„Hallo ihr Lieben!“ Katrin wirbelt in die Stube und lässt sich mit einem Schnaufer auf ihren Stuhl fallen. “Gut, dass ihr schon angefangen habt, ich habe überhaupt keinen Hunger, der Chef hat uns Pizza spendiert.“
Mama und Papa werfen sich einen fragenden Blick zu. „Du!“
Papa holt tief Luft. „Also.....jetzt habt ihr ja bald Ferien und wir hatten ja geplant, ans Meer zu fahren. Aber.....dieses Jahr......“
Julias helle Augen werden immer dunkler.
„... dieses Jahr wird es wohl nicht klappen, weil Mama und ich den Hof nicht alleine lassen können. Dies ist nun der erste Sommer, seitdem eure Großeltern nicht mehr bei uns sind, und wir müssen uns erst einmal daran gewöhnen, dass sie uns nicht mehr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir haben den Hof modernisiert, der neue Kuhstall, der Bulldog, das hat alles viel Geld gekostet und gehört immer noch der Bank. Wir werden diese Jahr wohl nicht in den Urlaub fahren können.“
In die plötzliche Stille - es ist nur noch das Klappern der Gabeln auf den Tellern zu hören, platzt Julia: „Alle fahren weg, nur wir nicht!“
„Also, ich habe damit kein Problem, bei uns in der Firma ist die Hölle los. Wir haben einen großen Auftrag bekommen und mein Chef hat schon Urlaubssperre für die nächsten drei Monate angekündigt. Der Sommer ist dann eh schon vorüber“, versucht Katrin den Eltern zu helfen. „Aber ich will ans Meer“, quengelt Leo und knallt mit seinem Lego-Auto gegen den Spaghettitopf .
Julia ist der Appetit vergangen, sie stochert mit ihrer Gabel traurig in den Spaghetti herum.
„Darf ich aufstehen?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schiebt sie ihren Stuhl zurück und verlässt schluchzend die Stube.
Sonst ist das Abendessen immer der Moment des Tages, an dem die ganze Familie beisammen sitzt, gemeinsam die für die Familie wichtigen Angelegenheiten bespricht, Julia und Leo von der Schule erzählen, Katrin die neuesten Computer-Anwendungen erklärt und über den Tratsch in der Gemeinde gelacht wird. Es ist immer lustig, obwohl auch manchmal über ernste Themen wie Glauben und aktuelle Weltpolitik diskutiert wird. Der Abend vergeht dann so schnell, dass Mama und Papa noch einen liebevollen Gutenachtkuss bekommen und die Kinder in ihren Zimmern verschwinden.
Heute trottet sogar Leo, der Oberschmuser der Familie, mit gesenktem Kopf in sein Zimmer. Als der Reihe nach die Leselampen ausgehen, ist von niemandem das übliche „Gute Na..acht“ zu hören.
Bedrückt sitzen die Eltern in der Stube. „Ach du meine Güte, da müssen wir uns `was einfallen lassen. Ich habe wegen der vielen Arbeit überhaupt nicht mehr an die Schulferien gedacht“, stöhnt Papa mit belegter Stimme. „Als die Großeltern noch lebten, war das alles viel einfacher.“
Mama schaut gedankenversunken auf die halb leer gegessenen Teller. Der Tisch wird immer gemeinsam abgeräumt.
„Weißt du, vor ein paar Tagen hat uns jemand einen Prospekt in den Briefkasten gelegt, in dem sie ein Sommer-Camp für Schüler anbieten. Das wäre doch `was für Julia, sie ist doch so sportlich und ein bisschen Nachhilfeunterricht in Mathe - das ist auch in diesem Paket enthalten - würde ihr für das neue Schuljahr gut tun. Es liegt irgendwo in den italienischen Alpen und ich glaube, es ist nicht einmal so teuer.“
„Das ist eine gute Idee, da werde ich mir morgen gleich deren Website anschauen. Aber was machen wir mit Leo?“
„Leo ist noch zu klein für so ein Camp, das Beste ist, wir bringen ihn für ein paar Tage zu Tante Ingeborg nach München. Da gibt es große Freibäder, den Tierpark und Onkel Volker, der ist doch jetzt in Pension, freut sich bestimmt, mit Leo auf die Spielplätze mit angegliedertem Biergarten zu gehen“.
„Du bist genial mein Schatz!“ Julias Papa umarmt seine Frau, gibt ihr einen Kuss auf den lächelnden Mund und dann räumen beide frohgelaunt den Tisch ab.
