Wenn jetzt Sommer wäre, würde alles viel einfacher sein. Die Pferde und Ochsen könnten hier vor Ort Gras fressen. So bräuchte es nicht unter erschwerten Bedingungen alles hierher transportiert zu werden. Aber die Herren Fürsten sind ja der Meinung, dass wir uns ausgerechnet im kalten Winter schlagen müssen. Hätten sie damit nicht bis zum Frühjahr warten können?“
Gram grinste. Die beiden Jungen dagegen wussten nicht, was sie darauf antworten sollten. Sie wandten sich von den Tieren ab und gingen durch die Reihen des Fußvolkes. Sie sahen verschiedene Waffen. Auf eine, die er noch nicht kannte, zeigte Walter.
„Was ist denn das für eine Waffe? Die habe ich noch nie gesehen.“
„Das ist eine Armbrust, eine ganz neue Waffe. Der Pfeil hat eine höhere Durchschlagskraft als bei einem gespannten Bogen. Eine durchaus gefährliche Waffe. Sie schießt auch noch präziser, als der Bogen.“
„Und was ist das da? Die kenne ich auch noch nicht.“
Walter zeigte auf einen langen Speer. Dieser endete zwar in einer Spitze. Aber das Gefährliche an dieser Waffe war die kurz vor dem Ende aufgesetzte Streitaxt.
„Das, mein Junge, ist eine Hellebarte. Sie reißt auch große Wunden.“
Gram zeigte den Jungen auch noch die anderen verschiedenen Waffen, womit das Herr ausgerüstet war. Darunter befanden sich der Langbogen, die Streitaxt, der Streithammer und der Turnierkolben, mit denen die Ritter auf die Angreifer vom hohen Ross herab schlugen.
Die Jungen waren so fasziniert, dass ihre Fragen endlos schienen.
„Habt ihr keine Belagerungsmaschinen?“
Gram hatte sich an die vielen neugierigen Fragen gewöhnt, sodass er nicht mehr laut auflachte. Dennoch konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er zeigt auf das nahe gelegene Mulne, welches schutzlos dalag. Unter der kalten diesigen Januarluft sahen die Häuser klein, trostlos und erbärmlich aus.
„Siehst du hier etwa eine uneinnehmbare Festung? Wir benötigen die Wurfmaschinen, den Rammbock, die Steinschleuder oder die Mange doch nur, wenn wir gegen eine Feste ziehen. Hier ist dies alles unnütz. Dies hier – das wussten wir von Anfang an – wird eine Feldschlacht werden. Morgen wird es auf die Reiterei ankommen.“
Die Frage war Walter draufhin peinlich gewesen, doch Gram winkte ab.
Die Jungen hatten Kriegsluft gewittert. Das Gesehene sollte die beiden nicht wieder loslassen. Erschrocken stellten sie fest, dass dieser Januartag sich dem Ende neigte und das trübe Tageslicht an diesem diesigem Tag bald vollends verschwinden würde.
Sie bedankten sich bei Gram für die Führung durch das Lager.
„Ich wünsche dir viel Glück morgen.“
„Danke, mein Junge. Wir werden uns wiedersehen, das weiß ich. Aber jetzt lauft zurück.“
Walter und Henrik kehrten zurück. Henriks Eltern hatten ihren Sohn noch nicht vermisst.
Als Walter sein Elternhaus betrat, tat er so unbefangen, als wenn nichts Besonderes gewesen wäre. Des Vaters Freunde saßen immer noch da und bliesen Trübsal. Walter verstand die Erwachsenen nicht. Seit die Schlacht bevorstand, hatten sie sich alle vor Furcht in ihren Häusern verkrochen. Waren Erwachsene denn alle so feige? Sie sollten froh sein, dass endlich mal in Mulne etwas Aufregendes geschah. Für ihn war es ein riesiges Abenteuer. Er freute sich schon auf den nächsten Tag des Krieges. Er würde Ritter gegen Ritter kämpfen sehen. Schwerter würden stundenlang erbarmungslos auf andere Schwerter einschlagen. Er hörte jetzt schon das Kampfgetümmel in seinen Ohren branden. Mit Gedanken an Gram und die Vorfreude auf die Schlacht wurde er müde.
Doch dieser Krieg würde nicht ohne ihn stattfinden. Das nahm er sich vor.
Das größte Abenteuer seines Lebens wartete auf ihn.
