Drei Stunden, die Max und Otto in einer Eckkneipe in der Nähe verbracht haben. Dann fährt Max eine Badewanne der amerikanischen Militärpolizei vom Gelände. Er bringt Otto Rasig zur Lindower zurück, parkt die Badewanne in einer von Ottos freien Garagen und kommt nachmittags mit einem Taxi in der Onkel-Tom an, wo ein VW-Käfer der Berliner Polizei vor dem Eingang zu A blinkt. „Rosa-aus-Philadelphia-Tag fällt aus“, sagt ihm eine der Amerikanerinnen, die vor der Tür beisammen stehen. „Der Deutsche wollte vom Dach springen.“ – „Wer?“ – „Dieser Klaus.“ Im Büro triff Max seinen Chef an, den er lange Zeit nicht gesehen hat, außerdem zwei Polizisten, die ihm gegenübersitzen, und Carola, die weinend an der Wand steht. Heinz Semnet sieht Max milde an und sagt: „Ick weeß nich, wie du dat jeschafft hast, den rüber zu kriejen. Geht mir ooch nüscht an. Ick werd den Klaus nu einstelln müssn, damit der Junge nich noch mal von de Rinne hopsen will.“ Musik von draußen, deutscher Schlager, Jim wankt herein – mit seinem Kofferradio auf der Schulter: „Hundert Mann und ein Befehl“, fetzt es. Carola findet es unerträglich, wischt sich die Augen, fordert ihn auf, die Kiste auszuschalten. „Was ist los?“, fragt er auf Englisch, „Jemand gestorben?“ – „Was machst du hier?“, will Max wissen. Jim antwortet mit einem Augenzwinkern und schaltet endlich ab. Die Polizisten stehen auf, verabschieden sich von Heinz Semnet, und der sieht in das Heft für die Ein- und Ausgaben, sagt nebenbei: „Ick traf die Mischke uffm Markt. Sie hält jroße Stücke auf dir. Max, det will was heißn! Und Sie, junge Frau Weidendorf nehmen heute mal frei, und wennse schon dabei sind frei zu nehmen, packense noch zwee Tage druff, denn eener hilft ja nüscht.“ Jim gesellt sich zu den Frauen im Aufenthaltsraum, Max zeigt seinem Chef einen Katalog, in dem Tresore abgebildet sind, während Carola hinausgeht, um nach Klaus zu sehen. Semnet schiebt den Katalog beiseite, sagt: „Det machste schon“, lehnt sich zurück, greift in seine Jackentasche, zieht zwei Zigarren heraus, schneidet sie an. Dann rauchen der Alte und der Junge und schweigen, als hätten sie es verabredet, bis Semnet sagt: „Wann fährste wieda rüber innen Osten?“ – „Heute.“ – „Wär schlecht für mich, wennse dir drüben mal einlochn.“ – „Auch schlecht für mich.“ – „Warum machste dat? Rüberfahrn.“ – „Hat sich ergeben.“ – „Im Vertrag, den wir beede unterschriebn habn, steht wat von Nebeneinkünften. Nich gestattet oder sowat.“ – „Ich muss nur noch einmal rüber.“ – „Is n Kündigungsgrund.“ – „Ich hab’s versprochen. Eine alte Frau wartet auf mich. Klaus’ Mutter.“ – „Unter eener Bedingung.“ – „Einverstanden.“ – „Hab ick dir gar nich zujetraut so ville Dummheit. Ick kann ja nu allet verlangen.“ – „Was soll ich tun?“ – „Pass uff dir uff! Det is schon allet. Ick hab n Freund, der wollte mal rüberguckn, zweeundsechzig, und bei der Gelegenheit gleich hierbleibn, im Westn. Is durch den Teltowkanal jeschwomm, da schwimmt er imma noch.“
Klaus liegt auf dem Sofa in der kleinen Wohnung, die Max ihm fürs erste zur Verfügung gestellt hat. Carola sitzt neben ihm im Sessel, trinkt Tee. „Ich habe deinen Vater besucht, er freut sich darauf, dich wiederzusehen“, sagt Max. „Ist klar, ist mein Vater“, antwortet Klaus. „Wir müssen reden. Mach sowas nicht noch mal. Ich habe dich nicht rübergeholt, damit du dich umbringst, verstanden?“ – Klaus nickt, ohne Max anzusehen. „Lass uns über deine Zukunft sprechen. Über deine Arbeit.“ – „Ich habe keine.“ – „Du streichst die Wände in A und B, tapezierst, wenn’s im Plan ist. Zwanzig Stunden pro Woche, hat mir Herr Semnet gesagt. Wir führen deine Stundenliste. Du kriegst sechs Mark, kannst vorerst hier wohnen bleiben. Über die Miete reden wir noch. Carola ist deine direkte Vorgesetzte. Du hast hier eine kleine Zukunft, keine große. Versuche, mittelfristig bei der BVG unterzukommen. Wir haben aber kaum noch Straßenbahnen in der Stadt. Du musst dich bei der Polizei melden, kriegst einen neuen Ausweis. Ist das ein Angebot?“
Dann geht Max, Carola läuft ihm hinterher, sagt: „Du hast mich belogen. Du warst in Ost-Berlin.“ – „Ging nicht anders“, antwortet er und dreht sich zu ihr. – „Wie oft willst du mich noch belügen?“, fragt sie. – „Bis der Laden läuft.“ – „Welcher, Max?“ – „Erfährst du noch.“ – „Max, ich habe ein Recht …“ – „Tut mir leid, Liebes, wir reden später, Jim wartet.“
