Max nimmt sie an sich, Semnet sagt: „One moment, please!“, dann zu Max: „Kannste gleich mit Putzen anfangen. JFK is staubig!“ Max zieht seinen Mantel aus, hängt ihn über den Stuhl, geht zur Wand, wischt über den Kennedy, setzt sich wieder. Da gestikuliert Semnet in Richtung der beiden anderen Bilder. Max erledigt auch die Aufgabe, sieht sich vergeblich nach einem vierten Bild um, setzt sich, schiebt seinen Stuhl wegen der Schweißfüße zurück, während Semnet weiterspricht. Da sagt der Chef wieder „One moment, please!“, wirft Max eine Kladde auf den Schoß, die mit Hausordnung beschriftet ist. Max blättert darin, findet nichts, die Seiten sind leer. Jemand klopft, tritt ein, eine junge Frau. „Hi, I’m Lisa“, sagt sie, schreitet zur rückseitigen Wand und hängt ein Schlüsselbund an ein Brett mit mehreren Dutzend nummerierter Haken, von denen die meisten besetzt sind. „Bist du der Neue?“, fragt sie auf Englisch. Eine pausbäckige Frau, langes blondes Haar, gelockt, Sommersprossen, hellblaue Augen. „Bin ich“, antwortet Max. – „Wir essen Kekse. Amerikanische. Willst du welche?“, fragt sie nun auf Deutsch mit starkem Akzent. Max nickt. – „Dann komm!“, sagt sie wieder auf Deutsch. Er folgt der Frau in den Flur und weiter in das Zimmer, aus dem er vorhin die Stimmen hörte. Hier sitzt man beisammen, sieben Frauen am Tisch, es duftet nach Kaffee und Gebackenem, aus einem großen Radio ist Weihnachtsmusik zu hören, Jingle Bells. Max nimmt Platz. „Ich bin ein Berliner“, sagt eine der Frauen so gut sie kann auf Deutsch. „Ich bin Kitty aus Iowa“, sagt eine auf Englisch, und so stellen sich auch die anderen vor: Kim aus Texas, Mary aus Wyoming, Liz aus Kansas, Carrie aus New Jersey, Ella aus Pennsylvania, und als eine dicke Frau „Lily aus Alaska!“ ruft, stehen alle auf und rufen: „Heute ist Lily-aus-Alaska-Tag!“
Eine halbe Stunde später weiß Max von jeder Frau den Namen des dazugehörigen Soldaten und dessen Dienstgrad, die Funktion und das Ankunftsdatum in Berlin, die Dauer und den Ort der Stationierung: McNair, Andrews, Roosevelt oder Turner Barracks. „Ist kein General dabei?“, fragt Max und tut so, als wäre er enttäuscht. Lily ruft: „Chef ist jeder, auch wenn man’s nicht gleich sieht!“ Alle klatschen Beifall und Carrie ruft: „Max ist unser neuer General-Chef-Boss!“ Mary: „Das müssen wir erst noch testen!“ Kim: „Also los!“ Liz: „Runter mit der Hose!“ Max zögert, besinnt sich. Dann stellt er sich auf den Stuhl, zieht sein Jackett aus, das Oberhemd, es wird geklatscht, aber als er sein Unterhemd über den Kopf zieht und den Gürtel öffnet, ist es plötzlich still im Zimmer. „Macht der Ernst?“, fragt Mary leise. „Der macht’s“, flüstert Liz kaum hörbar. Max knöpft seine Hose auf, die Frauen schreien: „Nein, nein, nicht weiter!“ Lily aber befiehlt so laut sie kann: „Weidendorf, sofort wieder anziehen, sonst schmilzt der Schnee!“ – „Wo ist denn welcher?“, antwortet Max. „Siehste, schon weg“, ruft Kim, und die Frauen schlagen sich vor Lachen auf die Knie. Heinz Semnet kommt zum falschen Moment herein, lässt sich von Liz und Mary an den Tisch ziehen und sagt auf Deutsch, ohne dass zu erkennen ist, ob er es freundlich meint: „Det steht aber nich in meener Hausordnung.“