Die Dunkelheit hatte noch alles eingehüllt, und die Bürger der Stadt schliefen noch, als die Dänen ihr Lager verließen und aufbrachen. Leichter Nebel hatte weithin das Land überzogen. Er lag bedrückend auf dem trüben Wasser. Neuschnee war keiner gefallen. Eine dünne festgefrorene Schneekruste lag allenthalben. Die Kulisse der bevorstehenden Schlacht wirkte kahl, ungemütlich und nasskalt. Dieser trübe Tag war wie zum Sterben geschaffen.
Die Dänen und Lüneburger stiegen den Hügel südlich des Werders herauf und nahmen Aufstellung. Langsam trat die Dämmerung ein, sodass die Gefechtsaufstellung auf diesem Gelände geordnet ausgeführt werden konnte.
Auf der linken Seite stellte sich Otto von Lüneburg mit seinem Kontingent von tausend Mann auf. Fünfhundert Panzerreiter davon standen hinter ihm. Diese Kontingente wurden Banner genannt. Der Befehlshaber des in Abteilungen von jeweils fünfundzwanzig Panzerreitern unterteilten Banners führte selber eine Fahne gleichen Namens, welche hochrechteckig war. Der Befehlshaber selbst wurde Bannerherr gerufen und war direkt dem Herzog Otto unterstellt. Dazu gab es noch einige adelige Panzerreiter, die sich keinem Banner und somit keinem Bannerherrn unterwerfen wollten. Dies ließ ihre Ehre und ihr Ego nicht zu. Sie waren direkt dem Herzog unterstellt. Somit führten sie an ihrer Lanze ein eigenes dreieckiges Feldzeichen, auf dem ihr adeliges Wappen abgebildet war. Hinter den Reitern hatten sich wenige Bogenschützen positioniert. Zum Schluss stand das Fußvolk bereit. Auch dieses wurde von einer Fahne angeführt. Der Fahnenträger, der signifer genannt wurde, war gleichzeitig auch der Befehlshaber des Fußvolkes. Auch er nahm seine Befehle direkt vom Herzog Otto entgegen.
Rechts daneben standen die dänischen Truppen unter Graf Albrecht bereit. Sie waren taktisch genauso wie das Lüneburger Herr aufgestellt. Er hatte aber mehr Panzerreiter und Fußvolk zur Verfügung, sodass die lüneburgisch-dänische Seite über insgesamt viertausendsiebenhundert kampferfahrene Männer verfügte, die bereit waren, ihr Leben für ihren Grafen und König zu geben. Unter den Fußtruppen stand Gram bereit. Ruhig wartete er darauf, dass die Schlacht eröffnet wurde und er zeigen konnte, welche Bärenkräfte in ihm steckten. Unbarmherzig würde sein Schwert für die Ehre seines Grafen Albrecht in den Feind hineinfahren. Und er würde alles daransetzen, dass sein gefangener König Waldemar und dessen Sohn wieder befreit würden. Für seinen König und sein dänische Reich würde er selbstverständlich bis in den Tod kämpfen.
Die Späher Graf Albrechts meldeten dem Grafen, dass die deutschen Fürsten ebenfalls kampfbereit waren. Von Mulne aus gesehen, hatte Gebhard von Bremen sich ganz rechts aufgestellt. Sein Kontingent bestand fast nur aus dem Fußvolk. Nur sechzig Panzerreiter waren ihm unterstellt. Neben ihm stand Graf Adolf IV. von Schauenburg, zu allem entschlossen. Er war bereit, alles zu wagen, damit er wieder in den Besitz der nordalbingischen Ländereien gelangen würde, die die Dänen seinem Vater geraubt hatten.
Heinrich von Schwerin stand mit seinen Bannern daneben. Voller Selbstsicherheit wartete er auf den Beginn der Schlacht. Diese Selbstsicherheit resultierte daraus, dass selbst bei einer militärischen Niederlage er immer noch einen Trumpf im Ärmel hätte, der eine Niederlage in einen Sieg umwandeln könnte. Der König und sein Sohn befanden sich immer noch in seinem Gewahrsam, und nur er wusste wo sie sich aufhielten. Das war sein großer Trumpf.
Ganz links wartete Borwin II. von Mecklenburg. Er wusste, dass er es mit den Lüneburgern zu tun haben würde. Aber dies ängstigte ihn nicht. Er war sich sicher, dass die zahlenmäßige Überlegenheit am Ende einen deutlichen deutschen Sieg erbringen würde. Insgesamt standen der Allianz fünftausendzweihundert Männer zur Verfügung. Davon alleine zweitausendachthundert Panzerreiter. Somit würden nahezu zehntausend bewaffnete Männer, teilweise beritten, aufeinander stoßen. Eine friedliche Lösung war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr abzusehen.
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