Wenn dieses Hexagramm erscheint, heißt das, dass wir gerade keine souveräne, unabhängige Stellung einnehmen - wir brauchen sie auch nicht. Unser Ego mit seinen Plänen, Absichten und Meinungen spielt im Moment nur eine unauffällige Nebenrolle. Auch wenn wir nicht verstehen, was hier eigentlich geschieht, dürfen wir uns wie eine sanfte, gefügige Stute der Führung des Schicksals anvertrauen. Wenn wir unsere Zwanghaftigkeiten und unseren Druck, unsere Vorstellungen und Urteile, unsere Befürchtungen und Ziele loslassen, können die kosmischen Impulse zu uns durchdringen: Nur ein leeres Gefäß ist frei, etwas Neues aufzunehmen …
Dabei wird uns die vielschichtige und widersprüchliche Fülle der Ereignisse zunächst wohl verwirren. Hier laufen verborgene (unbewusste) Prozesse ab, die sich unserer Kontrolle entziehen. Dennoch dürfen wir ruhig und gelassen bleiben. In dieser komplexen Situation werden uns die Zeichen der äußeren Welt wie auch Eingebungen von innen leiten. Wenn Handeln überhaupt angesagt ist, dann nur um zu tun, was sich gerade von selbst anbietet. Jegliche willkürliche Einmischung würde den organischen Prozess unterbrechen, der von selbst auf eine neue Ordnung zustrebt.
Die Metapher der vier Himmelsrichtungen zeigt uns, welchen Hilfsangeboten wir in dieser Zeit unbesorgt folgen können, und wo wir vorsichtig sein sollten: Laut der altchinesischen Symbolik versprechen uns Westen und Süden wohltuenden Beistand von Seiten wahrer Freunde, aber auch von den hilfreichen Kräften des Kosmos. Osten und Norden dagegen warnen uns, keinerlei Unterstützung anzunehmen, die an Verpflichtungen gebunden oder vom (heimlichen) Wunsch nach Kontrolle motiviert ist.
Natürliche Entwicklungen zulassen
Die materiellen Erscheinungen dieser Welt sind nichts anderes als in Form geronnenes universelles Bewusstsein. In diesen Formen werden Erfahrungen gesammelt, die es dem Kosmos ermöglichen, sich immer weiter auszudehnen, zu wachsen und sich zu entfalten. Dabei arbeitet unser wahres Selbst eng mit der kosmischen Intelligenz zusammen, die unserem Leben Führung gibt. Als Verbindungskanal dient unser Körperbewusstsein, das allerdings allzu oft von Übergriffen aus dem Verstand gestört wird. Dennoch, wenn wir nach innen schauen und horchen, werden wir unsere intuitiven Sinne entdecken, deren Begabungen und Möglichkeiten die der äußeren fünf Sinne bei weitem überschreiten.
Das kollektive Ego hält sich an den biblischen Auftrag, der Mensch solle sich „die Natur untertan machen“. Es hat uns die Überzeugung eingepflanzt, dass die Dinge nur dann gut laufen, wenn wir selbst das Ruder in die Hand nehmen. Allerdings hindert uns diese anthropozentrische Perspektive, jene hilfreichen Kräfte zu nutzen, die überall in der Natur zuhauf vorhanden sind. Die kosmische Konstruktivität wird blockiert, weil wir in unserer Arroganz glauben, wir müssten in den Lauf der Welt eingreifen und die Natur kontrollieren. Tatsächlich stören wir nur die harmonischen Wechselwirkungen im Universum. Und je mehr wir kontrollieren, desto weniger glatt funktionieren die organischen Abläufe – weder im globalen Rahmen noch in unserem ganz privaten Leben …
Die Vollkommenheit der natürlichen Prozesse wird darüber hinaus auch entstellt durch falsche Zuschreibungen, die ein falsches Bild auf die Welt projizieren. Was wir dann im Resultat beobachten, ist nicht mehr die unverfälschte Natur, sondern eine kranke Zerrform, die wir selbst geschaffen haben. Wir werden niemals im Frieden mit der Welt leben, solange wir nicht allem, was existiert, ebenso wie uns selbst mit allen unseren Anteilen Achtung und Respekt entgegenbringen.
