Es hatte rötliche Haare, die es zu zwei Zöpfen, die auf beiden Seiten des Kopfes herabhingen, geflochten hatte. Auf seinen Wangen verteilten sich unzählige Sommersprossen, besonders rundum die kleine Nase. Die Augen, die immer fröhlich strahlten, schauten jetzt traurig zu Rimon auf.
Es war Yolanda. Sie lebte erst seit kurzem in Wiesenau. Mit ihrer Mutter war sie im Winter hergezogen. Man erzählte sich, dass sie aus dem Süden gekommen waren, wo sie von Berskern vertrieben worden waren. Doch niemand wusste es genau, denn niemand hatte danach gefragt. Die Menschen des Dorfes beäugten alle fremden Menschen voller Misstrauen und arme Mütter mit ihren Kindern erst recht. Der Dorfvorsitzende gab ihnen schließlich das Haus am Ortsrand. Schon lange lebte hier niemand mehr, seitdem die alte Griza gestorben war. Keiner wollte in das Haus ziehen, denn die Leute munkelten, Griza hätte sich mit seltsamer Zauberei abgegeben und nachts mit mysteriösen Gestalten wilde Tänze aufgeführt. Nein, in dieses Haus wollte wahrlich niemand. Doch für die beiden Flüchtlinge aus dem Süden war es gerade recht.
Rimon hatte Yolanda eines Tages im Wald getroffen. Er musste auf die Jagd gehen, denn er sollte seinem Ausbilder einen großen Vogel auf den Teller bringen. Gerade hatte er sich vorsichtig an einen mächtigen Auerhahn herangepirscht und die Armbrust schussbereit angelegt, als plötzlich ein lauter gellender Schrei durch den Wald tönte. Der Auerhahn war ebenso erschrocken wie Rimon selbst. Noch während Rimon verwundert um sich schaute, woher denn der Schrei gekommen war, rannte dieses Mädchen mit den roten Haaren und den lustigen Zöpfen zwischen den Bäumen hervor und direkt auf den Auerhahn zu, der zunächst vor Schreck erstarrte, bevor er schließlich panisch die Flucht ergriff.
„Hee, du dummer Vogel, bleib stehen! Ich will doch nur mit dir spielen. Wir wollen doch nur spielen. Dummer Vogel, du, bleib da bei mir, bevor ich noch ungeduldig werde!“ Yolanda schrie dem Auerhahn hinterher, sah dann aber ein, dass sie damit keinen Erfolg haben würde. Dafür hüpfte sie nun im Kreis und schrie dabei: „Hey hey, Frühling, hey, endlich bist du da. Hey hey, Frühling, Yolanda ist auch da!“
So sprang sie eine Weile, bis sie sich erschöpft auf das weiche Moos des Waldbodens fallen ließ. Die Arme und Beine weit von sich gestreckt, rief sie „Dummer Vogel, dummer du! Wollte doch nur mit dir spielen!“ Und dann fügte sie in einer anderen Sprache hinzu: „Faglar-krâlk!“
„Hättest du mich in Ruhe schießen lassen, dann wäre dir der Vogel nicht entwischt.“ Rimon kam aus seinem Versteck hervor. Er war ärgerlich, denn diese Göre hatte ihm die sichere Beute und damit ein großes Lob von seinem Mentor verjagt.
Yolanda erschrak so sehr über das plötzliche Auftauchen des fremden Mannes, dass sie fluchtartig davonrannte und erst nach einigen Rufen stehen blieb und zurückkam.
Yolanda machte Rimon zunächst heftige Vorwürfe, weshalb er denn diesen schönen Auerhahn umbringen wollte, und Rimon ärgerte sich darüber, dass sie die Beute einfach so vertrieben hatte. Doch dann freundeten sie sich rasch an. Yolanda lachte viel und herzlich. Sie liebte die Natur und noch viel mehr liebte sie den Frühling. Und sie war anders als seine Freunde, sie dachte anders. Zwar verstand er sie nicht immer, aber auf irgendeine Weise faszinierte ihn das Mädchen.
Von nun an trafen sie sich öfters im Wald. Im Dorf durfte sich Rimon nicht mit der Fremden blicken lassen. Nicht nur sein Vater hätte ihm den Kontakt verboten. Wahrscheinlich hätten sich auch seine Freunde, allen voran Kira, von ihm abgewendet. Doch Yolanda wollte nicht verstehen, weshalb sie sich nur im Wald treffen sollten. Rimon versuchte, es zu erklären, aber sie verstanden sich nicht.
Nun stand sie am Straßenrand. Ihre langen Zöpfe hingen über ihre Schultern und Brüste, die sich unter dem zerschlissenen Kleid, das sie trug, abzeichneten. Die Füße waren staubig und dreckig und ihre Haut schon gebräunt.
