„Du weißt doch, wie er ist!“ rief ich. „Wenn wir ihn zu lange warten lassen, geht er ohne uns weiter.“
Einige Schritte weit ging Franz mit; dann lehnte er plötzlich seinen Kopf an meine Schulter und sagte schluchzend, dass er sterben wolle. Wie ein kleiner Junge, der die Mutter verloren hat, flennte er und schämte sich nicht vor den Leuten, die an uns vorüber gingen und neugierig uns ansahen. Da fiel mein Blick auf ein schönes Haus, in dem ein Tischler wohnt. Über der frisch angestrichenen Tür prangte ein Schild mit hohen Buchstaben. Die Größe des Schildes gab mir die Vorstellung, dass auch die Werkstatt groß sein und viele Gesellen und Lehrjungen beschäftigen müsse. In meiner Hilflosigkeit kam ich auf den Einfall, diese Tischlerwerkstatt aufzusuchen, um für mich und Franz Arbeit zu erbitten. Da Franz nicht mit hineingehen wollte, ging ich allein. Zaghaft trat ich in das Haus. Ein Mädchen zeigte mir die Werkstatt. Behutsam klopfte ich an. Ein scharfes „Herein!“ erscholl, und als ich die Tür öffnete, trat mir ein bärtiger Mann entgegen. Er hatte schwarze, stechende Augen, und ich merkte gleich, dass er herzlos war. Meine Frage hörte er gar nicht ordentlich an; er drängte mich zurück in den Flur.
„Hier klunkert jeder rein, der vorbeiläuft!“ sprach er grob. „Sie sind heute schon der zehnte oder zwölfte! Das fehlt mir gerade noch!“
Ich wankte zurück auf die Straße, wo Franz mit sehnsuchtsscharfen und dennoch fast gebrochenen Augen meiner harrte. O, dass ich in der Fremde gegangen war! Hätte ich doch der Mutter gefolgt! Ich sah jetzt keine Rettung mehr. Aber wir konnten doch nicht, den Menschen zur Schau, auf der Straße stehen und weinen! Ich drängte Franz von dannen, weil ich aus dem Bereich der Leute kommen wollte, die uns beobachteten. Franz bat, ich solle mit ihm umkehren. Zu Hause könne er sich satt essen; hier müsse er verhungern. „Auch, mich hungert so sehr!“ stöhnte er weinend. Auch mich hungerte. Entsetzlich hungerte mich. Ob der liebe Gott mich vielleicht strafen wollte, weil ich in den letzten Tagen so wenig an ihn gedacht und nicht gebetet hatte? Ich bat ihn in Gedanken herzinnig um Verzeihung und klammerte mich an die Stelle im Vaterunser, die sich auf tägliches Brot bezieht. Voll Inbrunst sagte ich sie im Stillen langsam her und gewann dabei ein wenig Zuversicht. Vorläufig brauchten wir ja nicht zu verhungern; wir konnten uns Brot kaufen für die Pfennige, die wir noch besaßen. Freilich, in Lissa ging das nicht, weil ich befürchten musste, dass wir ein gar zu kleines Stück für unser Geld bekommen würden. Es blieb uns also nicht übrig, als mit heftig begehrenden Magen noch bis in das nächste Dorf zu laufen. Franz freute sich zwar auf das Brot, allein er behauptete trotzdem, dass er nicht mehr laufen könne. Aber ich fühlte: hätt’ ich ihn aufgefordert, heimwärts mit mir zu wandern, wäre gleich frisches Leben in ihn gefahren. Meine Bemerkung, dass wir auch auf dem Wege nach Hause noch tagelang darben müssten, blieb wirkungslos. So war es schwer, ihn vorwärts zu bringen.
Lissa war mir verhasst geworden. Alle die schönen Häuser grinsten mich nun so kalt und giftig an, wie es der schwarzbärtige Meister getan hatte; mir kam es vor, als wollten sie mich fragen, wie ich es als armer Hungerleider wagen durfte, in ihre Nähe zu kommen. Mit einem Male verwandelte sich eine angelernte Weisheit in mir zur lebensvollen Überzeugung: ich wusste jetzt, dass Reichtum die Herzen verhärte. Zugleich mit dem reichen Tischlermeister hasste ich nun alle Reichen und hielt sie für Todfeinde der Bedürftigen und Bedrängten. Wohl regten sich Empfindungen versähnlicher Art in mir; aber sie wurden vertrieben durch die aufrührerischen Geister meines Hasses. O, wie ich sie hasste, die Reichen!
