Die ständigen Widerstände wachsen dir über den Kopf und zehren deine Kräfte aus. Du wünschst dir nur noch, dass das alles endlich aufhört. Dennoch könntest du zu früh kapitulieren - was furchtbar traurig wäre. Sei also jetzt sehr behutsam mit dir: Wenn die Hürde im Moment zu hoch ist, dann stell dein Vorhaben erst mal ganz beiseite, brich die verfahrene Sache ruhig ab. Sobald du dann wieder etwas mehr innere Distanz hast, kannst du noch einmal von vorn beginnen und sie dabei auf völlig neue Weise anpacken. Es besteht kein Grund zur Verzweiflung!
Tiefendynamik
Diese Linie spricht von dem verheerenden Gefühl, ein Ziel verfehlt zu haben, das uns sehr am Herzen liegt. Hier müssen wir sehr genau nachspüren, denn die tiefere Ursache dieser Niederlage besteht darin, dass unsere Motivation übermäßig vom Ego verzerrt war. Es redet uns ja immer wieder ein, wir müssten einem bestimmten äußeren Bild entsprechen, um o.k. zu sein. Das Universum aber reagiert völlig gleichgültig auf solche künstlichen (Helden-)Rollen – es unterstützt uns nur, wenn wir bei uns selbst sind.

Die Jugendtorheit
Unwissenheit
Schlüsselbegriffe
Unerfahren / ahnungslos / Anfänger / Lehrling / naiv / unreif / unkultiviert / undifferenziert / kindlich / Pubertät / Jugendsünde / selbstbezogen / befangen / Hilflosigkeit / orientierungslos / ratlos / kopflos / voreilig / einfältig / begriffsstutzig / Konfusion / Verleugnung / aus Erfahrung lernen / Erziehung / Therapie / Verhältnis von Lehrer und Schüler / Belehrung / Bildung …
Das Leben stellt uns vor allem eine Aufgabe, nämlich wir selbst zu werden – was sich aber leichter anhört als es ist. Wir ahnen wohl, dass wir weitaus umfassendere Möglichkeiten haben, als wir bereits ausfüllen, und wollen deshalb dazulernen und wachsen. Der unwissende junge Tor in uns sucht zu diesem Zweck einen weisen Lehrer, der ihm den Weg zeigt. Allerdings schwankt unser unreifer innerer Lehrling noch zwischen leidenschaftlicher Ungeduld, blinder Starrköpfigkeit und einem ehrlichen Lerneifer. Er möchte schon voller Tatendrang loslegen, obwohl er gar noch nicht so weit ist, obwohl es ihm noch an Einsicht fehlt… Doch auch wenn bislang noch Ratlosigkeit und Verwirrung herrschen, kann zu unserem Trost gesagt werden, dass mit jedem Schritt und jeder neuen Erfahrung das Bild immer klarer wird.
Naturbild

Unten am Berg kommt ein Quell hervor:
Das Bild der Jugend.
So nährt der Edle durch gründliches Handeln seinen Charakter.
Nach einer langen Phase der unterirdischen Reise durch das Berginnere findet das Quellwasser endlich hinaus an die Oberfläche. Die frische, klare Quelle steht als Metapher für das jugendliche Stadium der Unerfahrenheit, aber auch für den ewig jungen Teil in uns, der sich immer wieder ins Unbekannte wagt. Der Berg wiederum verkörpert die Höhen der Weisheit und Erfahrung, die es zu erringen gibt.
Wenn das junge, lebhafte Quellwasser jetzt nach draußen sprudelt, kommt es in einer völlig fremden Umgebung an. Es strotzt vor Energie, hat aber keinerlei Orientierung. Da es jedoch in seiner Natur liegt, stetig zu fließen, überwindet es auf genau diese Weise auch seine Schwierigkeiten: nach und nach füllt es alle Abgründe, Senken und Vertiefungen aus, die sein Weiterkommen behindern, um schließlich darüber hinwegzufließen.
Genau wie der Bach in den Bergen, muss auch unser Leben seine Bahn finden. Dabei können wir die Umstände, die uns begegnen, zu unseren Lehrern machen. Dieser gründliche Lernprozess erlaubt uns nicht, eine Lektion zu überspringen, er verlangt, dass wir beharrlich alle unsere Wissenslücken ausfüllen. Unser springlebendiges, ungezähmtes inneres Kind kann seinen Weg ja nur durch die Konfrontation mit festen Grenzen finden. Schade wäre es allerdings, wenn seine Spontaneität dabei mehr als unbedingt notwendig eingeschränkt würde.
