„Ja, ich habe heute mit ihnen telefoniert.“ Auch das lässt sie so klingen, als würde sie das täglich tun. Dabei hat sie meine Eltern höchstens an Geburtstagen mal an der Strippe.
„Äh, und warum?“, frage ich irritiert.
„Wegen Weihnachten.“ Yvette lässt ihre Antwort einen Moment im Raum schweben und Form annehmen. Offensichtlich erwartet sie eine Reaktion von mir. Ich lasse mich auf das Spiel ein.
„Was ist mit Weihnachten?“, frage ich und tue so interessiert, wie es möglich ist, während man mit einem nicht mehr ganz scharfen Messer an einem Krustenbrot herumwerkelt.
„Naja.“ Ein vorsichtiger Ton liegt jetzt in ihrer Stimme. Aha, sie hat etwas ausgeheckt. „Dieses Jahr müssen wir alles ein bisschen anders machen.“ Wieder eine künstliche Pause, aber diesmal bleibe ich stumm und lasse sie den nächsten Zug machen.
„Meine Eltern fahren am zweiten Feiertag nach Paris. Darum wollen sie gern, dass wir schon am 25. Dezember zu ihnen kommen. Und weil deine Eltern ja am ersten Feiertag schon die ganze Familie da haben, habe ich sie eingeladen, am zweiten Feiertag zu uns zu kommen.“
Ich stocke mitten im Schneiden und versuche, die vielen Gedanken, die gleichzeitig mein Gehirn durchfluten, unter Kontrolle zu bringen. Seit 20 Jahren kommen wir immer am ersten Feiertag mit meiner ganzen Familie bei meinen Eltern zusammen. Das ist zwar manchmal etwas stressig, aber es gehört für mich zu Weihnachten wie Weihnachtsmann und Tannenbaum. Und das soll es dieses Jahr nicht geben? Außerdem war das letzte Mal, als meine Eltern bei uns waren, die reinste Katastrophe. Daran will ich gar nicht zurückdenken. Und dann auch noch wir bei Yvettes Eltern.
„Habe ich hier eigentlich gar nichts zu sagen?", frage ich verschnupft.
„Wie kommst du denn darauf?", fragt Yvette und stemmt streitlustig die Fäuste in die Hüften.
„Du kannst doch nicht einfach Weihnachten verändern. Da fragt man doch wenigstens mal nach." Ich rede mich richtig in Rage.
„Ach, Klausi." Ich spüre, wie verwirrt Yvette ist. So kennt sie mich sonst gar nicht. Und ich auch nicht. Normalerweise bin ich immer derjenige, der zurücksteckt, wenn wir unterschiedliche Meinungen haben. Sie kommt näher und streichelt mir über den Unterarm. „Es ist doch nur, weil wir meine Eltern sonst gar nicht sehen können.", schnurrt sie mir ins Ohr.
Mit dem Gedanken könnte ich mich durchaus anfreunden. Aber das sage ich jetzt besser nicht. Na wenigstens kommen sie nicht auch noch zu uns. Da wäre der eine Abwasch noch gar nicht kalt, bevor wir schon das nächste Essen kochen müssten. Es gelingt mir, diesen vorbeifliegenden Gedanken zu packen. Weihnachtsessen kochen. Das muss ich ja machen, weil Rocco den Müll nicht rausgebracht hat.
„Also muss ich nur einmal Weihnachtsessen kochen.“, brumme ich. Mein kurzes Aufbegehren gegen Yvettes Pläne verebbt wie ein Regentropfen in der Wüste. Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung.
„Wie bitte?“, flötet sie gut gelaunt. Verdammt, sie hat das alles genau geplant und ich bin ihr ins Netz gegangen. Wenn sie so fröhlich ist, hat alles genau nach ihren Vorstellungen geklappt.
„Ich koche nur ein Weihnachtsessen.“, schimpfe ich lahm. Ich versuche, meinen gesammelten Protest in diesen einen Satz zu legen, aber ich weiß, wann ich verloren habe.
„Ja, klar. Wenn wir zu meinen Eltern fahren, kocht meine Mutter. Wenn deine Eltern kommen, kochst du allein, das Essen an Heilig Abend machen wir gemeinsam.“, gibt sie sich konziliant. „Und nach dem Essen fährst du Dakota nach Hause." Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu nicken und die zu dick geratenen Brotscheiben im mit einem Leinentuch ausgelegten Körbchen auf den Esstisch zu stellen.