„Hab was gutzumachen“, sagt Jim im Jeep und fügt hinzu: „Zum Glück, denn mit deiner Badewanne wärst du am Checkpoint gegen die Wand gefahren. Du kennst die Amis nicht. Die gucken weg, wenn du mal zwei linke Stiefel anhast oder dein Käppi quer auf dem Kopf klebt, die sagen: okay, der hat Geburtstag heute oder der ist frisch verliebt, der darf sowas mal machen, ausnahmsweise! Lass dich aber nicht unter der Laterne blicken, sagen sie dir und klopfen dir auf die Schulter. Aber wenn du denen ein falsches Auto unterjubelst, kennen die keinen Spaß. Dann sind die beleidigt, dann sind die im Krieg – und du hast nichts zu lachen.“ – „Die Aufschrift sieht aber gut aus.“ – „Glaub ich dir. Aber die merken das. Mach sowas nie wieder, Max!“ – „Du auch nicht.“ – „Monika ist …“ – „Noch einmal Monika und ich such mir einen anderen Fahrer!“ – „Nicht ungerecht sein, Chef, ich hab mich fast umgebracht, um heute ein bisschen freizukriegen.“
Grunowstraße in Pankow/Ost-Berlin, abends. Wieder ein altes Gebäude, an dem die Balkone fehlen, die verrosteten Stahlträger stecken wie Rollmopsstäbchen im rissigen Putz. Nummer vier, erster Stock. Als Ilse Barnick die Tür öffnet, kommt es Max so vor, als warte sie alles andere als ungeduldig. Er begrüßt sie knapp, schreitet ungefragt ins Wohnzimmer, sagt: „Haben Sie alles beisammen?“ – „Immer“, antwortet die Frau. „Ich helfe Ihnen tragen“, sagt Max und sieht sich nach einem Koffer oder einer Reisetasche um. „Wo sind Ihre Sachen?“, fragt er. „Wie geht es meinem Sohn?“, fragt sie, „ich hatte erwartet, dass sie mir zuerst berichten …“ – „Klaus geht’s gut. Mein Chef hat ihn eingestellt, ein Aushilfsjob, bis er was Richtiges gefunden hat.“ – „Setzen Sie sich, ich habe Ihnen etwas zu sagen.“ – „Frau Barnik, das Auto kommt in zehn Minuten, wir sollten uns bereitmachen.“ – „Ich brauche nur eine Minute. Bitte nehmen Sie Platz.“ Max bleibt stehen, Frau Barnik sinkt in ihren Ohrensessel, als hätte sie einen Fernsehabend vor sich, Max wirft einen Blick auf die Wand, an der einige gerahmte Fotos hängen, auch das Porträt eines Soldaten in Uniform. „Geschichte interessiert Sie?“, fragt die alte Frau. „Nur das, was ich wissen muss“, antwortet Max. „Dann werden Sie wissen, dass nicht alles vor fünfundvierzig schlecht war.“ – „Das können Sie mir später erzählen.“ – „Die Zeit muss sein, junger Mann.“ – „Frau Barnik, ich bin derjenige, der für Ihre Flucht verantwortlich ist. Ich fordere Sie auf, sofort mitzukommen!“ – „Ich werde hierbleiben. Nun sind Sie sprachlos. Ja, ich werde diesen Staat nicht verlassen, und glauben Sie nicht, dass es mir hier gefällt, das tut es ganz und gar nicht.“ – „Ich bin in der Tat überrascht. Eine zweite Chance haben Sie nicht, Frau Barnik!“ – „Ich hatte nie eine.“ – „Ich werde nicht mit Ihnen diskutieren. Zahlen Sie mir das vereinbarte Honorar, dann sind wir quitt.“ – „Hier, meine Uhr.“ – „Wir haben etwas anderes vereinbart. Sie haben ein Vermögen in Gold. Ein Teil davon gehört mir, ob es Ihnen passt oder nicht.“ – „Ich besitze kein Gold oder Silber oder sonstige Edelmetalle.“ – „Ich habe Ihren Sohn in den Westen gebracht, dafür erwarte ich den Lohn.“ – „Ich habe Sie reingelegt. Mir blieb keine andere Wahl, um Klaus zur Freiheit zu verhelfen. Nun können Sie mich ausrauben, verprügeln oder umbringen. Nichts davon traue ich Ihnen zu. Oder Sie können wenigstens meine Uhr nehmen, sie dürfte selbst im Westen nicht wertlos sein.“ – Max schreitet zur Tür, verlässt die Frau grußlos, geht hinunter, vor das Haus, Jim ist noch nicht zurück. Er geht die Straße auf und ab, ist doch tatsächlich um seine Belohnung geprellt worden – um ein Vermögen! Sollte er sich im Keller nach ihrem Gold umsehen? Das wäre der größte Unsinn. Er schlägt mit der Faust gegen einen Laternenpfahl. Da kommt der Jeep, pünktlich. Max verschwindet im nächsten Hauseingang, zieht seinen DDR-Mantel aus, und als er wieder auf der Straße ist, hebt er seinen Arm, lässt Jim vorfahren, steigt ein. „Und die Prinzessin?“, fragt Jim. – „Fahr ab!“ – „Warum?“ – „Sie will nicht.“ – „Ist es im Westen doch nicht so schön?“ – „Frag nicht.“ – „Also Feierabend.“ – „Nur weg aus der Scheiße.“
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