Ich stellte die anderen kurz vor. Wir klatschten Kemal ab und gingen hinein.
An der Kasse übernahmen Andy und ich - ganz Gentleman - die Kosten für Eintritt und Garderobe. Das erste Getränk war im Eintrittspreis von zehn Mark enthalten, so dass wir uns zunächst an die Bar begaben, bevor wir uns in die Menge stürzten. Unsere letzte Flüssigkeitszufuhr war nun auch schon eine Weile her. Wir waren allesamt das erste Mal hier und staunten nicht schlecht über die gelungene und sehr tanzbare Mischung aus Rock, Funk, Soul und Rap. Es verkehrte hier auch nicht unbedingt das übliche Diskotheken-Publikum aus Schnöseln und Tussis. Wir genossen, trotz der vielen anwesenden Menschen und der Enge, die sehr entspannte Atmosphäre.
Friederike nahm mich bei der Hand und schleppte mich auf die Tanzfläche. „Na, dann will ich mal sehen, wie du dich bewegen kannst.“ Da ich nun schon öfter bei uns in der Kleinstadt-Disco unterwegs war, hatte ich mir einen aus meiner Sicht sehr coolen Tanzstil angeeignet. Nach dem Motto: „Weniger ist mehr“, setzte ich beim Tanzen überwiegend den Oberkörper ein und verharrte mit den Füßen immer auf einer Position. Meine Hufe standen etwa in einem 90 Grad Winkel auseinander, um einen festen Stand zu haben und um im Bedarfsfall besser die Hüfte einsetzen zu können. Auch Friederike schien mein Tanzstil zu gefallen. Marion quälte sich hingegen mit der ungelenken und unkoordinierten Zappelei von Andy ab, der sichtlich seine Freude hatte, aber gezwungenermaßen alle Blicke der umstehenden Leute auf sich zog. Die machten sich natürlich über seine unfreiwillige Slapstickeinlage ziemlich lustig. Andy scherte das aber herzlich wenig. Er hatte seinen Spaß. Diese Eigenschaft bewundere ich noch heute an ihm. Er macht sich rein gar nichts daraus, was andere Menschen über ihn denken. Er zieht einfach sein Ding durch.
„Wow, mir läuft das Arschwasser die Beine runter und ich habe stechenden Durst“, brüllte Andy der Marion nach etwa einer halben Stunde Action auf dem Dancefloor ins Ohr.
„Ist echt heiß hier, aber super Musik! Soll ich Friederike und Rene auch mal anhauen, ob sie auch etwas trinken wollen?“
„Jo mach mal!“
Marion stupste Friederike an die Schulter. „Hey, kommt ihr mit an die Bar, etwas trinken?“ Friederike nickte und zog mich einfach zur nächsten Getränkestation hinter sich her.
„Na Rene, auch am Verdursten?“ Andys Frage war eher rhetorischer Natur. Ich beantwortete sie ihm trotzdem.
„Aber wie, vor allen Dingen bin ich wieder komplett nüchtern. Ein paar Minuten Tanzen werfen dich wirklich um Stunden zurück.“
„Was wollt ihr denn?“, schaute Andy fragend in die Runde
„Also ich bleibe bei Wodka O!“, schoss es aus mir heraus. Die Mädchen nickten zustimmend. Andy bestellte die gewünschten Getränke und wir suchten uns ein etwas ruhigeres Eckchen, wo wir uns beim Unterhalten nicht so anschreien mussten.
„Echt dufter Schuppen hier, das sollten wir öfter mal machen!“, freute sich Marion, die insbesondere die Funk- und Soultitel überzeugten.
„Recht haste! Hier passt echt alles. Ziemlich geil!“
Letztlich freuten wir uns alle über einen bisher sehr netten Abend.
„So schmeckt mir die bunte Welt der großen Stadt.“
Ich sprach diesen Satz kaum aus, da kam ein ziemlich bulliger Typ auf uns zu und tippte Friederike von hinten an.
„Hey Riki, wie geht’s? Wo ist denn Wolfgang?“
Sie drehte sich erschrocken um. „Oh, hallo Jochen, prima. Wie du siehst, ist Wolfgang nicht mit dabei. Ich bin heute mit ein paar Schulfreunden unterwegs!“ Sie umarmte ihn und flüsterte ihm irgendetwas ins Ohr. Es stellte sich heraus, dass Jochen ein Arbeitskollege ihres Freundes war. Ihr Lover wusste natürlich nichts davon, mit wem sie beziehungsweise dass sie überhaupt unterwegs war. Wolfgang schien sehr eifersüchtig und ein bisschen einfältig zu sein. Zumindest erweckte er den Eindruck bei mir, ohne ihn jemals getroffen zu haben. Aber allein aus den Erzählungen von Friederike ergab sich für mich eindeutig dieses Bild.