V. Freitag, 3. Dezember: The Ramones - Merry Christmas (I Don't Want To Fight Tonight)
„Morgen, Herr Ackermann.“, rufe ich gut gelaunt. Mein Lieblingskunde steht im Eingangsbereich des Pflegeheims und begutachtet kritisch den Weihnachtsbaum. „Na, noch was gefunden, das nicht so gut ist?“
Herr Ackermann ruckelt sanft mit dem Kopf. Es ist nicht ganz klar, ob es sich um ein Nicken oder ein Kopfschütteln handelt. „Nee, ist schon ganz in Ordnung.“, lässt er sich zu einem Kommentar herab, den nur jemand, der ihn gut kennt, als ein ordentliches Kompliment interpretieren kann. Aber ich kenne ihn gut und deshalb strahle ich ihn bis über beide Ohren an.
„Ist ja auch ein schöner Baum, den sie uns da hingestellt haben.“, meine ich in dem bescheidenen Versuch, nicht das ganze Lob für mich allein zu verbuchen.
„Na, so ein bisschen krumm ist er schon gewachsen.“, stellt Herr Ackermann mit kritischem Blick fest. „Früher hätte man sowas nicht als Weihnachtsbaum durchgehen lassen. Da kamen nur die ganz geraden Stämme auf dem Markt.“
„Aha. Wie hat man die denn alle so gerade wachsen lassen?“, heuchle ich Interesse.
Herr Ackermann blickt mich von unten her mit strengem Blick an. „Keine Ahnung, Jungchen. Vielleicht waren die Forstleute damals einfach mehr auf Zack. Haben nicht den ganzen Tag auf ihren Smartphones rumgetippt, sondern sich auch mal um ihre Arbeit gekümmert?!“
Ich habe keinen blassen Schimmer, wie Forstleute heute arbeiten. Und erst recht nicht, wie sie früher gearbeitet haben. Deshalb gehe ich der Diskussion, in der ich ohnehin nur verlieren kann, von vorn herein aus dem Weg und greife das Baumthema ganz allgemein noch einmal auf: „Und wie waren ihre Weihnachtsbäume zu Hause so?“
Herr Ackermanns Augen bekommen einen verklärten Glanz. Sachte wippt er vor und zurück und driftet in eine andere Welt ab. Auweia, jetzt habe ich ihn wieder so weit, dass er vollkommen in der Zeit entrückt ist. Schnell schaue ich mich nach einer Sitzgelegenheit um, denn das kann jetzt dauern. Noch bevor Herr Ackermann loslegen kann, bugsiere ich ihn vorsichtig zu einer Bank neben der Eingangstür und lasse mich dort mit ihm nieder.
„Klaus, wo kommst du denn jetzt erst her?“, begrüßt mich Serkan aufgeregt, als ich nach über einer Stunde endlich oben in der Abteilung ankomme.
„'Tschuldigung. Musste mich noch um Herrn Ackermann kümmern.“
Serkan schaut mich zweifelnd an. Ich hebe beschwichtigend die Hände. „Ich habe ihn unten am Weihnachtsbaum getroffen und plötzlich ist alles aus ihm rausgeplatzt. Wie er sich als Kind immer die Nase an den Schaufensterscheiben plattgedrückt hat und dann an Heiligabend immer enttäuscht war, wenn es doch nur einen Apfel und eine Orange gab, wie toll es in der Stadt und zu Hause immer geduftet hat, wie viel Zeit sich seine Mutter und seine Oma immer für die vielen leckeren Backsachen genommen haben und wie schrecklich es doch heutzutage ist, wo alle nur noch ihre Lebkuchen aus der Tüte kaufen. Er meint, wir kennen Weihnachten gar nicht mehr richtig.“
„Und Recht hat er!“, erwidert Serkan im Brustton der Überzeugung. „Euer Weihnachten ist doch das reinste Chaos. Ihr erzählt immer von friedlicher Zeit und Innehalten, aber dann stresst ihr durch die vier Wochen des Advent und wundert euch dann Ende Dezember, wo die fröhliche Weihnachtszeit geblieben ist. Und worum es bei Weihnachten eigentlich geht, weiß doch sowieso niemand mehr.“
„Ich schon.“, protestiere ich. Im nächsten Augenblick frage ich mich schon, warum ich mich eigentlich immer rechtfertigen muss, wenn es um unsere Kultur geht. Bei Serkan ist immer alles klar. Seine Feste sind toll und wichtig und wir müssen alle Rücksicht nehmen, aber ich als Christ bin ständig in der Defensive. Dabei ging es doch eigentlich gerade um Herrn Ackermann, oder? „Für die alten Leute ist es echt nicht einfach. Sie erinnern sich an die Vorstellung von Weihnachten und machen sich daraus eine romantische Fantasie. Aus der wird dann die Erwartung, dass alles wirklich so wird, wie sie es erwarten und am Ende springt vielleicht ein Anruf von den Enkeln raus - wenn sie Glück haben.“
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