Aha. Daher weht der Wind. Peter hat wieder seine Adventsdepression. Ich kenne dieses Phänomen bereits in abgemilderter Form, aber so heftig hat es ihn noch nie erwischt.
„Ja. Und diese Besuche sind das Heftigste am Advent. Da gibt es ständig Zoff. Ich wäre so froh, wenn ich das nicht dauernd hätte.“ Ein bisschen stimmt es sogar, aber vor allem sage ich das, um Peter aufzubauen. „Du kannst echt froh sein, dass du den ganzen Stress mit Weihnachten nicht hast.“
„Naja. Mag sein, dass es auch schlechte Seiten hat. Aber jedes Jahr allein zu Hause herumzuhängen und zuzuschauen, wie allen anderen das Herz aufgeht und sie sich liebevoll umarmen und aneinander denken. Das halte ich nicht mehr oft aus.“
Oha, das entwickelt sich ja langsam zu einer ausgewachsenen Single-Krise. Ich überlege kurz und konfrontiere Peter dann mit seinem letztjährigen Weihnachtsfest. „So schlimm war es doch letztes Jahr gar nicht.“, sage ich, wobei ich sanft die Stimme senke. „Du warst doch an Heiligabend bei dieser Single-Party im Klunkers. Hast du da nicht diese scharfe Schwarzhaarige abgeschleppt und die ganze Nacht mit ihr rumgemacht?“
„Nein, habe ich nicht! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass da gar nichts lief. Wir haben uns die ganze Nacht in den Ohren gelegen, wie Scheiße es ist, niemanden zu haben. Es ist gar nichts passiert.“
Ich nicke verständnisvoll. In der Tat hat mir Peter diese Geschichte schon mehrmals unter die Nase gerieben und bis heute habe ich es ihm nicht geglaubt. Aber so langsam kommen mir doch Zweifel über das fröhliche Single-Image, das Peter sonst meistens vor sich her trägt.
„Verstehst du?“, setzt er nun wieder an. Ich nehme noch einen tiefen Schluck und mache mich auf eine weitere Stunde Peterscher Problembewältigung gefasst. „Ich will auch so was wie du. Die ganzen Diskussionen, den Stress, den Ärger, Gemecker und Tränen. Das ganze Programm. Ich würde das alles in Kauf nehmen, wenn ich die richtige finden würde.“
„Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst.“, versuche ich witzig zu sein, aber heute prallt jeglicher Sarkasmus an Peter ab. Er wischt meinen Einwurf unwirsch beiseite.
„Ich will auch jemanden, den ich auf ein Schild heben kann, den ich umsorgen und lieben kann und der sich mit mir über all die Kleinigkeiten im Leben freut.“
Auweia. So langsam mache ich mir doch ernsthaft Sorgen um Peter. Ich nehme ihn möglichst unauffällig von der Seite unter die Lupe. Doch, es scheint immer noch der selbe alte Peter zu sein. Kein Zeichen davon, dass ein Außerirdischer seinen Körper übernommen haben könnte. Obwohl, bei denen weiß man ja nie, wozu die in der Lage sind, hat Rocco mal gesagt. Vielleicht hat Peter einen Zwilling?
Eine laut dröhnende Stimme an meinem rechten Ohr und eine schwere Hand auf meiner linken Schulter stören meine Personenanalyse. „Na, ihr beiden! Auch hier? Das ist ja mal eine Überraschung.“, brüllt es durch den Schankraum. Ich drehe meinen Kopf nach rechts und blicke in das fröhliche, leicht gerötete Gesicht von Ole, einem alten Schulkumpel, dem ich alle paar Monate rein zufällig über den Weg laufe.
„Hi, Ole.“, grüßt Peter von der anderen Seite des roten Kopfes. „Ja, wie du siehst, sind wir auch hier.“ Ole springt hin und wieder als Bassist bei Peters Band ein, deshalb sehen sich die beiden häufiger. Trotzdem ist Peter immer leicht gereizt, wenn er Ole trifft. Er war der erste unserer Sechserbande, der damals den Eid gebrochen und geheiratet hatte. Peter wirft ihm bis heute vor, uns alle mit dem Gift der Entmännlichung infiziert zu haben.
Ole nickt, hocherfreut, von uns eine Reaktion zu erhalten. Seine Hand liegt immer noch auf meiner Schulter, als er uns den Grund seiner Anwesenheit erklärt. „Ich schaue nur kurz rein. Bin auf dem Heimweg. Ich hab Chrissi heute schon ihr Weihnachtsgeschenk gekauft.“ Dabei klopft er sich auf die Brusttasche.
Neugierig starren wir beide auf Oles Jacke. Mit breitem Grinsen schaut er zwischen uns hin und her.