Es wäre allerdings ein Missverständnis, zu glauben, ein offener empfänglicher Geist, der der Spur des Tao folgt, ließe alles mit sich machen: Wir müssen prüfen, wofür wir uns öffnen! Bei jeder Begebenheit im Leben stehen wir immer wieder neu vor der Wahl, woran wir uns ausrichten wollen – am Weg des kosmischen Bewusstseins oder am Weg von Ego und Konvention. Wenn wir es ernst meinen mit unserer Hinwendung zum Göttlichen, müssen wir den Heiligen Geist bei all unseren Entscheidungen um Führung bitten. Unsere Rückkehr zum Göttlichen wird dann ganz allmählich vor sich gehen, Schritt für Schritt wie bei einer Zwiebel werden die Schichten unseres Ego abgeschält. Wenn wir täglich um Beistand bitten, wächst unsere Durchlässigkeit und wir spüren immer deutlicher, wie zuverlässig das Universum uns anleitet. Mit der Zeit wird diese innere Kommunikation zu einer heilsamen alltäglichen Gewohnheit.

Ruhig sitzen, nichts tun.
Der Frühling kommt, und das Gras wächst von allein.
(Zen-Spruch)
Wandellinie 1
Tritt man auf Reif, so naht das feste Eis.
Die ersten Herbstfröste
Diese unterste Stufe natürlicher Entwicklung zeigt uns, wie es aussieht, bevor ein göttlicher Impuls die Dinge befruchtet und reifen lässt. Hier ist nichts, was ausgetragen werden könnte. Stattdessen sehen wir Anzeichen von Stagnation und Verfall, die in die Zukunft deuten: es herrschen Leere und Bewegungslosigkeit, der Winter steht ins Haus… Solche Hinweise warnen uns, dass sich die Lage wohl erst einmal weiter verschlechtern wird. Wir sollten uns besser auf die kalte Jahreszeit vorbereiten.
Lass die Dinge bedächtig auf dich wirken. So wie es jetzt aussieht, musst du deine Wünsche erstmal auf Eis legen, denn noch ist nichts Lebendiges am Wachsen. Solange sich die Dinge noch im Winterschlaf befinden, brauchst du viel Geduld. Doch das ist kein Grund zu verzweifeln. Du erkennst ganz einfach, dass es keinen Sinn macht, im jetzigen Moment einzugreifen.
Tiefendynamik
Der Reif, der dem festen Eis vorausgeht, entlarvt, wie unsere falschen Glaubenssätze mit der Zeit in starre Strukturen einfrieren. Das können wir etwa beobachten, wenn das lebendige Fließgleichgewicht unseres Körpers aus dem Takt kommt und zu chronischen Erkrankungen gerinnt, oder auch wenn sich im Lauf einer erkaltenden Beziehung zunehmend das Herz verschließt, bis sich irgendwann die eisige Überzeugung durchsetzt, dass alles Weitere sinnlos sei.
Auch Etikettierungen und Projektionen setzen so einen Erstarrungsprozess in Gang. Sie neigen dazu, Menschen in negativen Verhaltensmustern zu fixieren - vor allem, wenn man davon ausgeht, dass ihre Fehler in ihrer Natur liegen, dass sie „an der Wurzel schlecht“ sind. Wer ein solches absolutes Urteil über sich akzeptiert, programmiert sich auf Selbstzerstörung.
Wandellinie 2
Gerade, rechtwinklig, groß.
Ohne Absicht bleibt doch nichts ungefördert.
Die Dinge gedeihen auch ohne Zutun
In diesem Augenblick sollten wir uns die Natur als Vorbild nehmen: Mit größter Selbstverständlichkeit duldet sie alles, was ist und duldet es genauso, wie es ist. Sie gelangt auch ohne absichtsvollen Willen an ihr Ziel, einfach weil sie sich vorurteilslos in das Gegebene fügt.
Wir sind im Moment aufgerufen, uns ganz natürlich auf unsere Mitte zu besinnen. Wenn uns das gelingt, sind wir zur rechten Zeit am rechten Ort und können etwas Solides aufbauen. Wir spüren in uns eine Großzügigkeit und Wesensfülle, die es uns erlaubt, unsere Umgebung mit Wärme und Geborgenheit zu verwöhnen. Bei aller freundlichen Unauffälligkeit haben wir eine gesunde Grundeinstellung, die dafür sorgt, dass wir uns nie zum Opfer machen und fest in der Realität verwurzelt bleiben.
Richte dich jetzt unmittelbar nach den Erfordernissen des Moments. Es ist nicht nötig, neue Projekte in die Wege zu leiten oder dich sonstwie anzustrengen. Im Gegenteil: Weniger ist mehr! Selbst wenn du zurzeit kaum etwas Konkretes tun kannst, um deine Ziele zu erreichen, wird der Kosmos ihnen eine erfüllbare Form zuweisen. Konzentriere dich nur auf deine wesentlichen Motivationen und dann lass dich vom Fluss der Dinge mitnehmen. Der Himmel wird dir Rückmeldung geben.
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