Da Yvette auf jeden Fall eine Entscheidung von mir erwartet, zeige ich spontan auf den Pullover mit dem blauen Muster. Der gefällt mir einfach besser, ohne dass ich das jetzt begründen könnte. „Der passt gut.“, gebe ich meine Expertenmeinung zu Protokoll.
Yvette schaut sich den Pullover noch einmal genau an. „Bist du sicher. Ist nicht der Farbton anders als der meiner Jeans?“ Skeptisch mustert sie meine Entscheidung.
Ich schaue noch einmal genau hin, kann aber keine Farbnuancenabweichungen erkennen. Dennoch weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass ich in Diskussionen über Mode und Geschmack nur verlieren kann. „Dann nimm halt den anderen, wenn du dir nicht sicher bist.“, sage ich deshalb gönnerhaft. Wider besseres Wissen hoffe ich, damit galant aus der Nummer heraus gekommen zu sein und Yvette außerdem darin bestärkt zu haben, dass sie für sich die richtige Entscheidung treffen wird.
Während ich mir innerlich für so viel Cleverness noch auf die Schulter klopfe, begutachtet Yvette wieder kritisch die beiden Pullover. „Du hast aber doch gerade gesagt, der hier“ - dabei zeigt sie auf das blau gemusterte Exemplar - „würde besser passen. Warum sagst du das, wenn du es gar nicht meinst?“
„Mein ich doch.“, gebe ich kurz angebunden zurück. Verdammt! Jetzt geht das wieder los. Auch nach fünfzehn Jahren Ehe habe ich noch keine Ahnung, was meine Frau in solchen Situationen von mir hören will.
„Ja, aber jetzt hast du doch gesagt, ich soll den anderen nehmen.“
Ich sacke innerlich einige Zentimeter zusammen. Ja, was soll ich denn sagen? Das es mir egal ist, welchen Pullover sie anzieht, weil sie in beiden gut aussieht? Funktioniert nicht, das habe ich schon oft probiert und immer stehe ich am Ende als der unsensible Klotz da, der kein Einfühlungsvermögen in das Seelenleben seiner Frau hat. Hätte ich gleich den schwarzen nehmen sollen? Dann wäre ich vermutlich wieder der biedere Langweiler gewesen, der nichts Extravagantes wagt. Soll ich jetzt umschwenken und damit zugeben, dass es mir letztendlich trotzdem egal ist, Hauptsache wir kommen endlich los?
„Nein, nimm den blauen. Der Farbton passt schon.“, erwidere ich in einem plötzlichen Anfall gekränkten Entscheiderstolzes.
Wieder hebt Yvette den Pullover mit der blauen Schulter vor ihr Gesicht. „Bist du dir ganz sicher? Ich könnte sonst auch nochmal den grünen von Tante Elfriede probieren.“
Oh Gott, bloß das nicht! Es ist schon schwer genug, wenn zwei Kleidungsstücke zur Wahl stehen, ein drittes in den Pool zu werfen, wäre der sichere Tod für unsere Einkaufstour. „Von mir aus kannst du auch noch zehn weitere Pullover anprobieren.“, höre ich mich wie aus weiter Ferne selbst rufen und spüre mit einigem Befremden, dass ich meine Arme in gespieltem Entsetzen nach oben reiße.
Yvettes blaue Augen starren entsetzt unter ihrem roten Pony hervor zu mir herüber. Ihre Unterlippe beginnt leicht zu beben.
Bevor sie etwas sagen kann, gelingt es mir irgendwie, wieder Herr über meinen Verstand zu werden. „Ich bin ganz sicher. Der da ist super.“, sage ich und deute auf den Pullover mit der blauen Schulterpartie. Es kostet mich einige Selbstbeherrschung, ein „Und jetzt zieh ihn an, wir wollten schon vor einer halben Stunde los.“ herunterzuschlucken.
Yvette zieht einen Schmollmund und sagt in nicht ganz freundlichem Ton: „Ihr Männer versteht einfach nicht, wie wichtig das für uns Frauen ist. Schließlich wollen wir auch für euch gut aussehen.“
Ich kann ihrer Logik nicht ganz folgen, immerhin hatte ich doch klar gesagt, welchen Pullover ich schön finde, aber ich weiß, dass es Yvette wichtig ist, immer gut auszusehen, wenn sie aus dem Haus geht. Also mache ich einen Schritt auf sie zu, setze ein versöhnliches Lächeln auf und nehme sie fest in den Arm. „Ich weiß doch.“, brumme ich. „Aber du siehst immer gut aus, sogar wenn du nichts anhast.“
Mit gespieltem Entsetzen verpasst sie mir einen sanften Schlag auf die Brust. „Du bist unmöglich.“ Sanft windet sie sich aus meiner Umklammerung. „Zieh dich schon mal an. Ich bin gleich da.“, sagt sie und schiebt mich in den Flur hinaus.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie lange dieses gleich nun wieder dauern wird, ziehe aber wie befohlen meine Schuhe wieder an. Kaum bin ich in der Küche, steht Yvette auch schon im Türrahmen, gewandet in ein grünes Kleid und dicke schwarze Strumpfhosen. Oh Gott, wie ich dieses Kleid hasse. Warum habe ich es noch nicht übers Herz gebracht, es in einer unbeobachteten Minute aus der Wohnung zu schmuggeln und dem Kleidercontainer zu überantworten? Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen wartet sie offenbar auf einen Kommentar von mir.
