Mühsam erhob er sich vom Sofa und trat schwankend an das Geländer der Terrasse. Eigentlich war es traumhaft schön hier oben. Könnte er das alles doch nur etwas mehr genießen.
Auf einmal hatte er Mias Stimme im Ohr. Du meine Güte, die Terrasse ist ja der Hammer! Stimmt, sie war tatsächlich der Hammer, vielleicht sogar das Beste an der ganzen Wohnung. Warum sind wir denn da noch nie rausgegangen? Ja, warum eigentlich nicht?
Einen irrwitzigen Moment lang überlegte er, Mia anzurufen und sie zu einem Glas Wein einzuladen, hierher, auf diese riesige Dachterrasse. Sie könnten nebeneinander am Geländer stehen, wie zwei Kapitäne auf ihrem Schiff das Treiben zu ihren Füßen beobachten und den fantastischen Ausblick genießen.
Aber dann lachte er über sich selbst. Er war eindeutig betrunken. Er hatte Mia seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Sie würde ihn für verrückt erklären, wenn er sich jetzt plötzlich bei ihr melden würde. Andererseits – hielten ihn nicht sowieso schon alle für verrückt? Er hatte doch kaum noch etwas zu verlieren.
Mia. An manchen Tagen hatte er gedacht, sie sei ein Geschenk für ihn. In ihren Händen starb er seine kleinen Tode, einsam, verloren und doch so erlösend. Dann wieder fürchtete er, er könne sie mit seinen Obsessionen auch ins Verderben reißen – eine Vorstellung, die ihm Übelkeit bereitete.
Er hatte schnell gemerkt, dass sie anders war als die anderen Frauen. Sie war schön, intelligent und fröhlich, ihre Augen strahlten Neugier und Lebensfreude aus. Nur manchmal sah er darin eine leise Trauer, ein Sehnen, das ihn berührte, weil es ihm vertraut vorkam.
Mia hielt sich an seine Abmachungen. Sie hatte nicht gleich beim ersten Mal versucht, mit ihm herumzuknutschen und seine Hände unter ihre Bluse zu schieben, in der Hoffnung, er werde dann schon Feuer fangen und sie voll gieriger Lust nehmen. Mia hatte sich auf seine Bedingungen eingelassen, sie hatte getan, was er wollte, gab ihm, was er brauchte und ließ ihn den Rest der Zeit in Ruhe. Er hatte keine Ahnung, warum sie das tat. Manchmal sah er Leidenschaft in ihren Augen, Verlangen, wenn sie sich über ihn beugte. Es schien ihr tatsächlich Spaß zu machen, ihn zu befriedigen. Ein paar Mal war er drauf und dran, alle Ängste über Bord zu werfen und ihr Verlangen zu stillen. Aber er schaffte es einfach nicht.
»Hast du nie das Bedürfnis, mich auch zu berühren?«, fragte Mia einmal. Ihre Wangen glühten und in ihren Augen blitzte diese unvergleichliche Mischung aus Neugier und Zurückhaltung, die Arthur faszinierte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau, der man ihr Alter wahrhaftig nicht ansah. Ihre grünbraunen Augen blitzten lebhaft, die schwungvolle Linie ihres Mundes verhieß Leidenschaft, ihren schlanken Körper hielt sie sehr aufrecht und bewegte ihn mit einer Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, die Arthur neidisch machte.
Am liebsten hätte er anstelle einer Antwort die Hand ausgestreckt und Mia an sich gezogen. Nur mühsam konnte er das überwältigende Bedürfnis verdrängen, ihre Haut zu spüren und den Duft ihrer Haare einzuatmen.
Steif und abwehrend sagte er: »Doch, natürlich.«
»Und warum tust du es dann nicht?«
Ihre Beharrlichkeit amüsierte ihn. Unter anderen Umständen hätten sie ein gutes Team abgegeben. Er trank Whisky und starrte schweigend auf den Boden. Was sollte er ihr antworten, ohne sie nicht noch mehr zu verletzen als ohnehin schon? Er wünschte, sie würde sich einfach umdrehen und gehen, während er das makellose Eichenparkett begutachtete. Doch als er den Kopf hob, ruhte ihr Blick immer noch auf ihm und sie drehte nervös am Stil ihres Champagnerglases, das einzige Anzeichen für ihre innere Erregung.
»Ich möchte das Gleichgewicht zwischen uns nicht stören«, sagte er schließlich. »Wenn ich dich berühre, wirst du vermutlich mehr wollen – mehr Sex, mehr Nähe, was auch immer. Aber das kann ich dir nicht geben. Darum sollten, wir alles so lassen, wie es ist.«
Ihre Finger krampften sich so fest um den dünnen Stil des Glases, dass Arthur fürchtete, er könne brechen. Doch ihre Stimme klang fest, als sie fragte:
»Liegt es an mir?«
Er war schockiert. »Meine Güte, wie kommst du denn darauf? Mit dir hat das alles doch überhaupt nichts zu tun. Du bist eine wunderschöne, begehrenswerte Frau. Das hier würde doch sonst nicht schon so lange laufen, es würde gar nicht funktionieren.«
Er bekam Angst. Sie waren eindeutig zu weit gegangen. Er musste dringend damit aufhören, sonst würde er sie beide noch in Teufels Küche bringen.
