„Ich weiß, wer Sie sind.“
Sie lächelte und zupfte an einem Haarkringel. Ich schwieg. Was sie dann berichtete oder besser, das was ich hörte, klang so, als ob sie dem ahnungslosen Publikum ein griffiges Beispiel für ein klassisches Coachingthema liefern wolle mit der festen Absicht, absolut nichts von sich preiszugeben. Sie verdeckte, da war ich ziemlich sicher, hinter einer antrainierten Selbstsicherheit, große Unsicherheit und Nervosität. Sie redete, um etwas zu verschweigen. Es ist mir in dem halben Jahr unserer Zusammenarbeit nicht gelungen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Das alleine wäre Grund genug, die Arbeit zu beenden.
Ich fühlte mich äußerst unwohl in diesem Gespräch und wollte die Besucherin loswerden. Wenn ich den Auftrag nicht annehmen würde, müsste ich mir eine nachvollziehbare Begründung einfallen lassen, denn schließlich hatte ich mit Petra Bastians Arbeitgeber einen Vertrag als Coach für die Führungskräfte.
Wieder Schweigen und die suchenden grünen Augen. Sie hatte ihren Vortrag beendet. Ich war nicht sicher, ob ich mitbekommen hatte, was sie zuletzt gesagt hatte, verschanzte mich nun meinerseits hinter Plattitüden und dankte ihr für ihr Vertrauen. Wo war meine Offenheit geblieben?
„Ich empfehle allen Interessenten, noch ein oder zwei weitere Gespräche mit anderen Coaches zu führen, bevor sie sich entscheiden, mit wem sie arbeiten wollen.“
„Ich habe mich bereits entschieden, Herr Kafka. Für Sie.“ Die Antwort kam ohne Zögern.
„Ach, wissen Sie, es gibt so viele Coaches.“ Ich tat mein Bestes, um mich unbeliebt zu machen und den Auftrag zu verhindern.
„Das mag sein.“
Sie lachte und zupfte an ihrem Rock. Dann wieder Stille. Ob sie mir wohl eine Begründung liefern würde?
„Haben Sie schon mit anderen Coaches gesprochen?“
„Einer meiner Kollegen ist ihr Klient, von ihm weiß, ich wer Sie sind. Ich meine, wie Sie arbeiten“ erklärte sie dem Tisch, der vor den Fenstern stand.
Das war ganz und gar keine Antwort auf meine Frage.
In diesem kurzen Augenblick dachte ich, und daran erinnere ich mich noch heute, dass ich sie auf keinen Fall als Klientin haben sollte. Das Schweigen war jetzt schwer zu ertragen. Wir vereinbarten einen Termin, zu dem wir besprechen wollten, ob wir die gemeinsame Arbeit aufnehmen würden und was die nächsten Schritte sein sollten. Auf dem Weg durch die Diele blieb Petra Bastian stehen und betrachtete den Raum, dem sie bei ihrer Ankunft keine Aufmerksamkeit gewidmet hatte.
„Es ist schön bei Ihnen. Ich glaube, hier finde ich, was ich suche“, teilte sie mir mit, während ich ihr folgte und mir Mühe gab, die Details ihrer sensationellen Rückenansicht nicht zu beachten.
Was ich soeben gehört hatte, war vielleicht die einzige Botschaft, mit der Petra Bastian mir etwas Substanzielles von sich mitgeteilt hatte. Statt hier anzudocken und eine sinnvolle Frage zu formulieren, die eines erfahrenen Beraters würdig gewesen wäre, hatte mein Gehirn nichts Besseres zu tun, als den Befehl zur Produktion von Testosteron zu erteilen. In meinem Bauch startete ein Helikopter und ich fühlte mich wie ein Idiot.
Petra Bastian wurde meine Klientin. Es ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, welche Absicht sie verfolgt. Sie beschäftigt mich in jeder Sitzung mit dem, was gerade im Büro passiert ist und worauf sie dringend Antworten finden muss. Danach wolle sie dann, so stellt sie immer wieder in Aussicht, zu ihrem eigentlichen Problem kommen. Sie verwendet viel Kraft darauf, mich über das, was das Eigentliche ist, im Dunkeln zu lassen. Am Ende jeder Sitzung habe ich das Gefühl, dass sie nicht aufgreift, was ich ihr anbiete.
