Aber sie wollte ihr Glück nicht trüben und ihn danach fragen und kein Misstrauen oder Eifersucht aufkommen lassen. Jedwede Störenfriede ihrer Liebe wollte sie im Keim ersticken.
Er stöhnte und sie schluchzte. Ihre Herzen pochten in ihrer Glückseligkeit, bis sich ihr Pulsschlug beruhigte und sie wieder in die Realität zurückkehrten.
Nie zuvor hatte Karl eine solche Erfüllung seiner innersten, verborgenen Träume erfahren. Bisher hatte er gedacht, eine solche große Liebe gäbe es nur in den Romanen.
Sooft es ging, liebten sie sich, als wäre diese Liebe für sie beide zum Rettungsanker bestimmt. Wie gerne vergaß Karl in ihren Armen den Kanonendonner, Tod und Verzweiflung für kurze Zeit, was wie eine Befreiung und Erlösung war.
Aber immer dann, wenn Karl Ertl sich im höchsten Glückstaumel befand, meldeten sich sofort danach wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel sein schlechtes Gewissen und seine Schuldgefühle ob seiner Untreue gegenüber seiner dörflichen Braut Martha zurück, genauso, als ob böse Geister ihm sein junges Glück missgönnen und sein Vergehen rächen wollten.
Wie oft war Martha in seinen Todesängsten sein Trost und seine Zufluchtsstätte gewesen und jetzt hatte er sie verraten und abgelegt. Wie bei einem Himmelfahrtskommando wurde er sich seiner falschen hinterlistigen Art bewusst.
In solchen Momenten der Offenbarung verachtete sich Karl Ertl ob seiner Falschheit und seiner Heuchelei. Insgeheim machte er sich Vorwürfe, denn er hatte Martha Hoffnungen und ewige Treue und Liebe geschworen und das Versprechen auf eine gemeinsame Zukunft gemacht, das für Martha bindend war. Er hatte es gebrochen und vielleicht würde er es nicht erfüllen können. Er betrachtete schuldbewusst ihr Bild, wobei er sie am liebsten platonisch um Verzeihung gebeten hätte.
Intuitiv spürte Irene öfters, wie sein Blick starr wurde und seine Gedanken in die Ferne schweiften, er oft bedrückt, traurig und schweigsam war, als würde Karl innerlich mit sich selber einen Kampf austragen.
Worüber er grübelte, konnte sie nicht ahnen, wenn sie ihn darauf ansprach, wich er aus, sodass sie allmählich befürchtete, er würde darüber grübeln, sie zu verlassen.
Wie oft nahm ihn Irene zärtlich in die Arme, küsste und fragte ihn, worüber er grüble und was ihm Kummer bereite, während sie ihm versicherte, dass sie ihm gerne helfen würde, seine Sorgen zu teilen. Lange verweigerte er die Antwort, die lange in ihm gärte und ihn quälte. Bis Irene eines Nachts nicht locker ließ und es ihm stockend, wie zäher Schleim von den Lippen kam. Er erklärte mit unterdrückter Stimme, er wisse nicht, ob sein älterer Bruder Toni oder sein Vater zuhause wären, da er schon so lange nichts mehr von zuhause gehört hatte und er deshalb zur Anbauzeit im Frühjahr unbedingt zu Hause sein wolle. Und so hatte er, wie viele andere Männer mangels Arbeitskräfte in der Heimat, um Urlaub für das lebensnotwendige Anbauen der Felder angesucht und bewilligt bekommen.
Er war sich bewusst, dass er wegen seiner Verletzung keine schweren Arbeiten verrichten konnte, aber wenigstens das Pferdegespann anschirren, bespannen und die Zügel in der Hand halten und loaten (lenken) würde er bewerkstelligen können.
Mit seinen Händen, um Worte ringend, unterstrich er gestikreich sein Ansinnen und sie spürte seine angeborene Erdverbundenheit und seine tiefe Verwurzelung mit seiner Heimat, sodass ihr Urvertrauen zu ihm Bodenhaftung bekam.
Wohlweislich verschwieg er, dass ihm sein Aufenthalt in der Heimat auch Luft verschaffen sollte für eine Entscheidung, die er jetzt nicht imstande war zu treffen, um Irene zu schonen und sie nicht zu kränken. Er musste versuchen, seine persönlichen Probleme zu regeln und sich Klarheit mit Martha verschaffen. Sein rücksichtsloses Verhalten belastete ihn. „Wenn man zwischen zwei Stühlen sitzt, fällt man durch“, hieß es zuhause im Volksmund.
