Also ging sie, in den nächsten Tante - Emma Laden, eine Straße weiter.
Sie wusste, dass manche Leute da oft anschreiben ließen, und sie wollte nun dort ihr Glück versuchen. Sie kaufte Eier, Milch und Mehl und ließ den Verkäufer auf ihren Namen anschreiben. Sie hatte großes Herzklopfen dabei, aber es klappte. Sie freute sich sehr darüber, dass sie nun etwas zu essen machen konnte. Ihre Mutter bekam nichts davon mit und kaufte auch in den nächsten Tagen nichts für sie ein.
So war Melissa gezwungen, ein zweites und auch ein drittes Mal dorthin zu gehen und anschreiben zu lassen.
Beim dritten Mal machte der Besitzer des Ladens sie darauf aufmerksam, dass sie nun endlich bezahlen müsse. Melissa versprach, das Geld so bald wie möglich zu bringen, und ging.
Nun saß sie vor einem sehr großen Problem. Denn sie konnte weder ihrer Mutter sagen, was sie getan hatte, noch hatte sie Geld, da sie ja nicht einmal Taschengeld von ihrer Mutter bekam.
Sie konnte sie unmöglich um Geld fragen, sie würde ausrasten und das wollte sie um jeden Preis verhindern. Also beschloss sie, das wenige Geld, das sie brauchte, aus der Geldtasche ihrer Mutter heimlich zu nehmen, wenn diese schlief.
Sie wartete am Abend lange, bis diese eingeschlafen war, und nahm einen kleineren Schein heraus.
Froh es unbemerkt geschafft zu haben, legte sie sich zu Bett.
Am nächsten Tag nach der Schule, ging sie sofort zu dem Laden und bezahlte ihre Schuld.
Als ihre Mutter dann nach Hause kam, rastete sie aus und ohrfeigte Melissa mehrmals hart und schrie: „Du dämliches Kind, kann man dir nicht einmal den Rücken zudrehen, du Lügnerin, du Diebin!! Hau ab in dein Zimmer, ich möchte dich nicht mehr sehen! Und wenn du noch ein einziges Mal an mein Geld gehst, dann hacke ich dir die Finger ab!“
Melissa weinte und verzog sich in ihr Zimmer. Was sollte sie denn tun?
Ihre Mutter musste doch sehen, dass sie nichts zu essen hatte. War ihr das denn wirklich so egal, dass sie sie dann auch noch bestrafte?
Sie verstand die Welt nicht mehr.
Einige Zeit später geschahen seltsame Dinge, die sie nicht verstand.
Ihr Vater war auf Heimaturlaub zu Hause, und er war auch sehr nett zu Melissa in dieser Zeit und kümmerte sich um sie. Ihre Mutter war
nach wie vor selten daheim. Eines Tages lag ein Brief vor der Wohnungstüre. Der erste von zwei weiteren, die noch folgen sollten.
Als ihr Vater den Brief gelesen hatte, stellte er Melissa seltsame Fragen.
Was ihre Mutter tat, wohin sie ging, wenn er nicht da ist.
Melissa konnte ihm diese Fragen jedoch auch nicht beantworten.
Ihre Mutter stellte es sehr geschickt an, sodass Melissa ja nicht viel mitbekam, was sie tat, wenn sie dauernd weg war.
Melissa ging seit einigen Tagen immer öfter zu einer Schulkollegin, die ganz in ihrer Nähe wohnte. Weil sie sich dort sehr wohl fühlte und auch willkommen war. Sie lernte mit Manuela für Mathematik.
In dieser Zeit erlebte sie das erste Mal in ihrem Leben, wie eine gute Beziehung zwischen Mutter und Tochter aussehen konnte. Sie war darüber sehr verwundert, wie liebevoll die Mutter von Manuela, mit ihrer Tochter umging. Kein böses Wort, kein Schreien, nichts.
Für Melissa war das völliges Neuland und gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass ihre Mutter sie offenbar nicht liebte, sonst wäre sie wohl auch so zu ihr wie Manuelas Mutter zu ihrer Tochter.
Das machte sie sehr traurig. Sie hatte oft das Gefühl auf dieser Welt, nicht erwünscht zu sein. Dass es einfach keinen Platz für sie hier gab.
Einige Tage später, erfuhr Melissa dann, was in den geheimnisvollen Briefen geschrieben war. Es war die Mitteilung eines Unbekannten, dass Melissas Mutter ihrem Mann fremdging.
Und so war es auch nicht verwunderlich, dass kurze Zeit später, ihr Vater ihr mitteilte, dass sie sich scheiden lassen würden.
Das war der Wunsch ihrer Mutter gewesen, nicht ihres Vaters, denn er hatte seine Frau sehr geliebt, und kam mit der ganzen Situation nicht zurecht.
