In diesem Traum, bat er eine weise, alte Spinnenfrau um Rat. Die konnte zwar nicht, wie im Märchen Rumpelstilzchen, Stroh zu Gold spinnen, aber die Spinnenfrau wusste was zu unternehmen war und sagte zu ihm:
»Nimm einen Zweig der Weide unter der du sitzt und biege ihn zu einem heiligen Kreis. Benutze dazu eine Schnur, die auf heiligen Kräutern getrocknet wurde. Während du die Knoten in den Kreis knüpfst, sprich heilige Worte und webe nur schöne und liebevolle Gedanken in das Netz. Lasse aber eine Öffnung in der Mitte des Netzes, damit nur gute Dinge hindurch gelangen können. Hänge zusätzlich heilige Federn an den Weidenring, damit nur die Träume der guten Geister den Weg durch die Öffnung in der Mitte finden. Die bösen Geister bleiben im Netz hängen und werden im Morgenlicht verenden.«
Jonas seelische Vergangenheit tat das und bastelte diesen Dreamcatcher , den Traumfänger, aus den Zweigen der Weide, um seine Tochter zu retten.
Aus seinem seelischen Vorleben hatte er, nicht nur seine Erinnerungen, sondern auch den Respekt vor der Natur und anderen Menschen, mitgenommen.
Jonas schießt manchmal über das Ziel hinaus und holt sich Narben. Die nimmt er gerne in Kauf, als Herausforderung zu neuen Taten.
Autismus wird von verschiedenen, biochemische Prozessen verursacht, die die Art, wie sich das Gehirn entwickelt, beeinflussen.
Das Gehirn von Autisten ist anders aufgebaut, als bei nicht autistischen Menschen. Nervenimpulse gehen eher nach oben und unten - literales Denken - und weniger seitwärts, wie laterales Denken.
Computern, die wie neuronale Netze aufgebaut sind, haben gezeigt, dass diese oben-unten-Bewegung sehr gut zur Speicherung von Detailinformationen geeignet ist, aber weniger dazu taugen Unterschiede zu erkennen.
Für Jonas sind alle Menschen gleichberechtigt, wenn auch mit verschiedenen Funktionen, um das Leben auf der Erde zu bewältigen.
Mit dem Begriff Eigentum konnte er wenig anfangen. Er hatte es nie verstanden, warum seine Eltern einen Zaun, um ihren Garten, gebaut hatten. Darüber hatte er sich schon als kleiner Junge gewundert. Er hatte viel von den Vorlesungen seiner Mutter gelernt. Besonders die freche, neugierige Pippi Langstrumpf und ihr Pferd - Kleiner Onkel -, in der Villa Kunterbunt , hatte es ihm angetan.
Jonas sagte, schon als kleiner Junge, zu seiner Mutter:
Unser Haus, ist wie ein erweiterter irdische Leib. Vor wem oder was soll uns denn der Zaun beschützen? Als Menschen sind wir eh nur Zaungäste, beim Beobachten unserer Zeit .
Edith hatte darauf keine überzeugenden Antworten, die ihn hätten umstimmen können.
Sowieso, hatte Edith sich an seine Wortspiele gewöhnt. Das mochte er zu gerne. Die scheinbar gegensätzlichen, widersprüchlichen Dinge, mit Worten zusammenfügen, auf den Punkt zu bringen.
Nichtautisten erkennen eher den Zusammenhang, während Autisten auf Details achten. Autisten sind besser, wenn es um logische, weniger gut, wenn es um intuitive Probleme geht.
Aber nun zurück, zu Jonas, zu seinem Leben in der Gegenwart.
Ostern war etwas Schönes. Das erinnerte er. Ostern hatte er Geburtstag. Dass Ostern war, sah Jonas an seinem bebilderten Kalender, seinem Zeitmesser.
Seine Mutter markierte immer den jeweiligen Tag. An jenem Tag sah er die vielen bunten Eier auf dem Kalender und ein Wort stand da: April. Der rote Rahmen umschloss eine kleine Zahl: 4. Und eine große Zahl stand unten: 2015.
Wenn im April die kleine Zahl 5 vom roten Rahmen umschlossen ist, dann hatte er Geburtstag. Das wusste er. Dann gab es leckeren Apfelkuchen.
Jonas ging in die Küche. Auf dem Küchentisch fand er frisches Obst, warmen Kakao und Vollkornbrötchen, wie fast jeden Tag, das mochte er - das Regelmäßige - und genoss sichtlich sein Frühstück. Autisten mögen meistens keine Veränderungen. Das Gewohnte ist nicht so voller, neuer Eindrücke, die sie in Ihren Gedanken belasten.
Edith beschrieb ihm immer seinen Tagesablauf. Sie wollte ihm Impulse geben .
