„Muss es dort rumlungern, wenn wir uns hier einen schönen Abend machen?“, sind die ersten Worte, die vom Tisch, um den sich Yvette und ihre Freundinnen gruppiert haben, deutlich vernehmbar zu mir herüber schwappen. Bisher haben sie nur getuschelt und so getan, als wäre ich gar nicht da, aber offenbar wird diese Übung langsam zu anstrengend. Grimmig schmunzle ich vor mich hin. Bis jetzt läuft es wirklich gut.
„Naja, Klaus wohnt hier. Ich kann ihn ja schlecht ins Bett schicken wie einen kleinen Bub, oder?“, nimmt Yvette mich verhalten in Schutz. Was soll sie auch machen. Ich wohne tatsächlich hier und das Wohnzimmer ist der einzige Platz, wo ich bequem sitzen kann.
„Dann schick es doch in die Kneipe. Da fühlt es sich sowieso pudelwohl.“ Gabis Stimme trieft vor zynischer Verachtung.
Ich rülpse noch einmal vernehmlich, dann wende ich mich langsam den Frauen zu. „Ihr könnt froh sein, dass es den Fernseher nicht einschaltet.“, brumme ich.
„Um was zu gucken? Dieses bekloppte Spiel, wo ein Haufen Deppen hinter einem Ball herschnaufen?“, gackert Vera.
„Man nennt das ganze Fußball und es ist ein wichtiges gesamteuropäisches Kulturgut.“, doziere ich herablassend. „Hätte jeder einen Ball, wäre es rhythmische Sportgymnastik und damit fast so spannend wie Ballett. Und das würde ja niemand auf lange Zeit nervlich durchstehen.“
Uschi, die sich selbst jahrelang vor Spiegel und Holzstange verbogen hat, fühlt sich, wie von mir erwartet, in ihrer Sportlerehre gekränkt. „Ballett ist ein anstrengender Sport. Ich möchte mal einen deiner Fußballer eine halbe Stunde im Ballettsaal sehen.“
„Um was zu machen?“, schneide ich ihr das Wort ab. „Die Gegner in weißen Strumpfhosen austänzeln?“
Yvette schaut nervös zwischen uns hin und her. Ich freue mich schon auf ein heftiges Wortgefecht, aber die Türglocke grätscht mir dazwischen. Die Gesichtszüge meiner Frau entspannen sich merklich, da sie endlich eine sinnvolle Verwendung für mich gefunden hat.
„Kannst du mal hingehen, Klausi?“, fragt sie mich mit einem liebevoll geschwungenen Schmollmund und einem Augenaufschlag, der mich immer wieder Dinge tun lässt, die ich gerade noch kategorisch abgelehnt hätte.
Bewusst schwerfällig hieve ich mich hoch und schlendere in den Flur. Zum zweiten Mal an diesem Abend rufe ich durch die Gegensprechanlage. Es ist Peter. Ich stutze kurz, schließlich haben wir uns erst vorgestern getroffen. Dann zucke ich innerlich mit den Schultern und lasse den Summer ertönen.
Während ich im Flur auf Peter warte, erhöht sich die Lautstärke des Gesprächs im Wohnzimmer Stück für Stück. Bald kann keine Rede mehr davon sein, dass ich heimlich lauschen würde. Selbst die beinahe taube Frau Wichert aus dem Pflegeheim könnte das meiste noch gut verstehen, vor allem das Gelächter. Zwischendurch schnappe ich auch Worte auf, die mir weniger gut gefallen. Sie scheinen sich mal wieder auf mich eingeschossen zu haben. Ich fange die Worte „Verlierer" und „Nullnummer" auf. Dann höre ich Yvettes Stimme. „Ich weiß. Manchmal wünsche ich mir auf, er hätte mehr Mumm." Zustimmendes Gemurmel. „So wie Hardin Scott," einfühlsames kollektives Seufzen unterbricht sie kurz, „oder Travis Maddox," diesmal drapiert entzücktes Raunen die Namensnennung, „oder Parker Brooks." Yvettes fast schon lüstern anmutender Ausruf wird von beinahe wollüstigem Stöhnen begleitet.
