich nicht lange mit der Gestaltung der Feuerstelle aufhalten.
Rimon blickte sich um, strengte seinen Blick an, als er zwischen den Bäumen in die Dunkelheit des Waldes starrte, aber er konnte nichts Auffälliges entdecken. Nur der Regen prasselte unaufhörlich von oben auf das Blätterdach. Rimon ging zur Feuerstelle und untersuchte sie genauer. Die Asche und der Stein waren kalt, auch waren keine Fußtritte in der weichen Erde zu sehen.
Wenn jemand hier gewesen war, dann schon vor einer längeren Zeit, dachte Rimon und er wurde wieder etwas ruhiger.
Er nahm aus einer Satteltasche etwas trockenes Holz, das er heimlich zu Hause eingesteckt hatte und machte sich ein kleines Feuer. Yaris stand nahe eines großen Baumes und knabberte an Jungfarnen, die dort büschelweise wuchsen. Auch Rimon bekam Hunger, doch er wollte nicht mehr jagen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, weshalb er sich nicht weit von seinem provisorischen Lager entfernen wollte. Ganz in der Nähe fand er einen Busch mit Waldhimbeeren und aß eifrig davon, bis ihm übel wurde.
Seine Angst hatte sich gelegt. Er hatte einen angenehmen Platz gefunden, nichts und niemand schien ihn behelligen zu wollen und außerdem hatte er Yaris bei sich. Er würde sicherlich unruhig werden, wenn sich jemand nähern würde.
Vielleicht war das Leben in der Wildnis überhaupt nicht so unangenehm, dachte Rimon, wickelte sich in seine Decke aus dicker Schafswolle und legte sich nahe ans Feuer, wo ihm schnell wohlig warm wurde.
Mit einem Lächeln im Gesicht schlummerte er ein, als er von einem Knacken aufgeschreckt wurde. Rimon riss die Augen auf, blieb ansonsten aber ganz ruhig liegen. Wenn es ein Bär sein sollte, wollte er ihn nicht aufschrecken.
Hatte er nur geträumt? Regen prasselte. Ansonsten war es wieder still. Er musste sich geirrt haben.
Wieder schloss er die Augen, als ein weiteres Knacken nun ganz in seiner Nähe ihn emporfahren ließ. Er spürte, wie sich die Haare in seinem Nacken aufstellten.
Wo war sein Dolch? Er hätte sich ohrfeigen können. Er hatte ihn in der Satteltasche vergessen! Hektisch blickte er sich um. Niemand war zu sehen. Das Feuer erhellte noch immer den ganzen Platz bis zu den Bäumen. Dahinter aber wurde es stockdunkel.
„Wer ist da?“, rief Rimon mit zitternder Stimme.
Er saß in seine Decke gewickelt neben dem Feuer und der Angstschweiß brach ihm aus allen Poren. Nichts rührte sich.
Doch da – ein seltsames Krächzen. „Chrrrrchrrrr...“
Es kam von irgendwo hinter einem Baum auf der anderen Seite des Feuers. Panik stieg in Rimon auf. Was konnte das nur sein? Blitzschnell stand er auf und wollte zu Yaris rennen, wo er seinen Dolch zu finden erhoffte. Doch die Decke war zu fest um seine Beine gewickelt, so dass er aufstehen, aber nicht gehen konnte. Mit einem lauten Schrei fiel er der Länge nach auf die Nase. Er fluchte. Wieder hörte er das Krächzen. Nun noch bedrohlicher. Schnell rappelte er sich wieder auf. Die Beine konnten sich aus der Decke befreien, Rimon sprang zu der Satteltasche, suchte kurz, bis er den Dolch fand, zog ihn aus der Scheide und stellte sich damit neben das Feuer. Mit dem Mut der Verzweiflung schrie er in die Nacht, den Bäumen entgegen: „Wer auch immer du bist, komm nur. Jetzt bin ich bereit. Ich habe keine Angst vor dir!“
Doch die keuchende Stimme und die Schweißperlen auf der Stirn verrieten das Gegenteil. Das Krächzen war verstummt. Stattdessen begann nun ein lautes, schallendes Gelächter. Gelächter einer jungen Frauenstimme. Rimon runzelte irritiert die Stirn und machte einen Schritt rückwärts. Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen und hervor trat – Tama. Sie lachte so heftig, dass sich kleine Tränen in ihren Augen sammelten. Über ihr Haar hatte sie ein rotes Kopftuch gezogen, das ebenso wie das dreckige Kleid völlig durchnässt war. Sie hatte keine Schuhe an, ihre Füße waren nass und dreckig. In der Armbeuge ihres linken Armes hatte sie einen Korb eingehängt, über dessen Inhalt ein großes Tuch gebreitet war.