Ich verliere als erster die Nerven und frage: „Und. Was hast du ihr gekauft?“ Ein bisschen gespannt bin ich ja schon. Ich habe selbst noch keine Idee, was ich Yvette schenken könnte. Vielleicht ist Oles Idee ja gar nicht so schlecht.
„Wir machen Urlaub.“, schallt Oles Stimme durch den Raum. „Nächsten Sommer. Ein Wellness-Spa-Club in der Karibik.“ Mit stolzgeschwellter Brust klopft er noch einmal auf seine Brusttasche.
„Wow.“, entfährt es mir. „Und was kostet so was?“
Ole zuckt nur kurz die Schultern. „Mehr als ich mir leisten kann.“ Schon wieder dieses unechte Grinsen.
„Ähm, wolltest du nicht nächstes Jahr nach Washington, um deine Redskins mal live zu sehen?“, holt Peter ihn wieder auf die Erde zurück.
„Naja. Was soll ich denn machen?“, fragt Ole jetzt deutlich weniger begeistert. „Sie hat es sich so gewünscht. Und Football wird in den Staaten ja noch länger gespielt. Ich fang wieder an zu sparen und fahre dann später mal hin.“ So richtig überzeugt klingt anders.
„Wie lange hattest du nochmal für die Reise gespart?“ Peter macht es sichtlich Spaß, Ole in die Enge zu treiben.
„Acht Jahre.“, nuschelt der jetzt in seinen Schal hinein.
„Na, das ist ja wirklich nicht so lange.“, schiebt Peter noch einen nach.
Ole zuckt resigniert die Achseln. „Happy wife, happy life.“, quietscht es aus ihm heraus. „Muss los, Jungs. Macht's gut.“ Schon tritt er den Rückzug an und entschwindet durch den schweren Vorhang, der verhindern soll, dass die kalte Luft von draußen in die rauchige Wärme des Schankraums dringt.
Peter schaut ihm mit einem Kopfschütteln hinterher. „Happy wife, happy life?”, brummt er. “Mann, Mann, Mann. Der ist ja vielleicht am Arsch.“
Ich bin so froh, dass Peter fürs Erste wieder geheilt ist, dass ich mir verkneife, darauf hinzuweisen, dass er gerade noch ganz ähnlich geredet hat. Wir heben die Gläser, stoßen klirrend an und versinken in ein synchrones, stummes Grübeln über Oles schlauen Spruch.
IV. Donnerstag, 2. Dezember: Blink-182 - Won't Be Home For Christmas
Endlich Feierabend. Manchmal frage ich mich, warum ich diesen ganzen Stress auf mich nehme. Es muss doch noch etwas besseres geben, als jeden Tag irgendwo hinzugehen und die ganze Zeit Dinge zu machen, die einem andere aufgetragen haben. Irgendwie selbständig machen, sein eigener Chef sein, nie mehr Befehle hinnehmen, die total sinnlos sind – das wär's doch.
Ich schüttle mich einmal kräftig. Immer, wenn mir solche Gedanken kommen, ist irgendetwas los. Denn eigentlich mag ich meinen Job. Klar, die Chefin ist ein Drache und die alten Leute können einen mit ihren Sonderwünschen manchmal in den Wahnsinn treiben, aber dafür sind wir doch da. Um ihnen in ihren letzten Jahren noch ein paar Extrawünsche zu erfüllen, oder?
Ich trete durch die schicke Eingangstür des Pflegeheims ins Freie und merke, wo das Problem liegt - es regnet. Wie Bindfäden strömt das Wasser vom Himmel herab. Eine kühle Brise treibt mir die Tropfen ins Gesicht. Schnell ziehe ich die Kapuze meiner Regenjacke über, aber die feinen Tröpfchen kann auch sie nur kurz abhalten. Schon bald dringen sie mir bis ins Mark. Mistwetter! Kalt und nass ist viel schlimmer als ganz kalt und Schnee. Denn das erwartet man ja im Dezember, aber meistens kriegen wir doch nur diesen Mist.
Wütend stapfe ich in dem Bemühen, dieser nasse Kälte so schnell wie möglich zu entkommen, mit weiten Schritten durch die Straßen. Bloß schnell nach Hause! Den Blick starr auf den Boden geheftet, setze ich mechanisch einen Fuß vor den anderen. Die Kapuze hängt mir so tief im Gesicht, dass ich ohnehin rechts und links nichts erkennen könnte. Meine Füße finden den Weg von ganz allein. Hin und wieder taucht in meinem Blickfeld ein Paar fester Schuhe auf. Denn weiche ich anstandslos und ohne aufzuschauen nach rechts aus. Ein bisschen erinnert mich das Ganze an diese Ponys, die ich mal in einem Film über Island gesehen habe. Bei Regen stehen sie ganz still da und lassen den Kopf hängen, quasi als ihre eigene Regenrinne.
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