Ebenso verschwieg er, dass er zuerst überlegt hatte, einen Brief nach Hause zu schicken, um seinen Eltern von Irene als seiner Braut zu berichten. Oder sollte er sie gleich mitbringen? In seinen kühnsten Träumen hatte er sich auch öfters ausgemalt, Irene zu heiraten und als seine Frau heimzubringen. Aber schnell verwarf er diese Gedanken wieder. Er befürchtete, seine Mutter würde Irene in ihrem Jähzorn und mit ihrem losen Mundwerk verjauken (verjagen). Wenn er Irene ehelichte, wollte er doch so gerne den Segen seiner Familie zu seiner Verbindung, um einen glücklichen Neuanfang zu machen, ohne elterlichen Segen würde seine Verbindung kein Glück bringen. Er konnte Irene hier nicht heiraten, das wäre feig und hinterlistig. An den Verrat an Martha, ihren Eltern und seiner Familie mochte er nicht denken.
Und so war Karl zur Überzeugung gekommen, dass es das Beste war, allein nach Hause zu fahren, um seine Eltern behutsam auf Irene vorzubereiten, denn er befürchtete den strikten Widerstand seiner Eltern und wusste, dass ihm dadurch viel Ungemach bevorstand. Von der Hoffnung genährt, seine Eltern würden in ihrer großen Freude, ihn wieder lebend und gesund zuhause zu haben, geläutert und gnädiger sein und ihm seine Entscheidung, mit Irene künftig leben zu wollen, nicht in Frage stellen, hatte er diesen Entschluss gefasst .
Nach einer kurzen Pause versicherte er Irene, dass er sie am liebsten mitgenommen hätte und es ihm das Herz zerreißen würde, sie hier zurücklassen zu müssen. Aber er könne sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr nur in seiner Heimat vorstellen. Aus diesem Grunde müsse er dafür sorgen, dass die Felder bebaut werden, um mit der Ernte für eine gemeinsame Lebensexistenz zu sorgen, damit er eine Familie gründen und ernähren könne. Er wolle Vorkehrungen treffen, ein Nest bauen für ein gemeinsames Leben mit ihr. So wie seine Familie seit Generationen durch harte Arbeit auf den Feldern ihren Lebensunterhalt verdiente, wollte auch er durch der Hände Arbeit unabhängig und wie seit eh und je stolzer Selbstversorger sein, sein eigener Herr und niemanden untertänig sein müssen mit Gottes Segen und im Einklang mit der Natur. Der Krieg würde bald aus sein und dann könnten sie mit einer guten Ernte ihr Leben genießen. Er könne sie unmöglich holen, wenn die Felder nicht bebaut wären, denn wovon sollten sie dann leben.
„Glaube mir, ich werde diese Entscheidung nicht alleine treffen, ich gehe nur, wenn du es auch willst. Es handelt sich nur um eine kurze Zeit, danach, wenn zuhause alle Felder angebaut sind, komme ich wieder. Auch mir fällt es schwer, von dir zu gehen“, erklärte er flehentlich, während er sie am liebsten jetzt geliebt und den Urlaub, den Krieg und alles Ungemach vergessen hätte.
Weiters erklärte er, dass er keinen Beruf gelernt, er kenne nur die Arbeiten in der Landwirtschaft. Das Stadtleben mochte Karl sowieso nicht und das Heimweh und die Sehnsucht nach der vertrauten Umgebung und seiner Heimat begleiteten ihn ständig. Er konnte es sich nicht vorstellen, auf den Trümmern dieser Stadt sich ein gemeinsames Leben mit Irene aufzubauen und eine Familie zu gründen. Wie sollte er sich hier eine gemeinsame Zukunft aufbauen?
Seit Kindesbeinen an wurde er dazu erzogen selbständig zu sein und eine Landwirtschaft zu führen.
Das Landleben, still und abgeschieden, ohne den Lärm und die Hektik einer Großstadt, die Freiheit seiner Entscheidungen, vom Fleiß seiner Hände den Erfolg vor Augen und als selbständiger Selbstversorger zu fungieren, war sein oberstes Ziel. In seiner Heimat lebte man von der Substanz, von der Hände Arbeit, achtete, hütete und jätete jedes Pflänzlein, damit es sich entfalten konnte. Sobald die Zizibe (Kohlmeise) und die Fastenblümerl (Primel) das Frühjahr ankündigten, fing die Arbeit auf den Feldern an.
Mit gewissem Stolz dachte er daran, wie unabhängig und erdverbunden die Bauern in seiner Heimat waren und mit ihren fleißigen Händen selbst ihren Lebensunterhalt verdienten, während die Händler, Hausierer und Viehhändler bei den Bauern als arbeitsscheue Leutanschmierer (Betrüger) verschrien waren.
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