„Du hast Humor, det mögen die Amis“, sagt Semnet im Flur. „Hat sich gerade ergeben.“ – „Ick erklär dir jetzt allet schön der Reihe nach. Und wenn de Fragen hast, kannste se bis Weihnachten stelln, danach fragste den lieben Jott. Du glaubst doch an den da oben, aber is ja egal. Ick glaub nich mehr dran, sage ick den Amis aber nich, denn die sind heiliger als der Jesus zu Ostern, und wenn du denen sagst, det is Unfug, dann kündigense dir die Wohnung – wennse dir nicht androhen, ihre Truppen abzuziehen, wat den Russen so jefallen würde. Tu also immer so, als kämst du grad aus de Kirche, dann is der Weltfrieden jesichert, in West-Berlin jedenfalls, der Osten is mir eh Schnuppe. Det Wichtigste – außer der Kasse natürlich – is der JFK. Der muss immer spiegelblank aussehn. Und wenn de schon mal dabei bist, kannste die andern Nasen gleich mitwischn. Ansonsten habn wa ‘ne Putzkolonne, bestehend aus vier Damen mittleren Datums und eene alte. Die putzen dir allet und wat de willst, sieh dich also vor! Wie alt biste jetzt, eenundzwanzig wirste, jetzt fällt’s mir ein. Zieh deinen Mantel an, wir drehen ‘ne Runde.“
Sie spazieren die Onkel-Tom entlang, die Sonne hält sich hinter einer grauen Wolkendecke versteckt, der Wind ist kalt geworden. Max fragt sich, warum der alte Mann die Ruhe weg hat, obwohl es bis eben hektisch zuging. „Haste mitjeklatscht, als der Kennedy vom Rathaus guckte? Na, du bist nicht dabei jewesn, denk ick, konnte man ja nich wissn, wat daraus wird, wenn der Mann vom Balkon herunter spricht. Ick hab jezittert, aber vor Freude – und vor Angst jezittert hab ick in meinem Leben mehr als mir lieb war. Ick hab auch mehr falsch jemacht als mir lieb war, und wenn ick jetzt den Kennedy putze wie nüscht andret, dann weeß ick wenigstens, dat et richtig is, wat ick mache, aber nun zum Kern. Kernaussage vom Janzen, mehr brauchste eigentlich nicht zu wissen, bis uff die Tatsache, dass ick deinen Vorgänger rausgeschmissen habe, aber dat weeßt du – ick verlange, und das schreib dir hinter die Ohren: bestmögliche Ehrlichkeit. Allet andere wär übertrieben, wo war ick?“ – „Kernaussage.“ – „Der Ami, det sag ick dir, und behalt det für dich, der hat hier nüscht zu tun, der langweilt sich, darum steht der auch überall rum oder putzt den janzen Tag seene Nobelkarosse oder fährt mit m Jeep durch die Jegend oder macht mal ‘ne Übung und, weil’s so lustig is, noch eene. Jedenfalls hat der ordentlich viel Energie, wenn der abends nach Hause kommt, und braucht so allerhand: Fernseher, Kühlschrank, Waschmaschine, Frau. Für die Frau sorgt der alleene, aber bei dem Rest sind wir behilflich – nee du! Und deene Angetraute natürlich, wie heißt sie noch, Carola. Dabei wären wir schon bei der nächsten Uffjabe, und mehr fällt mir wirklich nich ein: Der zieht irgendwann mal aus, der Ami. Wenn sein Dienst zu Ende ist, will der nach Florida zurück, dann wird de Wohnung frei und die steht dann für den nächsten bereit, der aus Florida kommt, und weil der det nich selber orjanisiert, der Ami – raus – rein – mach ick det, ick meene: du, verstandn?“
Heinz Semnet grüßt hier und da einen Uniformierten oder eine der Ehefrauen oder Freundinnen, plauscht mit ihnen und stellt bei der Gelegenheit seinen neuen Mitarbeiter vor. Max zeigt er die beiden Reihenhäuser, die er besitzt und um die es geht, jedes drei Stockwerke hoch mit vier Eingängen, und sechs Wohnungen pro Eingang, also vierundzwanzig Wohnungen pro Haus, achtundvierzig insgesamt. „Deene erste Aufgabe wird sein, die Hausordnung … na durchsetzen geht so schnell nich, da brauchste ‘ne zweite Blockade. Aber bekanntgeben. Det reicht erstmal. Weil wir noch keene Hausordnung haben – die eene, die wir hatten, war n Witz – weil wir also eene brauchen, schreibst du se, und die hängen wa dann in alle Treppenhäuser, aber mit nem Weihnachtsstern druff und n bisschen Lametta, sonst wird der fuchsig, der Ami, der hasst nichts so sehr wie ‘ne Reglementierung. Ick weeß jar nich, wie der mit dieser Einstellung zurechtkommt, eigentlich sollten wir Deutsche uns davon ‘ne Scheibe abschneidn, von seener Lässigkeit, aber lässig biste ja ooch, kommen wir also zu den wichtigen Nebensachen.“