Berg und Quelle, so unterschiedlich sie sind, brauchen und bereichern einander. Das harte Gestein des Berges ist nötig, um das Wasser zu reinigen und zu energetisieren. Dafür verleiht die Quelle dem schroffen Fels eine Spur freundlicher Heiterkeit.
Genauso ist es mit alten und jungen, kompetenten und unwissenden Menschen, mit Lehrern und Schülern: sie können voneinander viel lernen. Die labile aber formbare Jugend findet beim Alter Halt und Unterstützung, das Alte kann sich durch die frischen Impulse der Jungen aufmuntern und inspirieren lassen.
Die Schule des Lebens
Die Jugendtorheit hat Gelingen.
Nicht ich suche den jungen Toren. Der junge Tor sucht mich.
Beim ersten Orakel gebe ich Auskunft.
Fragt er zwei-, dreimal, so ist das Belästigung.
Wenn er belästigt, so gebe ich keine Auskunft.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Dieses Hexagramm spricht von einem Zustand der Unreife und Unwissenheit: Wir treffen auf eine völlig neue Situation und wissen zunächst nicht, wie wir damit umgehen sollen. Das fühlt sich unsicher und gefährlich an, wir können so viele Fehler machen... Da so vieles noch im Dunkeln liegt, sind wir nicht einmal in der Lage, klar zu artikulieren, wo unser Problem eigentlich liegt. Doch solange man noch am Anfang steht, ist diese Unschlüssigkeit nicht weiter schlimm. Wir werden sie überwinden, wenn wir nur einen geeigneten Lehrer finden - und oft ist dieser Lehrer das Leben selbst.
Wir alle sind stets sowohl Lehrende wie auch Lernende, je nach dem Grad unserer Erfahrung. Dabei stehen Lehrer und Schüler in einem ganz besonderen Verhältnis zueinander. Die erste und wichtigste Regel betrifft ihre korrekte Annäherung: Es ist immer der Schüler, der sich aus eigener Initiative an den Meister wenden muss. Nur wenn er sich seine Wissensdefizite eingesteht, wird er aktiv dazulernen wollen. Diese Art von Bescheidenheit ist die Voraussetzung, dass der Schüler die Lektionen seines Lehrers respektvoll anerkennt. Für den Lehrer heißt das, dass er in aller Ruhe warten soll, bis er angesprochen wird. Nur wenn er sich nicht von sich aus anbietet und ungefragt Ratschläge verteilt, werden seine Lehren erfolgreich angenommen.
Weiterhin sollte ein guter Lehrer sich niemals autoritär oder rigide gebärden. Seine Aufgabe ist es, klare Antworten zu geben, während der Schüler diese Informationen akzeptieren soll, ohne sie weiter anzuzweifeln. Sollte der Schüler allerdings aufdringlich, misstrauisch oder gedankenlos weiterfragen, belästigt er den Lehrer. Ein weiser Lehrer wird sich daraufhin zurückziehen und den unverschämten Schüler schweigend ignorieren.
Dieses Zeichen beschreibt also die Schule des Lebens und die Aufgabe der Individuation, der Selbstwerdung. Am Ausgangspunkt steht ein unreflektiertes, noch kindliches Wesen, das kaum für die Abenteuer des Lebens gewappnet ist. Zugleich wünscht es sich aber nichts sehnlicher, als Hals über Kopf hineinzuspringen. Ob und wie dieser junge Tor seinen Platz in der Welt entdeckt, hängt auch davon ab, dass er sich seine unschuldige Sichtweise, seinen Anfängergeist, bewahren kann. Denn wer unerfahren ist, muss sich aktiv der Welt öffnen, um zu fragen und auch zu hinterfragen.
Wenn wir uns jetzt in der Situation eines solchen Frischlings befinden, sollten wir aufrichtig unsere Ratlosigkeit zugeben und bewusst nach Unterstützung suchen. Auch wenn wir im Moment nicht wirklich wissen, was wir tun, steht die Antwort bereits im Raum, wir können sie nur noch nicht sehen. Wer unentwegt über ein und derselben Frage grübelt, wirbelt nur Schlamm auf und blickt immer weniger durch. Aber selbst das ist in Ordnung: wir müssen nicht vorgeben, dass wir schon wüssten, was das alles bedeutet. Was zunächst wie ein Hindernis aussieht, will uns im Grunde lehren, bewusster zu werden und unsere Einseitigkeit zu korrigieren. Die aktuelle Verwirrung blockiert unseren Handlungsdrang, für den es einfach noch zu früh ist. Doch wenn wir uns mit dem Leben fließend fortbewegen, dann werden wir wachsen und reifen. Mit genug Ausdauer verwandeln wir uns mit der Zeit selbst von Unwissenden zu Weisen.
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