Die Allegorie ist eine indirekte Aussage, eine Aussage anders formuliert. Nach C.G. Jung ist eine Allegorie eine Paraphrasierung eines bewussten Inhalts, einer objektiven Erfahrung. Eine Allegorie ist demnach ausschliesslich eine Wiederholung eines tatsächlichen Geschehens. Die „Überkrustung“ ist somit das gleiche wie: […] „unter der sichtbaren Oberfläche.“
Paul Klee schuf 1933 das Werk „Lumpen gespenst“
Lumpen gespenst ist ein zusammengesetztes Wort -Lumpen und Gespenst-. Das Gespenst ist in der Regel unsichtbar oder nur schemenhaft wahrnehmbar. Lumpen und Lumperei sind verwandte Worte und bezeichnen eine Unordnung, ein Chaos. Als „Lumperei“ bezeichnete er im 66 1899:
München 1899
66 […] „Wenn mich das Leben, das ich so wenig kannte, mehr als alles andere anzog, so hielt ich das doch für eine Art Lumperei in mir. Ich schien mir charakterschwach, wenn ich der Stimme im Innersten mehr Gehör schenkte als den äusseren Geboten.“
Und was aus der „Lumperei“ wurde, im 103, Juni 1900:
103 „Oft bin ich vom Teufel besessen, mein Missgeschick auf jenem so problematischen Sexualgebiet machte mich nicht besser.“ [...]
Paul Klee „Lumpen gespenst“, 1933 Kleisterfarbe und Aquarell auf Papier auf Karton, 48x33.1 cm; Zentrum Paul Klee
Der zeitliche Abstand zwischen der Notierung 1899/1900 und dem Werk 1933 lässt das belastende Ereignis erfühlen, das aus dieser „Lumperei“ entstand. Paul Klee zeigt im „Lumpen gespenst“ durch die mit einer Kreuznaht verschlossenen Lippen an, die Folgen aus der „Lumperei“ werden sein Geheimnis bleiben.
Nicht nur das Geheimbleibende drückt er aus. Durch den mit der Kreuznaht verschlossenen Mund, verbannt er auch das Teuflische, das er durch den flammenähnlichen Oberteil der Figur und die an Behaarung mutend gestalteten Beine, unterstreicht.
Das „Lumpen gespenst“ ordnete Paul Klee der „Sonderklasse“ zu, ein selten verwendetes Prädikat. Mit „Sonderklasse“ benennt er Werke die nicht für den Handel bestimmt waren.
Vorerst wollen wir festhalten, dass es etwas geben muss, was unter der […] „sichtbaren Oberfläche“ […] ist.
Der Unterstrich als Abschluss, am unteren Bildrand ist die Bezugnahme auf das Tafelbild. Es lässt schon jetzt den Schluss zu, das „Lumpen gespenst“ ist eine Umformung, eine Nachbildung.
933 „Den Chorus mysticus erfinden, der von einigen hundert Kinderstimmen vorgetragen werden müsste. Wer das könnte, der brauchte sich nicht strebend mühen. Die vielen Werkchen führen letzten Endes dahin.“
Der „Chorus mysticus“ schliesst Goethes Faust-Dichtung ab. Er umschreibt die geistige Entwicklung, beruhend auf das Denken, Fühlen und Wollen. In ähnlicher Weise geht Goethe in seinem Märchen vor. Den Bezug Klees zu Goethe, den Märchen und zur Musik interpretieren wir in der Folge.
Goethe:
„Chorus mysticus“
„Alles Vergängliche
ist nur Gleichnis!
Das unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis,
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig – Weibliche
Zieht uns hinan!“
Die Faust-Tragödie gilt als Goethes tiefstes Bekenntnis, seine allegorische Offenbarung. Den vielen Abhandlungen über den Chorus mysticus möchte ich keine neue hinzufügen, nur kurz zusammenfassend:
Unzählige Vorgänge der Vergangenheit ähneln sich oder haben identische Ursprünge. Unzulängliches, Böses, Fehler, Mängel, Schwächen ereignen sich trotz oder wider besseres Wissen immer wieder, gar „Das Unbeschreibliche“ wird getan.
Die Besinnung, Läuterung, Reue, vielleicht gar die Busse reinigen die Seele und machen sie frei für eine gesteigerte Geistigkeit und geben eine neue Richtung zum Sehnen und Streben nach Vollkommenheit (Humanismus) vor.
„Das Ewig-Weibliche“ versteht sich als die Ewigkeit, die Vollkommenheit, (die) der Seele. Der Artikel die ist grammatisch zum Geschlecht Femininum zuzuordnen.