„Schön!“, sage ich und versuche, ein bisschen Begeisterung in dieses Wort zu legen.
Inzwischen ist der Kaffee durch die Maschine gelaufen und ich fülle zwei Tassen.
„Kaffee?“
„Wollten wir nicht los?“, fragt sie mich mit verwundertem Blick.
Ich zucke hilflos mit den Schultern. „Naja, der letzte Kaffee ohne Weihnachtsschmuck und Gebäck. Der geht schon noch, oder?“
„Apropos. Hast du jetzt deine Liste fertig?“, fragt sie mich mit gehässigem Unterton und lässt sich am Küchentisch nieder.
Ich krame bewusst umständlich in meinem Rucksack und befördere einen bereits abgegriffenen Zettel zutage. „Ja, hier.“ Triumphierend halte ich meine Beute in die Höhe. „Ich hab alles aufgeschrieben. Endlich können wir Stollen kaufen und gefüllte Lebkuchenherzen und Sterne-Brezeln-Herzen-Packungen…“
„Wieso endlich?“, fällt Yvette mir ins Wort. „Die Sachen liegen doch schon seit Monaten in den Regalen rum. Du kaufst sie bloß nie.“
„Natürlich kaufe ich die nicht!“, erwidere ich aufgeregt. „Was soll denn der Blödsinn? Weihnachtsleckereien im September. Das kauft kein Schwein. Weihnachtsgebäck gehört in den Advent und sonst nirgendwo hin!“
„Und warum, denkst du, stehen sie dann schon ab September in den Supermärkten rum, wenn sie keiner kauft?“
„Aha.“, ich hebe den Zeigefinger. Jetzt habe ich Yvette bei meinem Lieblingsthema. „Alles Auswüchse von Konsumterror und Bevormundung. Der Handel appelliert an unsere niederen Instinkte und will uns weismachen, dass wir es schon im September gar nicht abwarten können und deshalb unbedingt schon vor dem Advent Weihnachtsgebäck kaufen müssen. Dann kaufen wir im Advent genauso viel wie sonst und essen vorher auch schon was. In der Konsequenz kaufen wir also mehr und werden noch etwas fetter, wodurch unser Kalorienbedarf steigt und wir noch mehr kaufen müssen.“ Mit einem siegesgewissen Lächeln schaue ich ihr in die Augen. Auf dem Gebiet schlägt mich keiner.
„Und du meinst, alle anderen sind so doof und durchschauen das nicht?“
„Ähm, ja, genau.“ Jetzt hat sie mich doch etwas aus dem Konzept gebracht. Ganz miese Schiene, alle anderen auf ihre Seite zu ziehen und mich rhetorisch zu isolieren. „Ja, das meine ich. Und weißt du was - es macht mich krank.“
„Es ist alles eine Frage von Angebot und Nachfrage. Das haben sie erst gestern im Radio gesagt. Die Leute wollen schon im September Weihnachtssachen kaufen.“, belehrt mich Yvette nun.
„Genauso wie die Frühlingsmode im Januar und dass man im August schon keine Sandalen mehr kaufen kann? Wollen das die Leute auch?“, kontere ich aufgebracht.
Yvette winkt verächtlich ab. „Jetzt lenk mal nicht vom Thema ab. Du hättest schon längst Weihnachtssachen kaufen können, aber aus purer Verbohrtheit hast du dich bis heute geweigert, es zu tun. Und deshalb müssen wir jetzt, einen Tag vor dem ersten Advent, los, um alles auf deiner Liste zu besorgen.“
Ich zucke trotzig mit den Schultern. „Das ist so Tradition bei uns. Und das sollte es bei viel mehr Leuten sein. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich immer mit Oma kurz vor dem ersten Advent einkaufen war. Diese Farben, diese Vorfreude, diese Gerüche.“ Ich schwebe in einer nostalgischen Wolke davon.
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