„Also, soll ich Euch das Dalfen beibringen oder nicht?“
„Wenn Sie so gut sein wollen . . .“
„Herrgottsapperschieferdach, hört uf, mich zu siezen! Ihr seid zwar Quärge gegen mich; aber ich bin Kunde und Ihr seid Kunden. Uf der ganzen Welt – in Spanien nich und in der Türkei nich – hat noch kein Kunde den andern gesiezt. Passt uf oder es gibt gottverdammte Hiebe! Ick bin een Berliner Kind und verstehe keenen Spaß nich!“
Mir fiel es schwer, den älteren Mann zu duzen, zumal ich einen gewaltigen Respekt vor ihm besaß. Das erste Du kam recht verschämt und kleinlaut von den Lippen.
„Wer von Euch Rindviechern hat den meisten Mumm?“ fragte er, als das Dorf erreicht war. „Du, Dicker“, wandte er sich an mich, „Du siehst am dämlichsten aus. So einen brauch’ ich zum Renommieren. Und Du, Kleener, gehst bis hinter das Kaff und wartest auf uns!“
Ich bekam einen Genickstoß und musste vor dem Schulmeister hertrotten, wie ein Gefangener. „Winde für Winde wird umgestoßen!“ sprach er. „Winde heißt Haus. Die kleenen Kaffern stecken am besten. Wirst Du laufen, Du verkrüppelter Usinger!“ Er versetzte mir wieder einen Stoß und deutete auf eine Zauntür. Da ich nicht schnell genug war, nahm er mich zornig an der Schulter und schob mich zu der Tür hin. Mit kalter Entschlossenheit eilte ich vor ihm her in den Hof.
In dem elenden Hause, vor dem wir standen – dem ersten der Ortschaft – wohnten arme Leute. Am Gatter empfing uns eine Frau, die schrecklich abgezehrt aussah und krank zu sein schien. Sie klagte mit gebrochener Stimme, dass sie bald selber betteln gehen werde, da ihr Haus zu Versteigerung komme. Augenblicklich knöpfte mein Schulmeister den Rock auf und zog aus tiefen Taschen mehrere Stücke Brot hervor. „Für die Hühner, gutes Mutterle!“ sprach er gütig und überreichte der Frau die Bettelstücke.
In mir bäumte sich etwas auf, wie das Gefühl eines erlittenen Unrechts. Franz und ich hatten noch nicht gefrühstückt – und dieser Mensch war wohl eine Stunde lang mit uns gegangen und hatte nicht gesagt, dass er Brot besitze. Jetzt sollten die Hühner das Brot fressen, während Franz und ich vor Hunger beinah umfielen.
„Bezohl’s Euch der liebe Gott!“ sagte die Frau.
Ich fand nicht Zeit, mich der Entrüstung und dem Grame hinzugeben; der Schulmeister ließ mich durch einen Puff verstehen, dass wir bei der armen Frau nichts mehr zu suchen hätten. Flinken Schrittes marschierten wir zum Nachbarhause.
„Hier müssen wir Speck rausschlagen!“ raunte er mir zu.
Mehrere Hunde sprangen uns bellend entgegen. Der Schulmeister fand Vergnügen an den wütenden Tieren. Durch Grimassen, durch Schnalzen mir der Zunge, durch Zischen und krächzende Laute, durch allerhand drohende Bewegungen reizte er sie dermaßen, dass einer von ihnen beim Bellen überschnappte und nur noch heisere Quitschtöne hervorzubringen vermochte. Ich fürchtete, der Bauer werde mit seinen Knechten herbeikommen und uns zum Tore hinaus prügeln. Auch hier erschien eine Frau am Türgatter. Aus zornigem Gesicht warf sie uns feindselige Blicke entgegen. Durch Zurufe suchte sie die Hunde zum Schweigen zu bringen, und zwischendurch gebot sie uns schimpfend, die Tiere zufrieden zu lassen. Ein kalter Schauer durchlief mich, als ich in das abweisende, böse Gesicht der Frau sah, und meine Füße gerieten ins Wanken. Der Schulmeister dagegen rief:
„Ihre Hunde sein ja niederträchtige Äfter! Die fressen einen ja, wenn man sich nicht wehrt!“
Darauf macht er vor dem Gatter eine komische Verbeugung, sagte: „Guten Tag, hübsche, junge Frau!“ und begann eine laute Rede.