Als die letzten Häuser hinter mir lagen, ward mir freier und leichter zu Sinn. Die innere Erregung hatte mich schnell vorwärts getrieben, und Franz war ein Stück zurück geblieben. Während ich auf ihn wartete, sah ich, dass hinter ihm drein ein Mann kam, der durch die Art seines Ganges auffiel. Ich glaubte, er sei betrunken, und fürchtete, von ihm behelligt zu werden, da er mit einem Stecken in der Luft herum focht und auch sonst ein wenig gefährlich aussah. Als er näher herangekommen war, sah ich, dass er trotz des nassen Weges und des schlechten Wetters rote Niederschuhe an den Füßen trug. Auch im Übrigen war er so leicht gekleidet, dass es den Anschein hatte, als könnte ihm die Kälte nicht anhaben. Da er eine schwarze Seidenmütze, wie sie von Fleischern getragen wurde, auf dem Kopfe und ein rotes Tuch um den Hals trug, hielt ich ihn für einen Metzgergesellen. Er mochte dreißig Jahr alt sein und hatte einen blonden Schnurrbart. Seinem Gange nach konnte man ihn aus einiger Entfernung wirklich für betrunken halten; denn dieser Gang hatte etwas Trippelndes, Tänzelndes, Stolperndes – und dabei wankte der Mann immer in Zickzacklinien vorwärts. Mich erreichte er gleichzeitig mit Franz.
„Na, Kunden, wohin?“ fragte er mit lauter Stimme.
Ich glaubte, der sonderbare Mensch wolle sich lustig über uns machen, und schwieg daher.
„Donnerwetter, Ihr seid doch Kunden?“ fragte er, auf unsere Bündel deutend.
Ich wusste nicht, was er von und wollte.
„Könnt Ihr die Schnuten nicht ufsperrn, wenn ein tafter Kunde mit Euch spricht?“ Seine Stimme klang schroff – und drohend erhob er die Haselgerte, die er in der Rechten hielt.
Ich verfiel auf die Vermutung, dass der Mann von Sinnen sei. Damit er nicht wütend werde, fragte ich ihn bescheiden, was er von und wolle.
„Die Losung will ich!“ schrie er.
„Was denn für eine Losung?“
„Na, do koof mir eener a Mäßel gebackene Pflaumen! Kennen diese Nashörner die Losung nicht! „Kenn“! ist die Losung „Kenn“! Verstandibus?“
Ich sagte „ja“, obgleich mir seine Worte immer närrischer und rätselhafter vorkamen. Er begann zu lachen und meinte, mir unsere Dummheit könnten wir Häuser einrennen. Solche Nummern seien ihm noch nicht begegnet.
Vor Fleischern besaß ich von frühauf eine mächtige Scheu; daher gewährte mir die Entdeckung, dass der Rock des Mannes mit Farbenschmutz behaftet war, eine Beruhigung. Der Mann war sicher kein Fleischer, er war ein Maler oder Lackierer.
„Ihr kommt von Muttern, Ihr Ignatze“, sprach er und betrachtete uns wohlwollend. „Wie lange seid Ihr schon fort von derheeme?“
Ich gab ihm Auskunft, und er entgegnete, dass wir ihm schon beim ersten Blick grasegrün vorgekommen seien. Schnell kam er wieder auf die Losung zu sprechen und gab uns darüber einige Aufklärungen. „Kunde“, erläuterte er uns, „ist die Losung, „Kenn“ die Gegenlosung. Wenn ich Euch also frage, ob Ihr Kunden seid, wie habt Ihr da zu antworten?“
„Kenn!“ erwiderte ich rasch. Mir war klar geworden, dass das Wort der Handwerksburschensprache angehörte. War etwa der Mann selber ein Handwerksbursche?… Nein, er gehörte wohl nach Lissa, da er ja niedere Tuchschuhe trug. In solchen Schuhen kann doch kein Mensch im Winter wandern!
„Gut gesagt!“ rief er. „Und wohin tippelt Ihr?“
Auch dieses Wort war mir neu und unverständlich.
„Wohin Ihr tippelt?“ wiederholt er heftig. „Ihr Affenpinscher wisst nicht einmal, was tippeln heißt! Das heißt laufen. Könnt Ihr laufen?“
„O ja!“
„Dann vorwärts, wenn Ihr mit wollt! Ich habe nicht Lust, hier bei Euch stehen zu bleiben!“
Er sprach so herrisch, dass wir ihm gehorsam nachfolgten, obgleich ich zum Hinlaufen matt war und Franz an dem gleichen Übel litt. Zwar ging er schnell; doch kam er zu unserem Glück nicht allzu rasch vorwärts, da er kurze Schritte machte, mit den Beinen schlenkerte und bald auf der einen, bald auf der anderen Straßenseite war.
„Schon drei Wochen tippelt Ihr?“ fragte er plötzlich.
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