Während der letzten Sitzung hatte ich endlich genug von dem Spiel. Ich hörte mir zum wiederholten Mal mit großer Geduld die Beschreibung eines ihrer Büroszenarien an. Als sie eine Pause einlegte, ging ich in Stellung.
„Frau Bastian, ich merke, dass meine Konzentration nachlässt. Ich muss etwas loswerden, das mich beschäftigt.“
Petra Bastian schaute mich gebannt an, saß nun sehr aufrecht und durchgespannt. Ihre Lippen wurden schmal. Dass sie nichts erwiderte, interpretierte ich als Einverständnis und fuhr fort.
„Wir arbeiten jetzt ein paar Monate zusammen, haben über vieles geredet. In mir ist folgendes Bild entstanden: In jeder Sitzung verbinden Sie mir die Augen mit Tüchern in wechselnden Farben, nehmen mich bei der Hand und führen mich durch einen dichten Laubwald. Wenn wir Halt machen, Sie das Tuch von meinen Augen nehmen, sehe ich mich an der gleichen Stelle wieder, an der wir vor einer Woche, vor einem Monat, vor einem halben Jahr standen. Ich habe keine Ahnung, welche Absicht Sie verfolgen.“
„Wollen Sie mir sagen, dass Sie das Coaching mit mir beenden?“
Sie rutschte an die Kante ihres Stuhls.
Ich hörte mich selbst dozieren. „Die Wanderung durch einen Wald kann eine belebende Erfahrung sein, wenn es ein Ziel gibt. Sie wird zu einer kräftezehrenden Tortur, wenn man orientierungslos umherirrt.“
„Können wir bitte kurz unterbrechen?“ Bis ich ihr folgen konnte, war sie schon in der Diele und schaute sich um. Ich zeigte ihr den Weg zum WC und schickte den überflüssigen Verlegenheitssatz hinterher: „Lassen Sie sich Zeit“.
In meinem Beratungsraum wartete ich auf sie. Es war klar, ich musste in dieser Sitzung eine Entscheidung darüber treffen, ob und wie ich weitermachen wollte. Die Frage der Klientin, ob ich das Coaching beenden wolle, hatte ich nicht beantwortet. Mein Gefühl war ein unberechenbarer Einflüsterer. Es stimmte, dass die Arbeit mit dieser Frau mich zunehmend ärgerlich machte. Es stimmte auch, dass es spannend war, sie wiederzusehen. Sie war eine schöne Frau und sie gefiel mir. Dass sie mich nach der letzten Sitzung in meinen Träumen beschäftigt hatte, war ein ernstzunehmendes Alarmzeichen, wenn es noch eines solchen bedurft hätte. Nicht nur meine Kundin, sondern vor allem ich als ihr Coach war auf einem völlig unangemessenen Pfad unterwegs.
„Bitte entschuldigen Sie. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist.“ Petra Bastians Lächeln war eine Mischung aus Schüchternheit und Trotz, als sie sich wieder auf ihrem Stuhl niederließ. Ich schloss das Fenster, kehrte zum Tisch zurück, schaffte es, sie nicht an der Schulter zu berühren und füllte unsere Gläser mit Wasser. Sie hatte geweint.
„Sollen wir für heute Schluss machen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Wie soll es denn weitergehen?“
„Lassen Sie uns für einen kurzen Augenblick zu dem Laubwald zurückkehren, Frau Bastian, um ihn hoffentlich endgültig verlassen zu können. Ich schlage Ihnen eine weitere Sitzung vor, in der wir klären, ob eine Unterstützung durch Coaching für Sie das passende Instrument ist.“
Ich hoffte, mein Lächeln signalisierte so etwas wie Zuversicht und Unbefangenheit.
„Ist Ihr Anliegen, das Sie bearbeiten wollen, wirklich im beruflichen Kontext im weitesten Sinne angesiedelt? Ist Coaching die für Sie passende Unterstützung?“
Petra Bastian drehte sich in ihrem Stuhl ein wenig von mir weg und schaute aus dem Fenster.
„Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass Sie unter Druck stehen, was auch immer der Auslöser sein mag. Vielleicht gibt es neben den beruflichen Themen ungelöste Fragen in Ihrem Privatbereich. Vielleicht Erfahrungen der Vergangenheit, die eine Rolle spielen. Wenn das so ist, bin ich nicht der passende Unterstützer für Sie.“
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