Zum Glück ist Peter endlich oben. Er schiebt sich zur Tür herein und wirft einen Blick ins Wohnzimmer. „N'Abend, die Damen.“, dröhnt er in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Frauen nuscheln mehr oder weniger deutlich eine Antwort. Ich bin mir nicht sicher, ob alle so wohlwollend ausgefallen sind, wie ihre Gesichter andeuten, aber Peter geht auf mögliche Schmähungen nicht weiter ein. „Ich sehe schon. Alle aufgehübscht und fein zurechtgemacht. So lob ich mir das.“
Christine fällt auf seine zotige Anmache herein, bevor Gabi, die immer alles sofort durchschaut, ihr einen warnenden Blick zuwerfen kann. Geschmeichelt spielt sie an einer ihrer Locken herum. „Für euch Männer scheuen wir eben keine Mühen.“
Peter grinst sie freudestrahlend an. „Irrtum meine Liebe. Du erliegst gerade einem der größten Mythen der zivilisierten Welt.“, belehrt sie der Großstadtphilosoph, den er so gern heraushängen lässt. „Das“, dabei deutet er halb erklärend, halb anklagend auf die Gesichter der fünf Frauen, „macht ihr doch nicht für uns. Männern ist es völlig schnuppe, was ihr euch ins Gesicht schmiert. Die meisten kriegen es noch nicht einmal mit - und wenn, dann finden sie ziemlich häufig, dass dieses künstliche Ergebnis wesentlich schlechter aussieht als die natürlichen Gegebenheiten. Zu behaupten, Ihr würdet das für uns machen, wäre etwa so, wie wenn wir erzählten, wir würden samstags für Euch Fußball gucken.“ Mit einer kleinen Kunstpause lässt er seine Worte sacken. „Das!“, wieder deutet er auf die ihm zugewandten Gesichter und seine Stimme wird eine Spur anklagender, „macht ihr nur für andere Frauen. Ein verzweifelter Wettkampf darum, wer am besten mit den teuersten und seltensten Püderchen, Pülverchen, Cremes und Pinselchen zurechtkommt und sie am kreativsten auf dem eigenen Gesicht wirbeln lassen kann. Macht euch nichts vor. Das ganze Geschminke ist von Frauen für Frauen.“
Aus dieser Perspektive habe ich es noch nie betrachtet. Nicht zum ersten Mal wundere ich mich, in welche Tiefen der menschlichen Psyche Peters Gedanken mitunter vordringen. Und im Grunde müsste ich jetzt zugeben, dass seine Erklärungen äußerst plausibel klingen. Tue ich aber natürlich nicht, schon um des häuslichen Friedens willen.
Ich schaue über Peters Schultern und kann förmlich sehen, wie Yvettes Freundinnen versuchen, ihre Gedanken zu ordnen. Bevor sie zu einer geistreichen Erwiderung ansetzen können, hebt Peter ergeben die Hände: „Nichts für ungut, aber die Wahrheit muss gesagt werden.“, bescheidet er mit einer Endgültigkeit, die keinen Raum für Widerworte lässt. Dann dreht er sich zu mir um, fasst mich am Arm und schiebt mich zur Wohnungstür. „Los, nichts wie weg hier. Das hält ja keiner aus.“, raunt er mir zu.
Ich streife mir schnell Jacke und Schuhe über. Eigentlich bin ich mir keiner Schuld bewusst und verstehe nicht richtig, warum wir jetzt plötzlich das Feld räumen müssen. Irgendwie komme ich mir wie ferngesteuert vor. Peter zwingt mich, aus meiner Wohnung zu fliehen und damit erfülle ich gleich noch Gabis innigsten Wunsch. Warum kann ich nicht einfach in meinem Sessel sitzen und den Abend in Ruhe ausklingen lassen? Ich müsste nur mal was sagen. Wie aus weiter Ferne dringen weibliche Stimmen an mein Ohr. Ich höre Dinge, wie: „Ich habe schon immer gesagt, dass dieser Peter einen schlechten Einfluss auf Klaus hat.“, „Du hättest wirklich etwas besseres verdient.“ und „Dafür hast du damals Harald König abserviert. Ich habe gehört, dass der jetzt superreich sein soll.“, lauter Dinge also, die ich gar nicht hören will. Und schon finde ich mich von Peter an die Wohnungstür geschoben. Ich rufe ein kurzes „Tschüss“ und werfe Yvette, die mit traurigen Augen im Flur steht, einen entschuldigenden Blick zu, während Peter ein schleimiges „Einen wunderschönen Abend noch, die Damen.“, vom Stapel lässt. Dann knallt die Tür hinter uns ins Schloss und wir hopsen wie zwei Schuljungen, die etwas ausgefressen haben und nun vor der Strafpredigt der Eltern flüchten, die Treppe hinunter.
Wir sind schon wieder im Shamrock gelandet. Steve grinst uns an, ohne etwas zu sagen. Nur seine Blicke scheinen sich über uns lustig zu machen - zwei Männer in der Midlife-Crisis, die nichts Besseres mit sich anzufangen wissen, als sich jeden Abend in seiner Kneipe volllaufen zu lassen und sich gegenseitig von der Schlechtigkeit der Welt vorzujammern. Und so ganz Unrecht hat er ja nicht, muss ich mir eingestehen.
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