***
Am Abend besucht Max Carola in ihrem Tempelhofer Zimmer und erwartet, dass sie immer noch angesäuert ist, denn Semnet hatte ihn postalisch gebeten, mit der Arbeit zwei Wochen früher als vertraglich vereinbart zu beginnen, und Max hatte spontan zugesagt, obwohl er heute mit Carola zu einem Ausflug nach Lübars, dem einzigen Dorf West-Berlins, verabredet war – letzte Gelegenheit, um das dortige Adventsliedsingen zu erleben. Doch zu seiner Überraschung schnurrt sie, und dann schnurrt sie so stark, dass sie die eben angezündete Kerze versehentlich wieder auspustet. Sie zündet sie erneut an, sagt: „Letztes Mal Weihnachtszeit in Alt-Tempelhof. Die Raschke wird sich wundern.“ – „Hast du es ihr noch nicht gesagt?“ – „Wollte ich vorhin. Sie klopfte und glotzte rein, ob ich einen Adventskranz habe. Darf ich ja nicht. Ich war auf hundertachtzig, Max, ich konnte mich kaum beherrschen. Und da hat sie mir doch Kekse in die Hand gedrückt, die da! Hat sogar gelächelt, ich dachte, was ist nun los und au weia, wenn die Alte so ist, kann ich doch nicht mit ner Kündigung kommen! Ich werde ihr morgen früh sagen, dass ich ausziehe, morgens ist sie garantiert unausstehlich. – Wie ist denn die Wohnung?“ – „Groß. Im ersten Haus, in dem auch das Büro untergebracht ist. Haus A. Aber unser Eingang ist ein anderer, weiter links, der erste in dem Block überhaupt. Dritter Stock, fünf Zimmer, zwei nach vorne, drei nach hinten. Schätze, es sind so hundertzwanzig Quadratmeter. Größere Wohnungen gibt’s da nicht. Dafür ist die nebenan ein Stück kleiner. Parkettboden wie im Film, Carola, überall Ölheizung und eine amerikanische Küche, amerikanischer Herd, ganz bunt, riesiger Kühlschrank, der hat nicht übertrieben, der Semnet. Zum Schluss sagte er, ich solle ihn Heinz nennen. Der hat zu allem keine Lust mehr, will endlich Rentner sein. Dass er’s darf, dafür lässt er was springen, und er kann’s ja auch. Rechne mal mit: zwanzig Wohnungen pro Haus, weil ja nicht alle vermietet sind, macht vierzig – mal vierhundert Mark Miete im Schnitt, es sind sicher mehr, die Zahlen kenne ich noch nicht. Macht sechzehntausend Mark im Monat. Lass sechstausend an fixen Kosten weggehen, bleiben noch zehntausend für ihn. Abzüglich Steuern wird er siebentausend verdienen. Pro Monat! Er zahlt selber keine Miete, wohnt im eigenen Häuschen, hat ein Auto und zwei Dienstwagen, aber die werden ja oben eingerechnet, hörst du mir zu?“ – „Max, lass uns tiefer anfangen.“ – „Was meinst du?“ – „Hat er nicht eine Zweizimmer-Kellerwohnung?“ – „Was soll das, Carola?“ – „Ich will in keinen Keller ziehen, natürlich nicht, Max, aber die Sache ist mir insgesamt zu groß. Die Wohnung, das Auto … als ich meiner Freundin erzählte, was wir beide zusammen verdienen, hat sie geweint. Sie gönnt es mir ja, aber ich bin klettern gewohnt, nicht springen, fliegen schon gar nicht.“ – „In Düsseldorf wäre dir nichts zu groß gewesen.“ – „Dort fliegt jeder, Max.“
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