Bei Paul Klee müsste der Chorus mysticus von einer Schar Kinder eingeleitet werden. Die Kinder stehen ihm für Unschuld, Unverdorbenheit und Urtümlichkeit:
Das heisst, Umwege über unzulängliche und unbeschreibliche Erfahrungen, Ereignisse und Taten, welche unweigerlich zu Irritationen führen, könnten auf dem Weg zur Vollkommenheit verhindert werden. Ob „Die vielen Werkchen“, „letzten Endes dahin“ „führen“, wäre nur am gesamten Lebenswerk mit den entsprechenden Resultaten zu beurteilen und wie weit sich der Chorus mysticus bei Klee erfüllte. Sein „strebend mühen“ darf als beeindruckend anerkannt werden.
934 „Elend“
Land ohne Band neues Land,
ohne Hauch der Erinnerung
mit dem, Rauch vom fremden Herd.
Zügellos:
wo trug kein Mutter Schoss.
Zwischen 934 und 935 brach der Krieg aus.“
935 „Die grossen Tiere trauern am Tisch und sind nicht satt. Aber die kleinen listigen Fliegen klettern auf Brotbergen und wohnen in Butterstadt.“
936 „Nur eines allein ist wahr, im Ich Gewicht ein kleiner Stein.“
Hier fällt auf, wie Paul Klee mit sich selbst beschäftigt ist. In seinem eigenen Denken und Fühlen, und dies unmittelbar nach den vielen Erlebnissen und Eindrücken aus Tunesien.
Den Ausbruch des 1. Weltkrieges erwähnt er im 934 überaus oberflächlich, als ginge ihn das nichts an. Es ist erstaunlich, alles was im politischen Umfeld vorging interessierte oder prägte ihn in keiner erwähnenswerten Weise; höchstens ironisierend und er verbleibt beim Thema des 936, das ihn seit Jahren innerlich bewegt.
937 „Ein Auge welches (welch es) sieht, das andere, welches (welch es) fühlt.“
938 „Menschentier, Uhr aus Blut.“
939 „Schon von einem Kirchturm aus gesehen, nimmt sich das Treiben auf dem Platze komisch aus. Und erst von dort aus, wo ich bin ! (Satyrspiel).“
940 „Der Mond im Bahnhof: eine von vielen Lampen
Im Wald: ein Tropfen im Bart
am Berg: dass er nicht rollt!
dass ihn der Kaktus nicht spiesst!
dass ihn die Blase nicht zerreisst.
941 „Ingres soll die Ruhe geordnet haben, ich möchte über das Pathos hinaus die Bewegung ordnen. (Die neue Romantik.)“
Unter Pathos ist eine feierliche Ergriffenheit, ein von Leidenschaft bewegter Gefühlsausdruck zu verstehen.
941 „Ingres soll die Ruhe geordnet haben“ […]
Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1869) war ein Vertreter des Klassizismus, der schulbuchmässig das Wahrzunehmende naturgetreu abbildete, als Bewahrer der Tradition, mit einem leicht angedeuteten Vorgriff auf die Moderne. Ingres begann die Wirklichkeit zaghaft seinen eigenen Vorstellungen zu unterordnen. Das stand in leichter Opposition zur französischen Romantik. Klee selbst wollte ordnen, nämlich die Bewegung über das Pathos hinaus.
Im (Titel)bild tat er dies. Er übernahm Formen und Figurfragmente, setzte sie neu zu- und übereinander, verkürzte, abstrahierte und entfernte jedes Aufkommen pathetischer Gefühle.
942 „A: Grosspapa fährt Karussell auf der Pfeffermühle
B: Ein Dieb ? Schnell das Gebiss für den Hund !
C: Sie wünschen? Eine Glaskugel ! Wie gross ? Vielleicht in Vollmondgrösse !
(Gegenseitiges verstehendes Lächeln).
D: Nicht jeder soll erraten dies hier, denn wehe mir, sonst wär ich ganz verraten.“
942 ist ein lustiges Rätsel das, wie er hofft, nicht jedermann lösen kann.
„D: Nicht jeder soll erraten dies hier, denn wehe mir, sonst wär ich ganz verraten.“
Wir versuchen es. Er benennt die Verse in der Reihenfolge des Alphabets. Ob dies eine Hinführung oder eine Ablenkung ist? Wo ist der hilfreiche Tipp, sehr wahrscheinlich nicht in allen 4 Zeilen. Nehmen wir:
Читать дальше