Rimon zügelte sein Pferd und schaute zu Yolanda herüber. Keiner sprach ein Wort. Traurige Augen sahen ihn an. Er erwiderte den Blick nur kurz. Dann trieb er Yaris an und galoppierte aus dem Dorf.
* * * * *
Die ersten drei Tage und Nächte musste er in der freien Wildnis verbringen – so wie es die Tradition gebot. Erst wenn er hier seinen Mut gezeigt hatte, konnte er weiterziehen, großen Taten entgegen.
Während der Ausbildung hatte er eine Nacht lang unter freiem Himmel lagern müssen. Es war Sommer gewesen und der Mond hatte hell geschienen. Eine friedliche Nacht, in der sich Rimon nicht fürchten hatte müssen.
Aber jetzt sollte er inmitten des Waldes drei Nächte verbringen. Bären und Wölfe trieben sich manchmal im Frühjahr durch die Region. Noch waren sie ausgezehrt von einem harten und unerbittlichen Winter. Nun kamen sie von den Bergen herab und nutzten die ersten warmen Tage, um sich die Bäuche voll zu schlagen.
Er war ein Angsthase, nichts weiter, redete sich Rimon ein. Was sollte denn schon groß geschehen? Er würde sich ein prasselndes Feuer machen, an dem er sich wärmen konnte und das die wilden Tiere fürchteten. Rimon richtete sich im Sattel auf, reckte das Kinn leicht in die Höhe und versuchte, stark und tapfer auszusehen. Mut war schließlich auch eine Frage der Haltung.
Plötzlich verdunkelte sich die Sonne. Der lange Schatten, den er und Yaris eben noch geworfen hatten, verschwand und ein frischer Wind hob an. Dunkle Wolken waren aufgezogen und hatten sich vor die Sonne geschoben. Sie waren von Norden gekommen und türmten sich nun mächtigen Bergen gleich über ihm auf. Sie brachten das Grau mit sich und legten ihren Schatten über alles. Über jeden Baum und Strauch, über das Gras und die Hügel, über Yaris und Rimon. Das Grau kroch fahl durch seine Haut und legte sich eisig auf sein Herz. Bevor Rimon darum bitten konnte, dass es doch nicht regnen sollte, fühlte er bereits die ersten Tropfen auf seiner Stirn. Die Vögel, die vor wenigen Augenblicken noch vergnügt in den Büschen am Wegesrand gepfiffen und gezwitschert hatten, verstummten und zogen sich in den Schutz ihrer Nester zurück. Stille kehrte ein, nur der Wind blies stärker und lauter. Bange blickte sich Rimon um. Er war ganz allein. Nirgends ein Mensch, ein Tier, ein Vogel am Himmel, nichts. Nur er und Yaris, der Wind und die dunklen Wolkentürme über ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in Rimon auf.
Und da war noch etwas anderes, das er fühlte. Etwas, das langsam und kalt seinen Rücken emporkroch und sich schwer auf ihn legte. Es war Angst.
* * * * *
Nasse schwere Äste schlugen Rimon ins Gesicht, als er von der Straße in den unwegsamen Wald abbog. Es regnete inzwischen in Strömen. Der Mantel, den er sich über die Schultern geworfen hatte, bot nur wenig Schutz und so war er schon bald bis auf die Knochen nass. Die Kälte kroch in seine Stiefel und Rimon zitterte am ganzen Leib.
Zwischen den Bäumen konnte er einen kaum erkennbaren Pfad ausmachen. Wahrscheinlich ein alter Wildwechsel. Hier konnte Rimon schneller reiten und nur selten schlugen Äste gegen seine Stirn.
Es war rasch dunkel geworden. Der Regen und der dichte Wald verhinderten, dass das Tageslicht bis zu ihm durchdringen konnte.
Dann öffnete sich das Unterholz und Rimon ritt auf eine kleine Lichtung. Sie war nicht sonderlich groß, aber die Bäume, die den Platz umgaben, schlossen sich mit ihren dichten Baumkronen zu einer schützenden Decke zusammen, so dass nur wenige Tropfen auf den Boden fielen.
In der Mitte der freien Fläche waren einige Steine aufgetürmt. Sie schienen nach einer gewissen Regelmäßigkeit aufgebaut worden zu sein. Die Steine bildeten einen Kreis, in dessen Mitte ein flacher und kreisrunder Stein lag. Dieser war geschwärzt von Ruß und ein wenig Asche lag obenauf.
Da hat sich aber jemand viel Mühe mit der Feuerstelle gemacht, dachte Rimon und musste schmunzeln. Aber warum legte jemand eine Feuerstelle dermaßen kunstfertig an? Und – wer legte hier an diesem verlassenen Ort inmitten dieses unwegsamen Waldes überhaupt eine Feuerstelle an?
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