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Rimon war wütend und traurig zugleich. Wütend über seinen Vater und sein Verhalten. Weniger, wie er sich ihm gegenüber verhielt; schließlich wusste Rimon genau, dass er früher oder später von Zuhause wegziehen musste. Auch seinen Freunden würde es bald so ergehen und, wer wusste dies schon genau, vielleicht würden sie schon in wenigen Wochen gemeinsam über blühende Wiesen und durch dunkle Wälder, durch wilde Flüsse und lärmende Städte ziehen. Aber Thors verhielt sich wie ein Tyrann gegenüber Jarla. Sie war eine solch gutmütige Frau, die ihren Sohn über alles liebte. Jahrelang hatte sie alleine Rimon und seine jüngere Schwester Tama groß gezogen und zugleich das Haus in Ordnung gehalten und die Felder bewirtschaftet. Thors dagegen kämpfte in Talgarth und am Mundan, dem großen Fluss im Süden jenseits der Berge, gegen Gobblins und Bersker und einmal gar gegen einen Lindwurm. Tapfer verteidigten sie ihre Stellungen und trieben alle Feinde, die es wagten, den Fluss zu überqueren, augenblicklich in und über den Strom zurück. Groß war Thors’ Ansehen, doch Jarla gegenüber zeigte er sich nicht wie ein heldenhafter Ritter. Sie musste all seine Übellaunigkeiten ertragen, während die anderen Ritter und Knappen nur seinen Heldenmut und seinen unzerstörbaren Glauben an Berandan und den König kannten.
Aber vor allem war Rimon traurig – unendlich traurig. Er wollte das Dorf nicht verlassen, doch er musste. Es gab keinen Weg zurück. Nun musste er sein Leben selbst in die Hand nehmen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte. Er hatte Mut, aber nicht, wenn er alleine war. Sicher konnte er viele Tage in der Wildnis überleben, aber doch nicht alleine. Wie sollte er ganz auf sich gestellt nur zurechtkommen? Zugleich spürte er ein seltsames Kribbeln, immer wenn er daran dachte, wie er als freier Mann über weite Wiesen ritt, die Sonne über ihm schien und er den Wind an seinen Wangen spüren konnte. Bilder taten sich auf von kleinen Kindern, die ehrfurchtsvoll zu ihm aufblickten, wenn er von einem Kampf in die Stadt zurückgeritten kam. Von anderen Kriegern, die seine Tapferkeit und sein Geschick rühmten. Von jungen Frauen, die ihm sehnsuchtsvoll nachblickten. Wenn er ein großer Krieger wäre… ja, wenn… Doch wie sollte er das denn je werden, wenn er schon aufgrund des kleinsten Eulenrufs in dunklem Wald in Angstschweiß badete? Ja, er würde gerne so sein wie sein Vater. Doch er wusste nur zu gut, dass er das Zeug dazu nicht hatte, dass er viel zu ängstlich, viel zu schwächlich war. Da war es doch besser, zu Hause in Sicherheit zu bleiben. Da war es doch schöner, ein Kind zu bleiben.
Tränen stiegen auf, die Rimon schnell wieder hinunterschluckte, denn sein Vater stand direkt neben ihm und beobachtete in mit einer Mischung aus Strenge und Ermutigung.
Sein Pferd Yaris stand gesattelt neben ihm. Es schnaubte, so als könnte es kaum mehr erwarten, dass die Reise endlich losging. Pechschwarz war es und obwohl es noch sehr jung war, maß es bereits beinahe zwei Meter. Die Mähne war gestriegelt und in die geflochtenen Enden waren grüne Bändchen gebunden. Ein altes Märchen besagte, dass diese grünen Bändchen in der Mähne eines jeden stolzen Pferdes alle bösen Mächte fernhalten sollten. Rimon konnte sich nicht mehr genau an dieses Märchen erinnern. Er hielt solche Geschichten für sentimentales Gerede der Alten.
Das schimmernde Fell des Pferdes war vor wenigen Stunden von Tama gereinigt und der Schweif von allem Dreck befreit worden. Yaris war komplett schwarz, nur knapp unter dem rechten vorderen Huf hatte er einen weißen Fleck von der Größe einer Kinderhand. Es war ein edles Pferd und hatte Thors sicherlich ein Vermögen gekostet.
„Wir werden sicher gute Freunde“, flüsterte Rimon in Yaris’ Ohr.
Als habe das Pferd verstanden, wieherte es freudig und warf den Kopf auf und nieder. Rimon lächelte. Ein treues Pferd würde ihm vieles erträglicher machen. Auch Thors lächelte. Er wusste nur zu gut, was seinem Sohn in diesem Moment durch den Kopf ging.
