Wie jedes Mal, wenn ich hier etwas suche, denke ich mir, wie praktisch es wäre, die Kisten zu beschriften, und wie jedes Mal nehme ich mir vor, beim nächsten Besuch einen Stift mitzubringen. Ich krame mich weiter durch den Kistenstapel. Trotz der Kälte hier oben komme ich langsam ins Schwitzen. Das ständige Bücken lässt mir außerdem das Blut in den Kopf steigen. Ich muss mich kurz abstützen, um ein leichtes Schwindelgefühl zu unterdrücken.
Unter dem Gewicht meines Körpers bricht der Deckel eines der Kartons. Ein leises Knacken unterrichtet mich davon, dass soeben im Inneren der Kiste etwas zerbrochen ist. Vorsichtig öffne ich den Deckel. Aha, das Weihnachtszeug. Kiste Nummer eins ist gefunden, dann kann die zweite ja nicht weit sein. Ich schaue an der Stelle nach, in die sich meine Hand gebohrt hat. Langsam hole ich eine größere Holzkonstruktion heraus. Verdammt, der Schwibbogen, den Tante Elfriede uns vor vielen Jahren geschenkt hat. Es ist so ein echter erzgebirgischer mit Schnitzer und Klöpplerin. War, muss ich mich korrigieren, als ich ihn in der Hand halte. Der obere Teil des Bogens steht unnatürlich nach hinten ab. Eine scharfe Bruchkante zeigt mir, dass eine kosmetische Reparatur zwar möglich wäre, auf die Schnelle aber nicht ausreichen würde, den Schwibbogen so wiederherzustellen, dass er als Weihnachtsschmuck taugen könnte. Zerknirscht nehme ich ihn ganz aus dem Karton und verstaue ihn erst einmal hinter einigen anderen Kisten, unter denen ich auch den zweiten Weihnachtskarton finde. Dann stelle ich die zwei Weihnachtskisten übereinander, schiebe den restlichen Inhalt des Dachbodens mit dem Fuß wieder so zurecht, dass ich den Verschlag schließen kann und begebe mich mitsamt meiner Last zurück in die Wohnung.
„Warum hat das denn so lange gedauert?“ Yvette hat den Tisch bereits leergeräumt und ist wie immer ganz begierig loszulegen.
„Musste erst noch die Kisten suchen“, brumme ich hinter den Kisten hervor.
„Wir sollten die Kisten mal beschriften, dann findet man sich viel besser zurecht.“, schlägt Yvette vor.
„Jaja.“, ist mein einziger Kommentar. Dieses „Wir“ kenne ich. Es ist unser familieninterner Code für Aufgaben, die ich erledigen sollte. Aber ich werde mich hüten, diese Diskussion anzubrechen. Schließlich ist erster Advent. Also halte ich die Klappe und stelle die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck vorsichtig auf dem Tisch ab.
Ich lasse mich auf die Couch fallen und erwarte den nächsten Dejavú-Moment der Jahreszeit. Gleich wird Yvette schwungvoll die Kisten öffnen und ihren Inhalt akribisch auf den Tisch sortieren. Jeder von uns bekommt seine klar umrissenen Zuständigkeitsbereiche, damit auch ja nichts schiefgeht beim festlichen Schmückmarathon.
Mit Schwung öffnet Yvette die Kisten und sortiert deren Inhalt akribisch auf den Tisch. Vor mir liegt bald eine längliche Schachtel. In einer zweiten Ecke stapeln sich die Weihnachts-CDs und Räuchermännchen - ich nehme mal an, dass Rocco dafür zuständig sein soll, alles andere landet auf dem größten Haufen, für den Yvette zuständig ist. Obwohl wir diese Prozedur nun schon seit Jahren über uns ergehen lassen, gelingt es mir doch, an die Zeit zurückzudenken, als das adventliche Schmücken noch eine lustige, eher unkoordinierte Angelegenheit darstellte. Es war ein Bisschen wie Ostern, wir zogen immer ein Packet aus der Kiste, packten den Inhalt aus und platzierten ihn wahllos in unserer Bude. Allerdings hatten wir damals auch nur einen Schuhkarton voll Weihnachtszeug, zwei Zimmer und vor allem Yvettes Schwester kein Kind, das den Großteil der Adventszeit bei uns verbringen würde.