»Jonas, du kannst heute ja etwas schreiben. Ich lese deine Geschichten sehr gerne. Spiel mit deinen Worten, das machst du doch so gerne«, lobte ihn Edith.
Jonas schrieb sehr oft, weil er sich sonst nicht so gut unterhalten konnte. Nur wenn es ihm schlecht ging, konnte er sich besser mitteilen. Schon in seiner Kindheit benutze er immer gerne eine Buchstabentafel. Das bunte Alphabet war so schön symbolisch. Eine klare Struktur. Das erleichterte ihm seine Gedanken auszudrücken.
Er besaß aber auch moderne Kommunikationsmittel. Er gehörte eben zur Generation-Klick : Bloggen, Posten, Googeln, Facebook, Whatsapp, Snapchat, Instagram, Tumblr, Youtube und twittern gehörten zu seinem Alltag.
Sein Laptop, zum Beispiel, durfte er mit in die Schule mitnehmen. Das machte das Lernen leichter, dort. Das iPhone hatte er sowieso immer bei sich.
Er las auch viel in den uralten Büchern, die ihn sein Lieblings-Onkel Paul geschenkt hatte. Paul war Antiquitätenhändler. Jonas sah ihn nur selten. Sein Onkel war ständig in der Welt unterwegs, um außergewöhnliche Objekte, auf internationalen Versteigerungen zu erwerben.
Jonas kannte die alte Bibel und den Koran schon fast auswendig. Die arabischen Schriftzeichen ordnete er perfekt dem bekannten, altgriechischen Alphabet zu.
Beim Lesen der Geschichten darin, konnte er fast alles um sich herum vergessen. Sie lieferten ihm auch jede Menge an Ideen, für seine eigenen Wortkreationen, das gefiel ihm. In die Kirche ging er allerdings nicht. Die vielen fremden Menschen dort. Zu anstrengend!
Überhaupt mochte Jonas Sprüche, mit bildhaften Weisheiten. Er kannte unheimlich viele. Es erinnerte ihn an seine, früh verstorbene, Oma Else. Mit ihr machte er oft lange Spaziergänge, im Wald beim Kupferteich.
Er hatte ein besonderes Faible , eine ausgesprochene Vorliebe, für Wortspiele entwickelt. Besonders Gegensätze und Widersprüche zogen ihn magisch an. Seine Lieblingskreation war: Judas Christus .
Als seine Oma ihn mal zu seinem, manchmal eigentümlichen, Verhalten befragte, antwortete er:
Lieber eine eckige Kante, als ein rundes Nichts .
Diese Ausflüge waren immer ziemlich aufregend. Einen geheimnisvollen, alten Mann trafen sie dort oft. Der sprach immer über wundersame Dinge mit Jonas Oma. Else war danach immer richtig aufgelöst, als wenn sie schon gar nicht mehr da wäre. Ihre Weisheiten hinterließ sie in Jonas Erinnerungen.
Der alte Mann wird bei Jonas Schicksal noch eine große Rolle spielen, davon wusste er damals noch nichts.
»Zimmer«, kam es Jonas über die Lippen, satt und sichtlich zufrieden. Jonas Mutter verstand was er meinte. Jonas wird in sein Zimmer gehen.
»Na, dann mal los«, erwiderte Edith. Mit ganzen gesprochenen Sätzen tat sich Jonas, als Autist, oft sehr schwer. Sein Umgang mit Worten war lieber kurz und knapp.
In seinem Zimmer, am Tisch sitzend, sah er lange aus dem Fenster. In Gedanken versunken, kamen Jonas immer die besten Ideen. Jonas fing an zu schreiben:
Gedanken sind wie die Schneeflocken , schrieb er, … sie fallen einfach aus dem Himmel und legen sich dann übereinander hin. Viele Gedanken werden zu Schnee und wenn die Sonne kommt, schmelzen sie einfach wieder weg .
Jonas machte sich häufig Gedanken, die sehr weit gingen. Über die Vergänglichkeit und Herkunft der Menschen zum Beispiel. Besonders abends, wenn er durch sein Teleskop, den Sternenhimmel beobachtete. Das tat er regelmäßig. Seine besondere Sehfähigkeit, das Wahrnehmen des ultravioletten und infraroten Lichts, ließ den Sternenhimmel besonders deutlich strahlen.
Mal einen Schritt nach hinten machen, durch den Dunst und Nebel gucken. Hindurch, durch das eigene, angenehm gewöhnliche, einfache Betrachten der Dinge. Eben, die ganze, oft verborgene, Vielfalt beobachten. Mal von oben alles angucken, oder von ganz unten. Die Vielfalt der Ansichten, schärft die Sinne und die Wahrnehmung. Der Vorhof zum Himmel, kann die Hölle sein.
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