An einem kalten Wintertag, dem 11. Januar 1225, traf er sich mit dem verbündeten Lüneburger Heer des Otto von Lüneburg in Segeberg. Vereint, und zu allem entschlossen, zogen sie nach Südosten. Es sollte die Entscheidungsschlacht werden.
Diese von den deutschen Fürsten ebenfalls herbeigesehnte Entscheidungsschlacht stand in diesen kalten Januartagen kurz bevor. Zu diesem Zweck setzen die vereinten Heere über die Elbe und zogen nach Norden. Kurz vor der Stadt Mulne schlugen sie jeweils ihr Lager auf.
Zwei gewaltige Heere trafen sich, zu allem bereit, bei Mulne .
Südlich des Werders wurde das Gelände als Acker benutzt. Hier befanden sich die Hufen der Grundbesitzer. Weiter nach Süden hin ging das Gelände dann über in eine wildwachsende Wiese ohne Baumbestand. Ganz im Süden beschnitt ein Waldgebiet das Gelände. Dort hatten sich die deutschen Fürsten niedergelassen und ihr Lager aufgeschlagen. Hier fanden sie genug Gehölz, um in der kalten Winternacht die Feuer zu unterhalten. Das dänische Heer hatte auf dem Werder, neben der unbefestigten Stadt, sein Feldlager bezogen.
Schlacht
1225 – 1227
„Trotzdem ahne ich Schlimmes für die Stadt. Es ist so ein Gefühl, welches sich nicht so einfach abstreifen lässt, auch wenn du mich mit wohlklingenden Worten zu beruhigen versuchst, Thiedardus.“
Prabislav konnte sich einfach nicht durch die Worte seines Freundes in Sicherheit fühlen, auch wenn dieser sich die größte Mühe gab.
„Deine Furcht ist unnütz. Werdago hat das Wort des Grafen Albrecht. Niemand seines Heeres wird nach der Schlacht die Stadt plündern, um Beute zu machen. Die Kosten für den Kriegszug bezahlt er aus Tributzahlungen anderer Städte und Grafschaften und aus den zu erwartenden Lösegeldzahlungen für die gefangenen Panzerreiter.“
„Ach, mein Freund, glaubst du das wirklich? Mich kannst du nicht so leicht überzeugen.
Die Ausrüstung seiner Panzerreiter kostet ein Vermögen, welches die kaiserlichen und dänischen Gefolgsleute selbst aufzubringen haben. Bedenke doch, dass es häufig in ihren Kriegen und Feldzügen gar nicht um die Eroberung von Gebieten, sondern einfach darum geht, Beute zu machen. Solche Raubzüge, in denen Städte und Dörfer verwüstet, Ernten niedergebrannt, Menschen getötet und Frauen vergewaltigt werden, kommen immer wieder vor. Es sind ganz legitime Kriegshandlungen. So finanzieren sie ihren aufwendigen Lebensstil. Wenn außerdem die Kriegsleute das Wort Beute vernehmen, verwandeln sie sich in gierige Furien. Warum sollten sie ausgerechnet vor Mulne haltmachen?“
Eine nicht zu unterdrückende Furcht war in seinem Gesicht zu lesen. Er sah zu Johannes hinüber, der dezent nickte.
„So unrecht hast du gar nicht. Die Ausrüstung ist teuer. Die Knechte und das Vieh, sowie das Futter wollen bezahlt werden. Alleine ein Pferd braucht pro Tag zehn Pfund Gras oder Heu, sowie die gleiche Menge an Futtergetreide. Wo soll das Geld denn herkommen, wenn nicht aus Beutezügen? Ich habe auch meine Befürchtungen, dass nach dem Krieg die plündernden Krieger durch unsere Häuser und Straßen ziehen, und sich gütlich tun.“
„Vergiss auch nicht“, warf Prabislaw darauf ein, „dass einige dieser einst so ehrbaren Ritter jetzt als Raubritter auch Blut geleckt haben. Heute rauben und brandschatzen sie. Solche Raubzüge, in denen ganze Landstriche verwüstet und Menschen getötet werden, gelten als rechtens. Sie sehen das als ein rechtmäßiges Mittel an, um an Geld zu kommen.“
Thiedardus lehnte sich zurück. Er verstand zwar die Furcht seiner Freunde, aber so ganz konnte er ihre Meinung nicht teilen.