Jochen versuchte, Friederike völlig für sich zu vereinnahmen. Mit einem verächtlichen Blick auf Andy und mich gerichtet, fragte er sie: „Und was sind das hier für Dünnbrettbohrer? Gehen die Weicheier etwa auch auf deine Mädchenschule?“
Ich fragte mich nur, was diese Aktion jetzt sollte. Ich war nicht hier, um mich von irgendeinem dahergelaufenen Vollidioten beleidigen zu lassen und plusterte mich entsprechend auf. Dabei schob ich Friederike etwas zur Seite. „Was willst du Schwachmat denn von mir? Kann nicht mal bis drei zählen, hat ‘ne Fresse wie ‘n Warzenschwein und spuckt hier große Töne!“ Andy schaute mich erstaunt an, da ich körperlich ungefähr die Hälfte von dem Typen und einen halben Kopf kleiner war. Ein Grinsen konnte er sich aufgrund meines verbalen Vorstoßes allerdings nicht verkneifen und meinte dann für alle Umstehenden hörbar: „Komm, die Hohlbratze ist es doch nicht wert, sich den Abend vermiesen zu lassen. Nachher holst du dir noch irgendwelche Krankheiten, wenn du ihn rundmachst wie ein Buslenker.“
„Hast recht, der Neandertaler hat echt ‘ne ziemlich feuchte Aussprache und wer weiß, wer ihm die Rosette gepudert hat und aus welchem Zoo er entlaufen ist“, flackste ich zurück, ohne Jochen dabei aus den Augen zu lassen.
Es kam so, wie es kommen musste. Er holte aus und versuchte mir seine Faust ins Gesicht zu schlagen. Ich stand relativ nahe an einer Wand und duckte mich seitlich weg. So streifte er nur leicht meinen Haaransatz und hämmerte mit voller Wucht gegen die massive Steinwand. Seine eh schon hässliche Fratze verzog sich vor Schmerzen und Tränen schossen ihm in die Augen. Als er mich packen wollte, um mir tatsächlich eine zu verpassen, machte glücklicherweise Kemal gerade seine Runde und sah sofort, dass ich in Schwierigkeiten war. Er zog Jochen am Hemdkragen zurück und warf ihn auf den Boden. Anschließend packte er Jochens verletzte Hand und zog sie im Polizeigriff hinter dessen Rücken hoch. „So, ganz ruhig du Spacken. Was belästigst du hier unsere Gäste? Die Leute wollen hier friedlich feiern und du meinst hier ‘nen Dicken machen zu können, du Hänger!?“ Innerhalb einer halben Minute waren zwei Kollegen von Kemal zur Stelle, um Jochen vor die Tür zu begleiten.
„Na Rene, alles klar? Was war das denn für ‘ne Nummer, sag mal?“ Kemal schaute mich mit ernster Miene an.
„Der Typ hat uns beleidigt und kam sich richtig schlau vor, da haben Andy und ich ihm einfach ein paar Takte erzählt. Daraufhin wollte er mir eine klatschen und traf versehentlich nicht mich, sondern die Wand“, schilderte ich kurz die Geschehnisse.
Kemal grinste: „Hast ja früher beim Judo doch aufgepasst.“ Ich nickte und sagte nur lapidar: „Nutze immer die Energie deines Gegners!“
„Was passiert jetzt eigentlich mit dem Typen?“, fragte Andy, der sich feixend über Jochens Schicksal informierte.
„Der wird hier für ein Jahr Hausverbot bekommen und wir überlegen, ob wir ihn der Polizei übergeben.“
Ich hatte nicht gedacht, dass dieser Vorfall solche Wellen schlagen würde und wandte mich nochmals an Kemal. „Was würde dann geschehen?“
„Du kannst ihn wegen versuchter Körperverletzung anzeigen.“
„Ich hab ja nichts abbekommen. Er hat sich ja nur selbst verletzt, der Vollpfosten. Lass mal gut sein!“
„Eine weise Entscheidung. Wir, als Veranstalter, haben auch keine Lust die Polizei vor oder im Laden zu haben. Wollt ihr einen Drink auf Kosten des Hauses?“
„Lass uns zuerst mal nach den Mädels sehen, ob bei denen alles okay ist“, dankte ich Kemal für das nette Angebot.
Nachdem jetzt wieder Normalität eingekehrt war, schauten Andy und ich nach den Mädchen, die heftig miteinander diskutierten.
Als Friederike mich sah, stürzte sie auf mich zu. „Sag mal, spinnst du? Jochen ist ein Kollege von Wolfgang. Der wird ihm jetzt sicherlich stecken, dass ich heute ohne ihn los war.“
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