Irgendwann wurde es Mauro zu bunt. Er ging zu ihr auf die Tanzfläche und schnappte Sigrun beim Arm: „Lass Shui in Ruhe. Willst Du Deine Hofdame Ana unglücklich machen?" schnauzte er sie an und bedeutete dem erleichterten Shui, dass er gehen konnte. "Schluss für heute!"
Sigrun fing an zu zetern: „Ich mag noch nicht heim. Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, mir so gründlich den Spaß zu verderben?"
"Ich bin Euer Gatte und der Vater des Kindes, das Ihr unter dem Herzen tragt. Wenn Ihr schon auf mich keine Rücksicht nehmt, dann wenigstens auf die Kleine!" schimpfte Mauro.
Sigrun wurde ganz kleinlaut: "Entschuldigung. Mir war nicht klar, dass Ihr mein Gatte seid."
Oben in ihrer Kammer warf Sigrun sich auf ihr Bett und fing zu weinen an. Anklagend sagte sie zu Mauro: "Was meint Ihr, wie es mir geht? Wolfram sagt, dass mir etliche Jahre an Erinnerung fehlen. Ich weiß nicht, wo ich hier bin und wer die Menschen sind, die mich umgeben. Ihr behauptet, Ihr seid mein Gatte - und doch seid Ihr ein Fremder für mich. Wahrscheinlich hatte ich auch so eine schöne Hochzeit - bloß weiß ich nichts mehr davon. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie orientierungslos und ausgeliefert ich mich fühle?"
Mauro ging zu ihr hin und strich ihr begütigend über die Schulter: "Verzeiht mir, wenn ich grob zu Euch war. In meiner Verzweiflung vergaß ich, wie schwer das alles für Euch ist. Lasst uns versuchen, diese Prüfung gemeinsam durchzustehen. Vielleicht kann ich helfen, Eure Erinnerung wiederzufinden. Was wisst Ihr über mich?"
Sigrun wischte sich die Tränen fort und setzte sich auf: „Ihr seid der Erain Maur, der dunkle Herrscher von Furukiya. Ihr seid nicht mehr jung - und Ihr seht grimmig aus. Kein Wunder, dass die halbe Welt vor Euch zittert. Nun trage ich also Euer Kind - und darf weder reiten noch ausgelassen tanzen", fügte sie trotzig hinzu.
"Wisst Ihr noch, wie Ihr hierher kamt?" fragte Mauro weiter
"Ich wurde an Euch verheiratet, weil Ihr das Rigland erobert habt. Ich nehme an, mein Vater gab mich an Euch, als Preis für den Frieden. Wolfram sagt, es geht unserem Volke gut. Das lohnt die Qual, dass ich nun fern der Heimat leben muss", resümierte Sigrun.
"Ihr habt selbst entschieden, mir zu folgen - als freie, stolze Almanin", korrigierte Mauro sie. "Euer Vater ist längst tot."
"Habt Ihr ihn umgebracht?" wollte Sigrun wissen.
Mauro schluckte. "Nein, Sigrun, das habe ich nicht getan." Er wollte ihr erzählen, unter welchen Umständen sie einander kennen gelernt hatten. Dann entschied er, dass es besser für sie wäre, nicht alles zu wissen. Zu viele schlimme Erlebnisse, zu viele Bedrohungen würden auf sie einstürmen. Mit einem schmerzlichen Blick sagte er: „Wir haben einander geliebt. Es war eine ganz große Liebe. Eine, über die die Barden Lieder sangen. Mögen die Götter uns gnädig sein, dass wir eines Tages wieder zu einander finden!"
Nach dem Gespräch mit Sigrun floh Mauro zu Hamon. Er ließ sich auf den Fellen nieder, die vor dem flackernden Kamin lagen und starrte wortlos in die Flammen. Hamon rückte für sich einen Stuhl zurecht und legte Mauro die Hand auf die Schulter. So saßen sie schweigend eine ganze Weile beisammen.
Schließlich fragte Mauro: „Wie ist es Dir in letzter Zeit ergangen?“ Das war keine ernsthafte Frage, denn die beiden Freunde sahen einander regelmäßig. Erst vor wenigen Wochen hatte Mauro auf der Heimreise von Tolego die Nacht auf Hamons Landgut verbracht und sich persönlich davon überzeugt, dass alles zum Besten stand. Wie es schien, wollte er bloß die beruhigende Stimme des Freundes hören.
Hamon erzählte, dass er das Landgut, das Mauro ihm übereignet hatte, sehr genoss. Der Sommer an der frischen Luft hatte seiner Gesundheit gut getan. Das regelmäßige Hin- und Herreiten machte ihn beweglicher und fitter. Sein Leibesumfang war etwas abgeschmolzen, was seine drei Frauen zu schätzen wussten. Das Amt des Kämmerers, das Hamon für seinen Freund und König versah, machte ihm immer noch Freude. Hamon betonte, dass er sich Mauros Kritik zu Herzen genommen hatte, und seinen üppigen Lebensstil inzwischen ausschließlich aus eigenen Mitteln finanzierte.
