Ich richte mich schon gemütlich auf meinem Stuhl ein, als ich bemerke, dass heute nicht unsere Pastorin, sondern ein älterer Herr, den ich noch nie gesehen habe, das Podium erklimmt. Helga, die den Gottesdienst moderiert, erklärt uns, dass Pastorin Hainchen erkrankt und deshalb der pensionierte Pastor Mühlenstein kurzfristig eingesprungen ist. Gespannt blicke ich zum Rednerpult, auf das der Pastor bedächtig eine fette Bibel und ein paar Zettelchen legt.
Mit einer sonoren Stimme leitet er die Predigt ein, ganz so, wie man es von einem gesetzten Herrn fortgeschrittenen Alters erwartet. Ich sehe, wie sich die Leute vor mir auf ihren Sitzen zurechtruckeln, um bequem zu sitzen, falls sie während der Ansprache einschlafen sollten. Meine Gedanken schweifen ab. Ich betrachte die anderen Gottesdienstbesucher ausgiebig. Mein Blick bleibt wieder bei Hans-Peter und Wilhelm hängen. Hans-Peter sitzt starr auf seinem Platz und schaut zum Fenster hinaus. Wilhelm versucht, sich so nach hinten zu beugen, dass er über Hans-Peters Schulter nach draußen schauen kann. Er hat mir einmal erklärt, dass es nur ein sehr kleiner Blickwinkel ist, durch den man in das Fenster der Studentinnen-WG schauen kann. Offenbar scheint sich dort gerade etwas zu tun.
Ich fahre aus meinen Gedanken hoch, als der Pastor plötzlich mit der Faust auf das Rednerpult schlägt und einen lauten Schrei ausstößt. Mehrere ältere Damen vor mir zucken verstört aus ihrem Halbschlaf hoch, ein kleines Mädchen fängt an zu weinen und von den Teenies schallt ein zustimmendes AMEN herüber.
Plötzlich schallt die Stimme des Pastors viel lauter durch den Raum. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, wilde Gesten unterstreichen seine Worte. Er scheint sich förmlich in Rage zu reden. Wie gebannt hängen alle an seinen Lippen. Er spricht von Mitmenschlichkeit, Vergebung und Toleranz, davon, dass wir alle dafür verantwortlich sind, wie diese Welt aussieht und ob sie dem entspricht, was wir von ihr erwarten. Immer wieder nicken einige Leute zu seinen Worten oder klatschen spontan Beifall. Ich spüre, wie mir eine Gänsehaut den Rücken hinabläuft. Ich schaue kurz zu Yvette. Auch sie ist fest gefangen in der Magie des Augenblicks.
Ein Poltern und ein erschreckter Schrei brechen ein paar Minuten später den Bann, in dem wir alle gefangen waren. Alle Augenpaare richten sich wie auf Kommando in die Ecke vorn, in der Hans-Peter und Wilhelm sitzen. Wilhelm scheint sich mit seinem Stuhl zu weit nach hinten gelehnt zu haben und ist umgekippt. Dabei ist die Lehne des Stuhls auf Frau Kortnagels Knien gelandet. Ihr ausladender Busen, auf dem Wilhelms Kopf noch ein paar Mal nachfedert, polsterte seinen Sturz nach hinten ab. Mehrere Hände greifen hastig zu, ziehen Wilhelm wieder nach oben und befreien die mit Zornesröte im Gesicht laut vor sich hin schimpfende Frau Kortnagel von ihrer Last. Nur Hans-Peter rührt sich keinen Millimeter und schaut weiter angespannt zum Fenster hinaus, so als sei nichts gewesen.
Als sich alle wieder einigermaßen beruhigt haben und auch das Gezeter von Frau Kortnagel durch gutes Zureden ihres Mannes auf Flüsterlautstärke gesenkt werden konnte, setzt der Pastor seine Predigt fort. Aber es ist nicht mehr das selbe. Die Magie stellt sich nicht wieder ein. Zum Glück scheint er das wichtigste bereits gesagt zu haben und kommt, mit einem letzten tadelnden Blick auf Wilhelm, bald zum Ende.
„Wow, das war ja mal eine geile Predigt.“, bestürmt mich Yvette regelrecht, kaum dass das Amen des Abschlusssegens verklungen ist. Und ich muss ihr Recht geben.