„Das mag ja alles sein. Homines sumus non dei, wir sind Menschen und keine Götter. Natürlich berauben und plündern sie auch Städte und Dörfer. Vergewaltigungen gehören dazu wie der Viehraub. Eine Vergewaltigung zählt bei ihnen als Heldentat. Ich will es ja nicht bestreiten, doch ist dies hier eine andere Lage. Es geht hier nicht um einen normalen Beutezug. Nein, dies hier ist ein Eroberungszug von beiden Seiten. Die Dänen sind seit dreiundzwanzig Jahren jetzt hier die Herrscher. In den letzten Jahren ging es uns schlechter. Dies will ich nicht bestreiten. Dennoch haben sie uns nicht ausgeplündert. Wenn es ihre Absicht gewesen wäre, bräuchten sie nicht erst bis nach der Schlacht zu warten. Die Gelegenheit dazu hatten sie ausreichend in den vergangenen vielen Jahren.
Aber auch den deutschen Fürsten traue ich es nicht zu. Es geht ihnen darum, die Dänen zu vertreiben. Sie wollen Mulne und ganz Nordalbingien wieder in das deutsche Reich eingliedern. Deshalb werden sie keine Beute machen wollen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie uns nicht plündern werden. Sie werden keine Kuh schlachten, die ihnen Milch gibt.“
Thiedardus Worte hatten die Freunde wohl vernommen, alleine es fehlte ihnen der Glaube. Sie schwiegen und sahen sich um. In der hintersten Ecke des Wohnraumes saß Helene und war in ihrer Näharbeit vertieft. Sie war damit beschäftigt, eine Gugel , eine Kapuze mit angesetztem Kragen, zu nähen. Gekonnt zog sie die Nähnadel, die aus einer Schweineborste bestand, mit dem Garn durch den Stoff. An dem Gespräch beteiligte sie sich nach Frauenart nicht. Es geziemte sich schließlich nicht für Frauen, an Männergesprächen teilzunehmen.
Nach dieser kurzen Pause ergriff Johannes das Wort.
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Seit die Heere gestern angekommen sind, ist die Stimmung in der Stadt ganz anders. Die Bürger sind wie gelähmt vor Angst. Keiner geht mehr seiner Arbeit nach. Seht uns doch an. Auch wir sind früher nach Hause gegangen. Keiner traut sich mehr aus dem Haus. Mein Nachbar sagte flüsternd, dass er seine Truhe mit seinen Wertstücken vergraben hat, bevor es geplündert wird. Ich kann nur hoffen, dass die Schlacht bald kommt, und genauso schnell wieder vorbei ist. Hoffentlich verschwinden sie bald wieder.“
„Das ist mir auch aufgefallen. Eine große Furcht liegt wie eine Nebeldecke über jedem Haus. Sie erdrückt nahezu jeden. Wir können halt nur abwarten und beten. Silent leges inter arma . Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze.“ Thiedardus seufzte.
Prabislaw horchte auf, als Walter die knarrende Holztreppe herunterstieg. Zielgerichtet ging der zwölfjährige an den Männern vorbei und wollte zur Tür hinaus.
„Halt, junger Mann. Wo willst du hin?“
Walter stockte, als wenn er auf frischer Tat ertappt worden wäre. Er versuchte, entspannt zu klingen, was ihm nicht vollkommen gelang. Er belog selten seine Eltern und war daher nicht darin geübt.
„Ich … ich gehe zu Henrik. Wir sind zum Spielen verabredet.“
„Was, heute wo die Dänen praktisch durch unsere Straßen laufen?“
„Warum nicht? Wir spielen bei ihm im Garten.“
Prabislaw war nicht wohl bei dem Gedanken. Er wusste nur zu gut um das furchtlose Draufgängertum seines Sohnes. Er erinnerte sich noch daran, dass einmal Walter und Henrik mit Pfeil und Bogen geübt hatten. Vor lauter ungezügeltem Übermut hatte sich Walter mit gespreizten Beinen über einen ausgewachsenen Kürbis gestellt. Henriks Schuss ging leider knapp vorbei, und der Streifschuss an Walters rechtem Bein war sehr schmerzhaft. Die Narbe war gut sichtbar und gemahnte zur Vorsicht.
„Also gut, aber verspricht mir, dass ihr nicht zu den Dänen geht, sondern nur bei Henrik hinterm Haus bleibt.“
„Natürlich, Vater.“
Walter schlug die Tür schnell hinter sich zu und lief zu Henriks Haus, bevor sein Vater ihn zurückrufen konnte. Oft fand er die Vorsicht seines Vaters übertrieben. Darauf entgegnete sein Vater stets, dass er in seiner Kindheit genauso draufgängerisch gewesen sei. Walter konnte dies nicht glauben angesichts der übertriebenen Vorsicht, die sein Vater in allen Lebenslagen walten ließ. Hatte er sich so verändert?
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