Nach einer Weile hielt Hamon im Erzählen inne. Er merkte wohl, dass Mauro mit seinen Gedanken weit weg war. „Willst Du darüber reden?“ fragte er den Freund.
Mauro machte eine resignierte Geste.
„Siehst Du eine Möglichkeit, Barrens Zauber zu durchbrechen?“ fragte Hamon.
„Barren kennt mich ziemlich gut. Er ließ mir keinen sanften Weg, um seinen Zauber auszuhebeln. Wenn ich die Gedächtnisblockade mit Gewalt durchbreche, wird Sigrun nicht überleben. Fast denke ich, ich könnte ihren Tod leichter ertragen als das Zusammenleben mit einem Kind, das aussieht wie meine geliebte Frau!“
„Ich weiß nicht, was ich Dir empfehlen soll“, sagte Hamon betrübt. „Du hast gewiss auch andere Zauberer gefragt…“
Mauro bejahte: „Ich habe mit Schlobart gesprochen, und mit Barad. Selbst Elfenkönigin Galbereth wusste mir keinen Rat.“
Hamon nickte: „Das hatte ich befürchtet. Du bist der mit Abstand mächtigste Zauberer hier. Wer sollte helfen, wenn Du nicht mehr weiter weißt?“
Mauro presste die Lippen zusammen und schwieg. Seine Gedanken gingen zurück zu den guten Zeiten mit Sigrun: „Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir geheiratet. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden, und mein Tagwerk ging mir leicht von der Hand. Nun ist es mit einem Mal vorbei.“ Nach einer Weile fügte er empört hinzu: „Ich nahm Barren in die Pflicht, Sigrun nicht anzurühren. Ich stellte sie unter den Schutz des großen Furuk – und dennoch habe ich sie verloren. Das ist unfassbar für mich!“
„Wie es scheint, hat Barren die Abmachung unterlaufen. Ihr das Gedächtnis zu rauben hat ihm sein Herr offenbar nicht verboten. In der Auslegung sind die höheren Wesen mitunter spitzfindig.“
„Erst kürzlich sprach ich mit Hohepriesterin Suza darüber, wie verwundbar wir Menschen doch sind. An wem immer mein Herz hängt, Barren kann ihn mir nehmen. Ich fühle selbst, wie jeder Verlust die Dunkelheit in mir nährt. Schon jetzt wage ich kaum mehr zu zeigen, welcher Mensch mir nahe steht. Irgendwann kommt auch für mich der Punkt, wo ich jede Hoffnung begrabe.“ Mauro grub den Kopf in die Hände und klagte: „Wie soll ich die bevorstehenden Prüfungen bestehen, ohne Sigruns sanfte Kraft an meiner Seite? Schon einmal wähnte ich sie auf immer verloren. Schon einmal war ich mutlos und verzweifelt ohne sie. Nun ist sie zwar da – und mir dennoch entzogen. Ist damit mein Schicksal besiegelt? Wollen die Götter mein Scheitern?“
„Noch ist nicht aller Tage Abend“, versuchte Hamon ihn zu trösten. „Vielleicht findest Du einen Weg, den Zauber zu durchbrechen. Vielleicht sind die Götter Dir gnädig, und sie wird gesund.“
„Vielleicht…“ wiederholte Mauro niedergeschlagen. „Meine Mission steht wieder einmal auf Messers Schneide. Wo vor kurzem noch Licht und Zuversicht war, sehe ich nur noch dunkle Bedrohung. Nachts schlafe ich kaum. Die Alpträume sind schlimm wie lange nicht mehr. Die Geister des Labyrinths bedängen mich wieder. Hohepriesterin Suza hat Recht: ich brauche ein Wunder – einen Akt göttlicher Gnade – sonst laufe ich Gefahr, genau wie mein Vater zu scheitern.“
Kapitel 2: Der Kampf mit der Vergangenheit
Kayla kam regelmäßig ins Gildehaus. Sie spürte, dass ihre Anwesenheit Feren wohl tat, auch wenn er das so deutlich nicht sagen würde. Langsam wuchs das gegenseitige Verständnis.
Kayla machte von Anfang an klar, dass sie als freie Zauberin an Ferens Seite weilte. Sie würde kommen und gehen, wie es ihr beliebte. An erster Stelle kamen ihre Verpflichtungen gegenüber Malfar, dann ihre Aufgaben für die Gilde. Feren würde sich mit dem Rest ihrer Aufmerksamkeit begnügen müssen. Allen darüber hinausgehenden Ansprüchen erteilte sie von vorne herein eine unmissverständliche Absage.
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