„Der Typ hat es voll drauf. Hätte ich gar nicht gedacht, als ich gesehen habe, wie er nach vorn geschlichen ist.“
Yvette nickt zustimmend. „Ja, da siehst du wieder mal, dass man die Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen soll.“
„Wie er das mit der Mitmenschlichkeit gesagt hat, das war echt eingängig.“, sinniere ich laut. „Aber es ist schon schwer, immer in jedem nur das Gute zu sehen, oder?“
„Er hat ja auch nicht gesagt, dass es leicht ist.“, klärt Yvette mich auf, für den Fall, dass ich doch nicht die ganze Predigt verstanden haben sollte. „Aber wir sollen uns bemühen und über die Fehler der anderen hinwegsehen.“
Mir kommt eine spontane Idee: „Heißt das, ich kann die Küche weiter so putzen wie bisher?“
Sie schaut mich skeptisch an. „So würde ich das jetzt auch nicht interpretieren.“ Dabei stemmt sie kampflustig die Hände in die Hüften, ein sicheres Zeichen dafür, dass ein weiteres Diskutieren aussichtslos ist. „Aber ich vergebe dir deine genetische Prädisposition zur Unordnung und finde, dass du ein ganz passabler Mann bist.“, fügt sie mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht hinzu.
„Ganz passabel?“ Noch während ich diese Worte empört hervorstoße, wird mir klar, dass Yvette es wieder geschafft hat. Ich habe mich so auf diese letzten Worte fixiert, dass ich gleichzeitig mit meinem Protest indirekt zugegeben habe, das ein oder andere Problem beim häuslichen Reinemachen noch nicht ganz im Griff zu haben. Obwohl das doch nun wirklich Ansichtssache ist, oder?
„Lass uns Kaffee trinken, so lange er noch heiß ist.“, versuche ich, das Thema zu wechseln, aber ich sehe am Funkeln in ihren Augen, dass sie weiß, dass ich weiß, wer gerade den Kürzeren gezogen hat.
Beim Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst ist es wesentlich voller als an normalen Sonntagen. Ich habe immer den Eindruck, dass der erste Advent für viele Leute tatsächlich eine Art Erweckungsdatum ist, an dem sie feststellen, dass es unbedingt mal an der Zeit ist, wieder in die Kirche zu gehen. Am zweiten Advent sind es dann schon wieder weniger, die den Weg in den Gottesdienst finden und nach Heilig Abend ebbt die Beteiligung sehr schnell wieder auf Normalnull ab. Umso spannender ist es, herauszufinden, was die Leute hier so treiben. Ich stelle mich an einen Tisch neben einer Gruppe von Leuten, die mir völlig unbekannt sind. „Und wie die sich wieder aufgetakelt hat. Völlig daneben.“, höre ich eine Frau in grauem Kostüm lästern. Ob die überhaupt etwas von der Predigt mitbekommen hat? Mitmenschlichkeit, andere so akzeptieren wie sie sind und auf sie zugehen?
Die übrigen Kirchkaffeetrinker am Tisch beteiligen sich eifrig daran, über andere herzuziehen. Über fast jeden der Anwesenden und erst recht der Nichtanwesenden scheinen die Damen und Herren ihre Meinung zu haben und scheuen sich nicht, diese mit anderen zu teilen. Ich komme mir ein bisschen vor wie auf Facebook, nur in echt. Ich spüre, wie sich ein kleiner Knoten in meinem Magen bildet und langsam größer wird. Bevor er vom Bauch über den Hals zum Mund hinaufkriechen kann und ich mich mit unangebrachten Worten in die Debatte einmische, kommt Yvette auf mich zu und zieht mich Richtung Ausgang.
„Aber, ich hab doch meinen Kaffee noch gar nicht ausgetrunken.“, protestiere ich halbherzig.
„Später kriegst du neuen. Jetzt müssen wir erst mal nach Hause und die Wohnung schmücken. Es ist schließlich nur einmal im Jahr erster Advent.“, trällert sie fröhlich, während ihr fester Griff um meinen Oberarm keine Zweifel daran lässt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als mich in mein Schicksal zu fügen.
Zu Hause angekommen, mache ich mich sofort zum Dachboden auf. Irgendwo hier oben müssen die beiden Kartons mit dem Weihnachtszeug sein. Ich schiebe mehrere Ivar-Randteile in verschiedenen Höhen und ein altes Bügelbrett beiseite, um mich dann den vielen Umzugskartons zu widmen, die unseren Boden bevölkern. Ich öffne die ersten Kartons voller Elan, sehe aber auf einen Blick, dass es sich definitiv nicht um Weihnachtssachen handelt. Alte Bücher, das angeschlagene Geschirr aus Omas Gartenhäuschen, jede Menge Fahrradreparaturkrimskrams und die Klamotten, die wir beim Malern im Flur letzten Juli eingesaut haben, finde ich in den vordersten Kisten. Ich schüttle den Kopf. Was sich in einem Jahr alles so ansammelt. Hier oben muss dringend mal aufgeräumt werden.
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