Rimon traute seinen Augen nicht. Mit offenem Mund stand er da, die rechte Hand mit dem Dolch hing schlaff an der Seite des Körpers. Mit der linken Hand rieb er sich die Augen, so, als verstünde er nach wie vor nicht, wer da plötzlich vor ihm stand.
„Du...? Was machst du denn hier?“, stammelte er. „Wie hast du mich gefunden und warum bist du mir überhaupt gefolgt?“
Rimon glotzte seine Schwester, die noch immer lachte, aus großen Augen an. Aufgeregt wippte ihr Brustkorb auf und nieder.
„Nun setze dich doch erst. Dann erzähle ich dir alles. Ich habe dir übrigens etwas mitgebracht“, sagte sie und deutete mit einem geheimnisvollen Blick auf den verdeckten Korb.
Als sie sich neben das Feuer gesetzt hatten, zog Tama einen großen Schinken, einen Laib Brot und einen mit Wasser gefüllten Schlauch aus ihrem Korb. Rimon glotzte nun noch mehr, dass ihm beinahe die Augäpfel aus den Höhlen gepurzelt wären.
„Was...?“, stammelte er, doch Tama fiel ihm ins Wort.
„Wie ich dich kenne, wärst du innerhalb der nächsten Tage verhungert. Wahrscheinlich hättest du sogar die passende Ausrede dafür parat.“
Rimon wollte protestieren, aber Tama ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Vielleicht hätte der Eber, an den du dich kunstvoll herangeschlichen hast, magische Fähigkeiten und hätte dich entdeckt, obwohl er dies bei deinem geschmeidigen Schleichen überhaupt nicht können dürfte!“
Sie lächelte, vielleicht etwas spöttisch, doch eigentlich voller Zuneigung für ihren älteren Bruder, dem sie nun überlegen war. „Vielleicht aber“, fuhr sie fort, „hätte auch ein urplötzlicher Donnerschlag, der im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel gekommen war, die schon sicher geglaubte Beute vertrieben oder aber...“, Tama hob ihre Stimme bedeutungsvoll an, „... ein fremdes Mädchen wäre plötzlich mit lautem Schrei auf den Eber zugerannt und wollte mit ihm spielen!“
Nun konnte Tama ihre gespielte Ernsthaftigkeit nicht länger aufrechterhalten und musste lachen. Sie hob sich den Bauch und konnte und konnte nicht mehr aufhören.
„Das war damals tatsächlich so. Ich schwöre bei Erdan, dass es wahr ist!“, protestierte Rimon. „Außerdem habe ich einen Auerhahn und keinen Eber gejagt. Welches Mädchen würde denn mit einem wilden Eber spielen wollen?“
Tama grinste ihn vielsagend an und schob ihm den Korb zu. Rimon schwieg und griff zögernd hinein. Sein Heißhunger trieb ihn an, alles augenblicklich zu verschlingen, doch diese Blöße konnte er sich vor seiner Schwester nicht geben.
„Interessiert es dich denn gar nicht, woher ich das alles habe?“, fragte Tama.
Rimon blickte auf. Ein Fetzen des Schinkens hing an seinem Mundwinkel. „Hmm?“, grunzte er.
„Ich habe es aus dem „Polternden Krug“ gestohlen!“, verkündete die kleine Tama stolz.
„Bist du verrückt, Tama!? Gestohlen? Aber… Du bist doch erst zwölf Jahre alt! Wie kannst du da schon stehlen? Und dann auch noch bei Krigor, unserem alten Wirt!?“ Rimon wurde wütend. Das Essen wollte ihm plötzlich nicht mehr schmecken, war es auch noch so lecker.
Tama setzte den Kopf schief und schaute ihren Bruder skeptisch an. „Du redest schon wie ein Erwachsener. Vor kurzem hättest du dich noch über so etwas gefreut. Schließlich haben wir Krigor immer geärgert. Er war nie freundlich zu uns Kindern. Immer, wenn wir in der Nähe seines Hauses gespielt hatten, kam er mit seinem dicken Holzstock und hat uns damit verjagt. Hast du das etwa bereits vergessen?“
„Nein, das habe ich nicht“, antwortete Rimon, „aber dennoch ist es nicht in Ordnung, wenn man anderen etwas stiehlt. Das weißt du so gut wie ich.“
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