Seit Roccos erstem Advent bei uns, also seit ziemlich genau 14 Jahren, hat Yvette die Vorzüge von gut organisierter Adventsdeko entdeckt. Es fing damit an, dass sie mit der Krabbelgruppe bei Johanna war. Die hatte bereits ihr drittes Kind, steckte also schon mitten drin im unausgesprochenen Wettbewerb um den Titel „Mutter des Jahres“ und hatte dementsprechend jede Menge Erfahrung im Umsetzen dieser geschmacklosen Dekovorschläge aus den Frauenzeitschriften. Yvette war hin und weg von Johannas Wohnung und als eine Woche später die Krabbelgruppe zu uns kam, war unsere liebevoll-chaotische Zurschaustellung unserer Weihnachtskleinodien nicht mehr gut genug. Zwei Abende lang sprang sie hin und her und um mich herum, bis sie mit dem Erscheinungsbild unserer nun mit vier Zimmern deutlich größeren Wohnung zufrieden war. Ich fragte sie lieber nicht, ob für Tanten nicht andere Kriterien galten als für Mütter.
Der Rest ist schnell rekapituliert. Jedes Jahr kauften wir einige unentbehrliche Accessoires hinzu und Yvette übernahm das Kommando bei der Frage, was wo womit am besten zur Geltung kommen könnte. Für mich blieb irgendwann nur noch der eine Karton übrig, der jetzt vor mir auf dem Tisch liegt.
Ich angle mir die längliche Packung und öffne sie vorsichtig. Eine Plastetüte mit Metallklammern fällt mir entgegen. Mit spitzen Fingern ziehe ich vorsichtig die Pappkonstruktion heraus, die den Rest des Inhalts schützen soll. Ich nehme alles auseinander und stelle die vielen großen und kleinen Drei- und Viereckspyramiden vor mir auf.
Inzwischen ist Yvette in Fahrt gekommen und spurtet mit diversem Blumenschmuck durch die Wohnung. Eine Zeitlang folge ich ihrem hektischen Treiben mit den Augen, unfähig, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Ich weiß nicht genau, was mich mehr fertig macht, das irre Tempo, mit dem sie durchs Wohnzimmer wuselt, oder die Tatsache, dass sie die Nussknacker, Engelchen, Pyramiden und sonst irgendwie weihnachtlich aussehenden Gegenstände immer wieder von einem Platz auf den anderen weiterrückt, dreht, abstaubt und wieder umstellt. Hin und wieder kommt sie am Tisch vorbei, schnappt sich Nachschub und bedenkt meine unbeweglich dasitzende Gestalt mit einem halb neugierigen, halb missbilligenden Blick.
Endlich ist Yvette fertig mit dem Wohnzimmer und schleppt einen Arm voll Weihnachtsausrüstung in die Küche. Ich atme erleichtert auf und beuge mich langsam über die drei- und viereckigen Spitzen. Als ich die erste große Pyramide in der Hand halte und eine kleinere daran anlege, kommt Rocco herein und schnappt sich seinen kleinen Stapel. „Na, du bist ja schon echt weit, Klaus.“, kommentiert er meinen Arbeitsfortschritt mit ironischem Unterton.
Ich hebe meinen Zeigefinger und doziere mit spielerisch-belehrender Stimme: „Ein Herrnhuter Stern benötigt Langmut und Konzentration. Überstürzte Eile führt nur ins Desaster.“
Rocco guckt mich verwirrt an, dann dreht er sich zum Musikregal, um die CDs einzusortieren. Ich widme mich wieder dem Zusammenstecken der Einzelteile. Nach einer gefühlten halben Stunde ist die Hälfte meines Kunstwerks fertig. Ich begutachte meine Fortschritte und bin sehr zufrieden. Wenn die Spitzen nicht so steif wären, gäbe das Ding doch eine gute Narrenkappe ab. Ich stülpe die igelförmige Halbkugel auf den Kopf und rufe Rocco, der sich in den Ledersessel gefläzt hatte, zu: „He, guck mal.“
Rocco wendet den Blick kurz von seinem Smartphone, grunzt etwas unverständliches und lässt dann seine Finger wieder flink über die Tasten schweben. Ein leichtes Lächeln zeigt mir aber, dass er den Witz wie jedes Jahr lustig fand. Vielleicht hat er auch schon darauf gewartet?
„Sag mal, sonst hast du keine Probleme, oder?“, schreckt mich Yvettes Stimme von der Tür her auf. „Du machst das Ding noch mal kaputt!“ Dabei deutet sie mit einem anklagenden Zeigefinger auf meinen Kopf. Mit schuldbewusster Miene ziehe ich meine Bastelei vom Scheitel und schnappe mir eine weitere Spitze nebst Klammer.
„Hast du eigentlich alles vom Dachboden mitgebracht?“, fragt mich Yvette mit nachdenklicher Miene.
Meine Gedanken rasen. Kann es sein, dass sie mich beobachtet hat? Kann sie Gedanken lesen? „Äh, ja, ich denke schon. Wieso?“, frage ich mit so unschuldiger Miene wie möglich.
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