Kurz darauf geschah es, dass Melissas Mutter zufällig früher von der Arbeit heimkam und ihren Mann bewusstlos vorfand. Er hatte Tabletten geschluckt und wollte sich sein Leben nehmen. Sie ließ ihn in die Klinik einweisen. Melissa war zu dem Zeitpunkt noch in der Schule. Nach ein paar Tagen kam ihr Vater wieder heim, da er nach außen hin signalisierte, dass er einsah, dass er eine Dummheit gemacht hatte. So sah man keine weitere Gefahr und entließ ihn nach Hause.
Danach kamen die Sommerferien, die Melissa wie immer bei ihren Großeltern verbrachte. Am Ende der Ferien rief ihre Mutter an und teilte ihr mit, dass sie Melissa am nächsten Tag abholen kommen würde.
Als ihr Auto dann herangefahren kam, ging Melissa hinaus und sah geschockt, dass auch ein fremder Mann aus dem Auto stieg.
Sie hatte keine Ahnung, wer er war. Dann sagte ihre Mutter zu ihr ganz knapp: „Hallo, das ist der Christoph.“ Damit war das Thema für sie anscheinend auch schon erledigt. Was in Melissa in diesem Moment vorging, war ihr gleichgültig. Ohne jede Vorwarnung setzte sie ihr von heute auf morgen einen anderen Mann vor die Nase. Kein Gespräch, keine Erklärung.
Melissa hasste ihn von diesem Augenblick an. Sie konnte nicht verstehen, warum statt ihrem Papa auf einmal dieser Christoph dastand.
Dann daheim angekommen, erfuhr sie, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem neuen Freund in das Haus seiner Mutter ziehen musste. Das war über 30 Kilometer weg und sie musste nun jeden Tag sehr weit in die Schule fahren. Melissa war sauer. Zuerst nur Ärger daheim, dann das mit ihrem Papa, dann die anstehende Scheidung. Jetzt war sie auch noch gezwungen, bei einer ihr fremden Frau und deren Sohn zu leben.
Sie wollte nicht, aber es blieb ihr nichts anderes übrig.
Sie war erst dreizehn Jahre alt und keiner fragte sie nach dem, was sie wollte.
Ihre Mutter wollte sie ja eigentlich gar nicht, aber sie musste sie mitnehmen, weil ihr Vater nun bei einer Familie in Untermiete wohnte und es dort keinen Platz für sie gab.
So war sie gezwungen, ihre ungeliebte Tochter mitzunehmen.
Melissa besuchte ihren Vater dann einmal in den darauf folgenden Wochen und die Worte von ihrem Vater an sie, die sich tief in ihre Erinnerung gegraben hatten, waren: „Ich wünsche dir alles Gute und vielleicht bekommst du ja jetzt von deinem neuen Vater, ein Fahrrad, das du dir schon immer gewünscht hast.“ Melissa hatte ein eigenartiges Gefühl dabei, sie hätte gerne verzichtete auf so ein blödes Fahrrad verzichtet, wenn nur ihr Vater wieder da gewesen wäre.
Das war das letzte Mal, dass Melissa mit ihrem Vater gesprochen hatte.
Sie sollte ihn nie wieder sehen.
Denn etwa drei Monate danach kamen zwei Briefe: Einer an Melissas Mutter und einer an sie selbst.
Darin verabschiedete sich ihr Vater von ihr und wünschte ihr Glück für ihr weiteres Leben.
Als ihre Mutter ihren Brief gelesen hatte, rief sie bei der Polizei an und fuhr gleich darauf mit dem Auto weg.
Sie wusste offenbar ganz genau, wo ihr Ex-Mann zu finden war.
Was seltsam war, wie Melissa heute weiß, stand im Brief davon kein einziger Hinweis darauf. Wie sie erst nach Jahren erfuhr, hatte die Mutter ihres Vaters, ihrer Mutter diesen Hinweis gegeben, doch dort nachzusehen, wo sie mit ihrem Mann das letzte Mal war, als sie noch keine so großen Probleme hatten. Und so kam sie dann auf diese Stelle, wo sie ihn dann auch fanden.
Er hatte sich in einem angrenzenden Waldstück auf einem Jagdhochstand erhängt.
Als Melissa das erfuhr, war sie sehr geschockt und wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Mit ihrer Mutter konnte sie nicht darüber sprechen, weil diese an ihrem Vater kein gutes Haar ließ, nicht einmal jetzt, wo er tot war.
Viele Jahre später erst erfuhr Melissa von ihrer Großmutter von väterlicher Seite, dass ihre Mutter, obwohl sie da schon mit Christoph zusammen war, immer wieder heimlich zu Melissas Vater gefahren war und ihn nicht in Ruhe ließ, sodass er damit nicht mehr zurechtkommen konnte. Nein, im Gegenteil, sie machte ihm immer wieder neue Hoffnung und zog ihm auch noch sein Geld aus der Tasche und kaufte sich ein neues Auto davon.
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