An einer der Seitenwände habe ich fünf Stühle aufgestellt, die sich in Form, Material und Entstehungsjahr voneinander unterscheiden. Jeder Gast wird gebeten, den Stuhl zu wählen, der ihn am meisten anspricht und ihn an dem runden Tisch dort zu platzieren, wo er sitzen möchte. Wenn ich bemerke, dass der Blick eines Besuchers auf das cremeweiße Sofa fällt, das an der Wand gegenüber zum Ausruhen verführt und wenn er dann diese Richtung ansteuert, teile ich ihm mit, dass der Platz nicht zur Wahl steht. Ich ergänze freundlich, dass Coaching harte Arbeit ist und kein Small Talk. Meine Hypothese ist, dass Besucher, die sich auf dem Sofa niederlassen möchten, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich daran interessiert sind, in ihrem Leben etwas zu ändern oder an ihrer Zukunft zu arbeiten. Für meine Entscheidung, ob ich einen Klienten annehme oder nicht, spielt diese Abwägung eine wesentliche Rolle. Ich bin in der komfortablen Lage, Aufträge ablehnen zu können. Die Besucher akzeptieren die verbotene Zone. In all den Jahren gab es nur eine Ausnahme.
Ich kehre an meinen Schreibtisch zurück, ohne nochmals einen Blick in den Spiegel zu werfen. Ich weiß, welcher Anblick mich erwartet. Das will ich jetzt nicht sehen. Martha hatte in der vergangenen Nacht angekündet, nach ihrer Rückkehr für uns beide Personal Trainer zu suchen, ob ich wolle oder nicht. Meinen Einwand, dass ich seit langem meine persönliche Trainerin gefunden habe, ordnete sie empört der Kategorie blödester Kalauer zu, der eines austrainierten Linksintellektuellen nicht würdig sei. Um dann mit lasziver Stimme vorzuschlagen, man könne es ja trotzdem mangels anderer Alternativen mal versuchen. Der Versuch endete auf meinem antiken Schreibtisch.
Ich lenke meinen Blick wieder auf den Terminkalender. Der erste Eintrag für den kommenden Montag, 2. Mai, 11 Uhr Frau Bastian, lässt den drohenden Besuch bei meiner Mutter wie einen Spaziergang in der Frühlingssonne erscheinen.
Petra Bastian, seit Herbst vergangenen Jahres meine Klientin, ist ohne jeden Zweifel meine schwierigste Kundin. Das ist eine ziemlich ungerechte Bewertung einer Situation, die alleine ich zu verantworten habe. Ich hätte diesen Kontrakt niemals eingehen dürfen. Eine Korrektur meiner damaligen Entscheidung ist unvermeidlich, wenn das bevorstehende Gespräch den Coachingprozess nicht in eine andere Richtung lenkt.
Das Unternehmen, in dem Petra Bastian zum obersten Management gehört, sie leitet den Marketingbereich der Leonardo Verlagsgruppe in Berlin und sitzt im Vorstand, berate ich schon seit ein paar Jahren. Frau Bastian hatte ich ein paar Mal gesehen, aber nie ein Wort mit ihr gewechselt. Im Herbst 2010 sprach mich der damalige Vorstandsvorsitzende an mit der Bitte, doch einmal ein Gespräch mit seiner Marketingleiterin zu führen. Er habe den Eindruck, dass sie Unterstützung brauchen könne. Sie habe selbst etwas in dieser Richtung angedeutet und sie wolle möglichst rasch einen Termin haben. Das klang alles andere als exotisch, der übliche Einstieg. Ich machte Frau Bastian den Vorschlag, den ich allen potenziellen Kunden mache, das Erstgespräch in einem der Besprechungsräume des Unternehmens zu führen. Das lehnte sie ab und bestand darauf, in meine Praxis zu kommen. Der Anflug von Ärger, den ich verspürte und mein anschließender Kurztrip in die Niederungen der Küchenpsychologie brachte die wenig originelle Erkenntnis, dass diese Frau wohl unbedingt die Kontrolle behalten wollte und ich, trotz fortgeschrittenen Alters, in meinem Narzissmus leicht zu provozieren war.
Einige Tage nach unserem Telefonat betrat die Verlagmanagerin meinen Beratungsraum. Nach einer businessmäßig glatten Begrüßung einschließlich einiger Floskeln über das Lebensgefühl in Berlin Mitte, der dann folgenden Wahl eines Stuhls mit Armlehnen und dem Übereinanderschlagen langer Beine in einem nicht zu kurzen Rock saß mir die Besucherin an dem kleinen runden Tisch gegenüber.