„Julia, Frühstück ist fertig. Trödle nicht so lange im Bad herum, sonst verpasst du noch den Schulbus.“
Die grau grünen Augen, die schon morgens lustig funkeln, sind heute dunkel vor Trotz. Sogar der kleine goldene Punkt, der immer auf ihren Pupillen tanzt, ist verschwunden, als Julia sich an den Frühstückstisch setzt.
„Papa und ich haben uns gestern Abend noch lange unterhalten und ich glaube, wir haben eine Lösung gefunden, die dir gefallen wird.“
Der goldene Punkt glimmt wieder auf. Mit einem Hoffnungsschimmer in den fragenden Augen schaut Julia ihre Mama an.
„Was hältst Du davon, diesen Sommer deine Ferien in einem Schüler-Camp zu verbringen?“
„Alleine, ohne euch, ohne Leo und Katrin?“
Enttäuschung klingt aus Julias Stimme, aber auch Neugier blitzt in ihren Augen.
„Du bist da nicht alleine, da werden viele Mädchen und Jungen in deinem Alter sein und es wird eine Menge angeboten – Sport, Musizieren, bestimmt werden sie eine Theatergruppe bilden............“
„Vielleicht kann ich auch reiten!“
„Die haben bestimmt eine Website. Wenn du von der Schule zurückkommst, kannst du alles genau anschauen. So, jetzt beeile dich, sonst fährt der Bus ohne dich ab.“
Als Julia nach Hause kommt, sitzt ihr Papa am Küchentisch vor seinem Laptop, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.
„Nun mein Schatz, wie war es in der Schule?“
„Mmmm, wir haben in Mathe eine Ex geschrieben und ich war überhaupt nicht vorbereitet, das ist gemein, so kurz vor den Ferien, aber ich glaube, das ändert nichts an meiner Vier für das Zeugnis .... und wenn schon“, fügt sie trotzig hinzu.
„Mama hat ja schon mit dir über unseren Vorschlag gesprochen, ich habe hier das Programm. Da wird wirklich viel geboten, unter anderem auch Nachhilfeunterricht in Mathe, das passt doch, oder?“
„Ich habe doch Ferien!“
„Aber eine Vier, vielleicht sogar eine Fünf im Zeugnis.“
„Kann ich wenigstens dort reiten?“
„Hier, schau dir die Website an, Reiten, Tennis, Klettern, Kanufahren - volles Programm. Also, langweilig wird es dort bestimmt nicht.“
Papa schiebt ihr den Laptop über den Tisch.
„Schau dir bitte die Termine auf der letzten Seite an, das Beste, nach meiner Meinung wäre die zweite, dritte und vierte Augustwoche. Ich werde dich auch zu dem Sammelpunkt bringen, wo dann alle mit dem Camp-Bus abgeholt werden. Nächstes Jahr fahren wir wieder gemeinsam in den Urlaub, versprochen!“, ruft ihr Papa Julia hinterher, als sie mit dem Prospekt aus der Küche verschwindet und die Treppe hinauf in ihr Zimmer springt.
„Und....?“ Julias Mama schaut ihren Mann fragend an, als sie ihre Einkaufstasche auf den Küchentisch wuchtet.
„Ich denke, Julia findet unseren Vorschlag gar nicht so schlecht und die drei Wochen weg von Mamas Rockzipfel werden sie noch selbstständiger machen.“
„Deine kleine Prinzessin wird dir schon am zweiten Tag fehlen“, lacht Julias Mama und umarmt ihren Mann. „Vor allem dürfen wir dein Versprechen für nächstes Jahr nicht vergessen.“
Die Spielsaison ist fast zu Ende. Niko hat bei den letzten Punktspielen immer durchspielen dürfen. Anfangs saß er oft auf der Reservebank und wurde beim Durchwechseln nur für kurze Zeit auf den Platz geschickt. Als er aber dann ein Spiel gegen ihren Angstgegner mit gezielten Pässen und einigen Dreier-Würfen noch im letzten Viertel kippte und zum knappen Sieg führte, war er endlich als der Playmaker vom Trainer und der Mannschaft, bis auf Siegfried, anerkannt worden. Mit diesem Erfolgsgefühl ist er von Spiel zu Spiel besser geworden.
Heute war das vorletzte Training vor den großen Ferien. Der Trainer hat zehn Minuten früher aufgehört und in der Umkleidekabine Prospekte für ein Basketballcamp an alle Spieler verteilt.
„Falls ihr noch nicht wisst, was ihr in den Ferien so macht, wäre das ein Vorschlag. Die haben da einiges zu bieten, nicht nur Basketball. Andererseits könnt ihr euch in den zwei Wochen wirklich verbessern, denn ihr werdet dort von echten Profis aus der amerikanischen Basketball-Liga betreut.“
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