Entnervt registrierte er, dass Mia immer noch nicht aufgab.
»Kommt dir nie in den Sinn, dass du nicht der Einzige bist, der hier Bedürfnisse hegt? Dass du nicht der Einzige bist, der Begehren empfindet?«
Es kostete ihn große Anstrengung, ruhig zu bleiben. »Ich bin doch nicht blind. Aber noch mal: Das hat absolut nichts mit dir zu tun. Du bist eine großartige Frau und ich frage mich sowieso, was dich immer wieder zu mir altem Idioten herzieht, warum du nicht längst auf Nimmerwiedersehen verschwunden bist.«
»Möchtest du denn, dass ich gehe?«
»Nein! Wenn es nach mir ginge …« Er brach abrupt ab. Dann hatte er sich wieder gefasst, seine Augen verengten sich und er sagte kühl: »Das einzige, was ich dir geben kann, ist dieses lächerliche Geld. Es liegt bei dir, ob du es annimmst oder nicht. Und es liegt bei dir, ob du wiederkommst oder nicht.«
»Selbstverständlich komme ich wieder.«
Er atmete auf. Endlich gab sie Ruhe.
Nachdem sie sich im Flur mit ihrem üblichen Händedruck verabschiedet hatten, hob Mia plötzlich ihren Arm und strich Arthur zart mit dem Handrücken über die Wange. Er stand starr vor Schreck. Ihre Berührung brannte wie Feuer auf seiner Haut.
Wenige Wochen später hatte er sie fortgeschickt.
Er sah Mia vor sich, wie sie zum Abschied mit, wie ihm schien, großer Gleichgültigkeit und nur aus reiner Höflichkeit sagte:
»Melde dich. Ich komme gerne wieder.«
Sie wussten beide, dass er sich nicht melden würde. Und sie würde es auch nicht tun. Also war es aus.
Es wurde kühl auf der Terrasse. Arthur zog sich in sein Wohnzimmer zurück. Als er einen letzten Blick auf die Elbe warf, wusste er auf einmal, was ihn bei der Erinnerung an Mia irritierte: Er konnte sich haargenau an die Form ihres Mundes erinnern. Aber er brauchte ewig, um sich Carols Mund ins Gedächtnis zu rufen.
Carol.
Er begann, sie zu vergessen. Entsetzt umklammerte er sein Whiskyglas, wie ein Ertrinkender seinen Rettungsring.
Mia stapfte wütend von der Bushaltestelle nach Hause. Sie hatte es ja schon immer gewusst. Mit ihrer Chefin würde sie keine Freundschaft schließen. Heute war allerdings das Maß voll gewesen. Dagmar Roth hatte ihr einen Text fünfmal zurückgegeben und jedes Mal andere Formulierungen kritisiert.
»Frau Sommer«, sagte sie nach der fünften Korrektur mit einer Stimme, die Mias Text in der Luft zerschnitt, »so langsam sollten Sie doch den Dreh raus haben. Ich brauche eine anständige Pressemeldung, keinen Werbetext. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Oder muss ich Ihnen die Unterschiede noch mal in allen Einzelheiten erklären?«
»Das ist keine Werbung, jedenfalls nicht nach meinem Empfinden.«
»Ihr Empfinden zählt hier aber nicht, sondern ausschließlich meins. Klar?« Frau Roths Augen waren schmale Schlitze, ihre Lippen dünne Linien. Ihre Stimme klang so eisig, dass Mia glaubte, die Kälte körperlich zu spüren.
»Klar.« Resigniert nahm sie das Papier mit, um es ein weiteres Mal zu überarbeiten.
Sie hatte keine Ahnung, was sie noch korrigieren sollte. Der Text war in ihren Augen tadellos und Dagmar Roths Kritik reine Schikane. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte es der Frau ihres Chefs nie recht machen. Norbert Roth war ein gutmütiger, nachsichtiger Mensch. Auch er hatte hohe Ansprüche und anfangs Korrekturen an Mias Texten vorgenommen, bis sie genau seinen Vorstellungen entsprachen. Doch das gehörte längst der Vergangenheit an. Schließlich war Mia eine erfahrene Texterin und keine Volontärin. Ganz anders hingegen verhielt sich Dagmar Roth. Sie schien in Mia täglich eine größere Bedrohung zu sehen und tat alles, um ihre Mitarbeiterin so klein wie möglich zu halten. Mia war sich nicht sicher, wie lange sie das noch aushalten konnte.
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