Und sagte kein einziges Wort. Heinrich Böll, Roman einer Ehe im Nachkriegsdeutschland. Es ist eine meiner Marotten und, ich gebe zu, es bereitet mir Vergnügen, Alltagsszenen mit Film- oder Buchtiteln und Zitaten zu kommentieren. Im Gespräch mit meinen Klienten behalte ich diese Assoziationen für mich. Ich ließ das Schweigen zu und achtete darauf, meinen Blick auf dem schönen Gesicht meiner Besucherin ruhen zu lassen und nicht zu ihren Beinen zu wandern. Das war eine Aufgabe.
Der Engel schwieg. Auch das der Titel eines Romans von Heinrich Böll. Aber Engel passte nicht wirklich zu der Frau, die da vor mir saß und vor deren verstörend grün schillernden Augen ich mich fühlte wie unter einem Scanner. Wobei sie bei meinen Schuhen angefangen hatte und auf meinem Gesicht stoppte.
Ich bin durch meine Arbeit daran gewöhnt, Phasen des Schweigens nicht nur gut ertragen zu können, sondern diese ganz besondere Form des zwischenmenschlichen Kontakts in der Coachingarbeit zu nutzen. Für mich selbst und für die Beziehung zwischen meinen Klienten und mir. Das Schweigen dieser Frau zu diesem Zeitpunkt, kombiniert mit dem Blick, der nicht in meinen Augen ruhte, sondern irgendwo mitten in meinem Gesicht, ich vermutete auf meiner Nase, verwirrte mich. Ich rettete mich in eine ebenso banale wie lächerliche Begründung für diesen prüfenden Blick. Martha hatte vor Jahren versichert, ich sei ein ziemlich attraktiver Typ, mit nur einem selbstverschuldeten Schönheitsfehler. Sie meinte die vereinzelten widerspenstigen Borsten, die aus meiner Nase schauten und die ich doch bitte regelmäßig entfernen solle. Weiter sei, zumindest äußerlich, nichts auszusetzen. Ich gebe zu, dass ich in der Hinsicht ziemlich nachlässig bin. Ich konnte mich jetzt, vor dem Scannerblick von Frau Bastian, nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal meine Aufmerksamkeit auf die Beseitigung dieses Makels gerichtet hatte. Wahrscheinlich war es vor längerer Zeit. Vielleicht hatte mein bemerkenswerter Gast auch ganz andere Gründe, mich so intensiv anzustarren.
Ich hatte keine Ahnung, welche Motive diese Frau veranlasst haben mögen ein Coaching zu beginnen. Das erlebe ich selten. In den meisten Fällen kann ich mir ziemlich rasch ein Bild davon machen, mit welcher Art Klient ich es zu habe. Der ideale Coachee mit einem klaren Anliegen und der Absicht, konstruktiv an einem Ziel zu arbeiten, war Petra Bastian jedenfalls nicht. War sie vielleicht die Klagende, die von mir eine Lösung ihres Problems präsentiert haben wollte, und zwar schnell? Vielleicht auch die Kundin, die nur eine Bestätigung dafür haben wollte, dass sie alles richtig machte? Oder war sie der Alptraum jedes Coach, die Klientin, die in der festen Überzeugung lebte, die Anderen müssten nur ihr Verhalten ändern, dann würden sich alle Probleme auflösen?
Eine Minute oder mehr mochte vergangen sein, während wir uns gegenüber saßen, das weiß ich nicht mehr so genau. Ich hatte mich von der Fassade ablenken lassen, an der es nicht das Geringste zu beanstanden gab. Petra Bastian war 52 Jahre alt, eine Information ihres Chefs, die er mir, aus welchem Grund auch immer, gegeben hatte. Die rotbraunen Haare hatte sie auf perfekte Weise unordentlich hochgesteckt. Ein paar wenige Kringel fielen auf ihre Schultern. Das Kleid sah teuer aus, hielt bis ins Detail auch strengen Businessregeln stand und ließ zugleich den interessierten Betrachter nicht im Geringsten daran zweifeln, dass es einen ziemlich aufregenden Körper verhüllte.
Ich entschied mich für eine Standarderöffnung, setzte Frau Bastian davon in Kenntnis, dass ihr Vorgesetzter mich angesprochen hatte und welches seine Beweggründe waren. Stellte klar, dass alles, was in meiner Praxis besprochen werde, auch in diesem Raum bleibe. Lud sie ein, von sich und ihrem Anliegen, so sie denn eines habe, zu berichten. Ich fügte hinzu, dass ich anschließend gerne Ihre Fragen zu meiner Person beantworten würde.
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