Rimon wandte sich seiner Mutter zu, die traurig, aber gefasst nahe der Haustüre stand, und umarmte sie lang und innig. „Lebe wohl, Mutter“, presste er mit kratzender Stimme hervor. Er musste heftig schlucken, bis der Kloß in seinem Hals verschwand.
„Lebe wohl, Rimon. Du wirst mir fehlen. Schau ab und zu hier vorbei und vergiss deine alte Mutter nicht.“ Eine Träne sammelte sich in Jarlas Auge, floss rasch über ihre Wange und tropfte auf ihr Kleid herab. Aus einer Tasche ihrer Schürze holte sie eine Kette mit einem kleinen silbernen Amulett. In feinster Arbeit war ein gewundener Drache geschmiedet, der von einem Schwert von oben bis unten durchbohrt war. Am Rand stand kreisförmig um den Drachen herum eine alte Inschrift, die Rimon weder lesen noch verstehen konnte.
„Mer birail beraldal trai’l grandilmerania duria”, las Jarla mit beschwörender Stimme vor. „Es wird dir Schutz bieten, verliere nie das Vertrauen darin.“
Rimon blickte seiner Mutter tief in die Augen, doch er fand nur eine endlose Leere, kein Ufer, an dem er festmachen und erkennen konnte, was seine Mutter fühlte. Nichts. Nur Leere.
Rasch wandte er sich ab und ging zu Tama, seiner Schwester. Sie weinte ein wenig, sagte aber nichts. Mit ihren großen dunklen Augen schaute sie ihn traurig an. Rimon gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sorge dich um Mutter, Tama. Ich mache mir Sorgen um sie.“
Tama nickte, sagte aber noch immer nichts. Dann drehte sich Rimon um und trat vor seinen Vater, der ihm seine große rechte Hand auf die linke Schulter legte. „Sei tapfer, mein Sohn! Auch in auswegloser Situation gibt es einen Ausweg. Nicht immer erkennt man ihn auf den ersten Blick. Schau genau hin und du findest ihn. Und erkenne, dass manches, was du heute als unwichtig erachtest, schätzenswert ist. Befrage die Vergangenheit. Sie kann dir viel erzählen. Und höre auf die Geschichten, die dir die Flüsse, die Bäume und der Wind erzählen. Sie wissen viel mehr als du und jeder Mensch.“
Fest und tief blickte Thors Rimon in die Augen. Es schien, als bliebe ihm nichts verborgen, was Rimon dachte, wovor er Angst hatte, wie er fühlte. Rimon fühlte sich unwohl. Rasch wandte er den Blick ab, marschierte festen Schrittes zu seinem Pferd, das ungeduldig wartete, stieg in den Steigbügel und schwang sich auf den Rücken des Pferdes. Dann hob er die Hand zum Gruß und trieb sein Pferd an. Langsam schritt es den Weg hinunter zum „Polternden Krug“. Als er ein letztes Mal zurückblickte, sah er seinen Vater, wie er neben Jarla stand und seinen Arm um ihre bebenden Schultern legte.
Vor dem Wirtshaus standen einige Bewohner des Dorfes und riefen ihm Glückwünsche, Erfolg und Mut zu, während ein paar kleine Kinder zu ihm heranliefen und Blumen in die Stiefelschnallen und die Mähne steckten. Als er weiterritt, entdeckte er seine Freunde auf der Straße. Kira vom Nachbarhof stand dort, ebenso wie Rollo, Gralan und Tom.
„Lass uns noch ein paar Gobblins übrig!“, schrie Tom und lachte.
Kira winkte mit ihrem rechten Arm, wobei der Ärmel ihres Kleides ein wenig herunterrutschte. Ein weißer, dünner Oberarm kam zum Vorschein. Man sah ihr an, dass sie in ihrem Leben nur selten hart gearbeitet hatte. Ihr Vater besaß eine Pferdezucht. Die Menschen kamen von weit her, um sich bei ihm ein Pferd zu kaufen. Geldsorgen musste er sich nicht machen. Auch Yaris stammte aus dem Stall von Kiras Vaters. Sie rief ihm zu, dass er auf sich aufpassen solle und nie seine Freunde vergessen dürfe, denn sie würden ihn auch nie vergessen.
Rimon verabschiedete sich nur kurz. Jeder längere Abschied hätte ihn noch trauriger gemacht. Zügig ritt er weiter. Als er am letzten Haus des Dorfes vorbeikam und die Bewohner hinter sich gelassen hatte, trat ein junges Mädchen aus dem bereits etwas zerfallenen Haus.
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