Segur musste sich sammeln. Er gab den Blick frei und Feren drehte mit einer Geste der Erschöpfung den Kopf zur Seite. Sein Blick ging ins Leere. Segur trat ein wenig zurück und betrachtete die entkräftete Figur, die Halt suchend an der Stallwand lehnte.
Feren suchte nach Worten. „Segur, verzeih mir. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, was ich euch mit Beor aufbürde. Ich werde eine Lösung finden. Lass mir bitte ein bisschen Zeit.“
Dieses Ergebnis hatte Segur nicht gewollt. „Feren, Du drehst Dich im Kreis“, sagte er leise. „Viel zu lange hast Du eine große Bürde getragen. Du warst schon erschöpft, bevor das mit den Daughûi passiert ist. Das war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Jetzt bist Du völlig am Boden. Bitte, lass mich Dir helfen!“
„Es geht mir schon besser...“ Feren fröstelte und zog seinen Mantel enger um sich: „Ich bin einfach müde.“
„Das glaube ich Dir nicht. Dir fehlt die innere Kraft, die Verbindung zu Deiner Mitte. Sobald ich ein wenig Druck auf Dich ausübe, brichst Du zusammen. So kannst Du nicht weitermachen.“
„Ich arbeite daran. Ich mache regelmäßig meine Konzentrations- und Meditationsübungen.“
„Das ist ganz großartig“, spottete Segur. „Und wie fühlst Du Dich dabei?“
Feren machte eine vage Geste. Es kam ihm hart an, die nötige Konsequenz aufzubringen. Meist war er so erschöpft, dass er dabei einschlief.
„Ist Dir vielleicht schon aufgefallen, dass alle diese Techniken Dir eine Menge Härte und Disziplin abverlangen? Damit treibst Du Dich immer weiter in den Kreisel hinein. Je verzweifelter Du nach Halt suchst, desto weniger wirst Du ihn finden.“
„Was soll ich denn tun?“
„Wie wäre es, wenn Du gar nichts tust?“ schlug Segur vor. „Lass einfach los und erlaube Dir, zur Ruhe zu kommen. Denk erst über den nächsten Schritt nach, wenn Du wieder festen Boden unter den Füßen hast.“ Segur war kein Gelehrter, doch er war verbunden mit der Weisheit seiner Seele, die ihm die richtigen Worte gab. Er wusste, dass das Gesagte Sinn machte. Nun schob er seinen Arm unter Ferens gesunde Schulter und geleitete ihn vorsichtig zurück ins Haus. Er spürte, wie Feren sich darauf einließ und sein Gewicht auf ihn stützte. „Das ist schon besser. Freunde hat man, damit sie einen stützen, wenn es nicht mehr weitergeht!“ brummte Segur.
Schon fast beim Haus angekommen sagte Segur: „Mach Dir wegen Beor keine Sorgen. Dein Sohn ist bei uns gut aufgehoben. Mehan und ich sind nicht die einzigen, die auf ihn Acht geben. Aber sei Dir bitte auch bewusst, dass Beor aus dem Alter heraus ist, wo man ihn verstecken konnte. Einen Fünfjährigen bindest Du nicht an. Und verlang nicht von ihm, dass er seine Herkunft leugnen soll, selbst wenn es scheinbar seinem Schutz dient. Er ist sehr stolz darauf, Dein Sohn zu sein!“
Feren blieb stehen und sah Segur erschrocken an. Die Herkunft verleugnen zu seinem Schutz – der Hinweis war bei ihm angekommen. „Das werde ich von Beor niemals verlangen. Es reicht, dass ich es mein Leben lang tun musste!“
Segur sah Feren überrascht an. Da war also eine weitere tiefe Wunde, die Feren stets vor ihm verborgen hatte. Er antwortete mit einem Kopfschütteln: „Im Moment scheint aller Schmerz aufzubrechen, den Du über Jahrzehnte in Dir vergraben hast. Es war zu erwarten. Du weißt, ich war vor kurzen auch mitten drinnen in diesem Prozess. Es braucht Kraft, und es braucht Zeit.“
Feren nickte und versuchte ein Lächeln. „Es geht schon, Segur .... Du musst jetzt reiten. Es ist schon spät.“
Segur antwortete mit einem Kopfschütteln: „Wenn Du nur wieder für andere denken kannst. Schau bitte auf Dich. Wenn ich wiederkomme, möchte ich Dich in einem besseren Zustand vorfinden!“ Bevor er vom Hofe ritt, drehte er sich noch einmal um: „Ich wünsche mir von Dir ein bisschen mehr Vertrauen!“
Daheim gab Segur Mehan einen detaillierten Bericht über alles, was er erfahren hatte. Mehan war erstaunt, dass Kayla Ferens Gefährtin war. Die beiden hätte sie nicht miteinander in Verbindung gebracht. Doch wo die Liebe so hinfällt....