„Wie gut, junge Frau, dass wir Sie so hübsch allein treffen!“ – so ungefähr fing er an. „Der Herr Gemahl ist sicher zu Markte gefahren! Er bringt ihnen was Feines mit – was ganz feines! Wir kommen nicht etwa Kälber koofen; wir sind zwei ganz arme reisende und bitten um eine Unterstützung. Sehen Sie bloß das arme Jüngel da an! Das hat eine böse Stiefmutter zu Hause, und weil es immerfort bloß Prügel und Wassersuppe kriegte, ist es fortgelaufen. Jetzt quietsch es vor Hunger. – Immer ran ran, Dicker, dass Dich die Leute ordentlich sehen! Komm, quietsche, dass die junge Frau Deinen Hunger kennen lernt!… Wenn er den Rock auszieht, können Sie seine Rippen zählen. Und wenn ich ihm die Hosen ‘runterzöge, könnten Sie seh’n, wie ihn seine Stiefmutter, die alte Hexe, zerdroschen hat. Mit ’m Besen, mit ’m Rechen, mit der Mistgabel und was sie gerade in die Hände kriegte, schlug sie auf ’n los Ach, gute, liebe Frau, erbarmen Sie sich, sonst verhungert mir der Dingrich unterwegs! Zu Ihnen kommen wir ja ganz gewiss nich umsonst! Ach, Sie glooben ja gar nich, was es hier im Dorfe für geizige Gesellschaft gibt! Wissen Sie, da war da drüben in dem großen Hause eine Frau – pfui, Spucke! So vornehm tat sie, und ihre Nase reckte sie so hoch wie meine Mütze, und nicht ein Stückel trockenes Brot hat sie uns gegeben. Aber dafür geht sie sicher jeden Tag in die heilige Messe. Wissen Sie junge Frau ich und mein Freund hier, dessen Nährmutter ich bin – wir stammen auch von sehr frommen Eltern; wir kennen die heiligen Gebote und halten sie; wir gehen jeden Sonntag, den der Herrgott gibt, in die Kirche, auch manchmal unter der Woche; aber fromm tun, auf ’n Knien rutschen, dem lieben Herrgott die Füße ablecken und arme Leute verhungern lassen – nee, das hat in unserm Katechismus nich gestanden.“
Er hatte so schnell gesprochen, dass er jetzt einer Atempause bedurfte. Anfänglich schien sich die Frau unwillig und verächtlich abwenden zu wollen; dann aber. Als er von der Frau aus dem großen Hause drüben redete, war sie aufmerksam geworden. Der Schulmeister hatte seine hohe Mütze abgenommen und strich mit den Fingern über den glänzenden Stoff. Jetzt stülpte er wieder auf den Kopf und begann abermals zu reden:
„Wir haben seit drei Tagen keinen vernünftigen Bissen in den Mund gekriegt… Ei der Tausend! Schockschwerenot! is das hübsche Mädel da Ihre Tochter? Herrgott, hat die junge Frau schon eine heiratsfähige Tochter? Gar nicht möglich!… Nanu weeß ich genau, was ich zu tun habe! Übers Jahr werde ich Meester, lasse mir von meinen Alten das große Grundstück hinter der Hasenheide vermachten und hol mir das Mädel zu Frau. Ich bin nämlich een echtes Berliner Kind, mit Spreewasser getooft! In Berlin, Mädel, haben Sie’s gut! Da gehen wir im Tiergarten spazieren, und alle Tage sehn wir uns den ollen Kaiser an… Aber Sie, hübsche Schwiegermutter, müssen heut schon einmal den Schlüssel in die Fleischkammer stecken, das geht nicht anders! Denken Sie doch, die Schande, wenn ihr Schwiegersohn so verhungert aussieht!! Sehen Sie und holen Sie uns ein gutes Stück Schinken oder Speck, damit wir wieder zu Kräften kommen!… Potz, Dunnerkeil, is das ’n hübsches, strammes Mädel!“
Mir wurde während dieses Geplappers zum ersten Male völlig klar, dass ich wirklich ein dämlicher, dummer, unbeholfener Mensch war. Wenn ich doch auch so klug gewesen wäre, wie der Schulmeister, und auch so klug hätte reden können! Ach, dann brauchte ich sicher nicht zu hungern in der Welt! Am erstaunlichsten waren die Lügen, die er hervorsprudelte, ohne schamrot zu werden. Dass er der Frau vorgelogen hatte, ich besäße eine böse Stiefmutter, verdross mich, weil es mich wie eine Beleidigung meiner Mutter berührte. Ich erinnerte mich, dass die Mutter mir beim Abschied gesagt hatte, in der Welt gebe es viele schlechte Menschen. Vielleicht war das ein schlechter Mensch?… Er hatte die Bauersfrau offenbar verblüfft durch sein Gerede. Sie schien im Zweifel zu sein, ob sie schimpfen oder lachen, ob sie uns fortjagen oder freundlich behandeln solle. Leise redete sie mit ihrer Tochter, die sich verschämt hinter der Mutter verborgen hielt und nur manchmal flink hervorlugte… Der Schulmeister merkte, dass seine Worte noch nicht genügend eingewirkt hatten auf die zähen Natur der Bäuerin; daher plapperte er weiter, fragte nach dem Ausfall der vorjährigen Ernte und dem gegenwärtigen Preise der Butter. Ohne auf eine Antwort zu warten, erzählte er, was die Butter in Berlin, was sie in Hamburg und in Breslau koste. Dann rühmte er wieder die Schönheit des Mädchens.
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