Segur berichtete, dass seine Männer Feren besuchen wollten. Er hielt es für keine gute Idee. „Er wird nicht wollen, dass sie ihn in diesem Zustand sehen. Und ich möchte nicht, dass er wieder einen Kraftakt vollbringt, um ihnen vorzumachen, dass alles in Ordnung ist. Heute war er völlig am Boden. Ich musste ihn nur antippen, und er ist zusammengeklappt.“ Zuletzt erfuhr sie von Ferens Sorgen wegen Beor. Sie schalt Segur, dass er dieses Thema überhaupt aufgebracht hatte. „Er hat so viel für uns getan. Diese kleine Gefälligkeit darf er wohl erwarten!“ Darüber waren sie sich einig. Doch Mehan würde Beor in Zukunft nicht mehr mitnehmen, wenn sie ins Gildehaus ging.
Während sie sich unterhielten, achteten sie nicht darauf, dass ein Dreikäsehoch mithörte, der durchaus der Meinung war, dass ihn diese Dinge etwas angingen.
Schon am nächsten Tag würde sich bewahrheiten, dass man fünfjährige Knaben nicht so leicht verstecken kann.
Kayla hatte beschlossen, dass es an der Zeit war, Mehan einen Besuch abzustatten. Die Verbindung zwischen Segur und Feren machte den Kontakt plötzlich viel interessanter. So wappnete sie sich mit Interesse für den Säugling und rief sich ins Gedächtnis, was jede junge Mutter in dieser Situation zu hören wünscht. Natürlich würde es das schönste Kind auf Erden sein, selbst wenn es wie eine Kaulquappe aussah. Und Ähnlichkeiten mit den Eltern musste man auch herbeireden, selbst wenn man der Meinung war, dass sich manche Leute besser nicht vermehrt hätten. Nun ja, auf Segur und Mehan traf das nicht zu. Kayla hatte durchaus bemerkt, dass Segur ein attraktiver Mann war. „Beeoah“ war ihnen auch ganz gut gelungen. Ihr Vater hatte herzlich gelacht, als sie ihm erzählte, was die Sommerländer aus dem stolzen Namen ihres Bruders machten.
Kayla hatte das Stadthaus der Tolegos noch nie von innen gesehen. Es lag am Ende der großen Prachtstraße, nahe der Arena. Da die Tolegos seit mehreren Generationen zum Königsclan gehörten, war ihr Haus besonders prächtig. Schon die Fassadengestaltung und die Befestigung des Tores zeugten von ihrer Macht. Das Haus hatte drei statt der sonst üblichen zwei Stockwerke und weitläufige Wirtschaftsgebäude im hinteren Bereich.
Kayla hatte ihren Besuch nicht angekündigt. Sie teilte den Wächtern knapp ihr Anliegen mit und ritt dann in den Hof hinein.
Als hätte sie ihn gerufen, stand Beor plötzlich vor ihr. Da seine Kinderfrau nicht dabei war, konnte er sie mit unverhohlenem Interesse anstarren, ohne dass ihn jemand zur Ordnung rief. Sie warf ihm die Zügel ihres Pferdes hin: „Hier, halt das!“ Er fing sie geschickt auf und hielt das Pferd still, während sie abstieg. „Schaust Du nach, ob ich nicht doch eine Elfe bin?“ fragte sie ihn belustigt.
„Du bist hübsch“ konstatierte er.
„Danke für die Blumen, junger Mann. Sind wir einander eigentlich schon vorgestellt worden?“ Sie meinte, dass er nicht mehr klein genug war, um sie zu duzen.
Er nahm Haltung an, wie er es von den Wachsoldaten kannte, und stellte sich förmlich vor: „Ich bin Beor, Sohn des Feren.“
Jetzt musste sich Kayla am Riemen reißen, um nicht erstaunt auszurufen. Jahrelange Übung ermöglichten ihr, nur kurz eine Braue hochzuziehen und ebenso förmlich zu antworten: „Ich bin Kayla, Tochter des Goswin von Malfar.“ Sie machte einen artigen Knicks. Beor verbeugte sich, wie es sich gehörte. Man hatte ihm offenbar Manieren beigebracht.
Kayla erinnerte sich, dass Feren in einem Nebensatz erwähnte, dass er schon einen Sohn gezeugt hatte. Sie hatte das mehr als Hinweis auf seine Fruchtbarkeit gedeutet und nicht weiter nachgefragt. Doch hier handelte es sich offensichtlich um einen offiziellen Sohn, der seinen Namen trug. Hatte er ihr das bewusst verschwiegen? War etwa Mehan früher einmal Ferens Gefährtin gewesen? Kayla spürte sofort die Eifersucht in sich hochsteigen. Mehan war eine attraktive Frau. Was verband die beiden, dass sie es ihr nicht offen sagen konnten? War es das gewesen, worüber Feren und Segur sich gezankt hatten? Zu Beor sagte sie nur: „Ich kenne Deinen Vater gut.“
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