Nein! Es war genug!
»Heute stirbt keiner!«, beschloss er. »Wex, gibt ihm dein Blut. Luro, hilf mir, die Wunde abzubinden.«
Luro machte sich sofort daran, Stücke aus seinem Umhang zu reißen.
Wexmell hingegen lehnte sich über den inzwischen leblos daliegenden Allahad, der auf dem besten Weg war, diese Welt zu verlassen.
»Seine Gedärme fallen ihm aus dem Bauch, Derius«, redete Wexmell leise auf ihn ein, sodass Luro ihn nicht hören konnte. »Blut wird ihm nicht mehr helfen.«
»Es wird ihm am Leben halten, bis wir hier draußen sind.«
»Und wie sollen wir ihn rausbekommen?«
Irgendwie mussten sie es schaffen.
Wexmell forschte lange in Desiderius‘ Blick, bis er begriff, dass dieser es ernst meinte. Er lächelte liebevoll, legte Desiderius eine Hand in den Nacken und zog ihn zu einem sanften, unschuldigen Kuss heran. Der Prinz schmeckte nach herben Männerschweiß und Kampfdreck; köstlich. An Desiderius‘ Mund flüsterte Wexmell mit warmer Stimme: »Deine Entscheidung macht mich froh, aber hab nicht zu viel Hoffnung, es steht nicht gut um ihn.«
Vermutlich würde er nicht einmal überleben, bis sie nach oben kamen, um die Wunde zu versorgen und ihm Heilkräuter einzuflößen.
Oh, wie sehr sie jetzt Ruhna gebraucht hätten. Die Hexe hatte mit ihren Kräutern immer Wunder bewirkt.
»Gehen wir, bringen wir ihn hier raus«, trieb Desiderius sie zur Eile.
Sie banden dunklen Stoff, gerissen aus ihren Umhängen, um Allahads Leib, versuchten so, die Organe im Körper zu behalten. Wexmell gab Allahad sein Blut, Luro hielt dabei den Kopf des Schurken fest, der nur widerwillig schluckte.
Nachdem Desiderius die silberne Maske eingesteckt und das Drachenflügelschwert und den Hexenstab auf seinem Rücken befestigt hatte, schob er die Arme unter Allahads schlaffen Körper, versuchte nicht daran zu denken, wie blass der Schurke mit jedem verstreichenden Augenblick wurde, und hob ihn auf seine Arme. Sie verließen die Kammer.
Sie durften ihn nicht verlieren, sie hatten schon so viele verloren, deren Verlust noch nicht gänzlich überwunden war. Ihre Familien, den König. Silva … oh, seine süße kleine Schwester. Ruhna. Nebuhr. Niegal, letztlich auch Bellzazar.
Mehr Verlust ertrugen sie nicht, Desiderius jedenfalls nicht. Sein Herz krampfte sich zusammen, je kälter Allahads Körper in seinen Armen wurde.
Schneller. Er lief immer schneller durch die Gänge. Blind, weil Wexmells Fackel nicht hinterherkam.
Der erste enge Pass kam. Desiderius würde, wenn nötig, den Drachen rauslassen und alles zum Einstürzen bringen, um nach oben zu kommen; mit Allahad.
Es schien unglaublich, was sie vollbrachten. Hinterher wussten sie selbst nicht, wie sie es geschafften hatten, Allahad durch die Engpässe zu bugsieren. Sie zerrten ihn durch jede enge Stelle, durch jedes Loch, wie eine leblose Puppe. Das Blut aus der Wunde sickerte ungehalten in den umgebundenen Stoff, mehr Wunden kamen hinzu, Schnittwunden von scharfen Felskanten, Prellungen und blaue Flecke von grober Behandlung.
Egal, alles war vollkommen egal, sie konnten nicht sanft sein, nicht, wenn sie ihn hinausbringen wollten.
Und dann, gefühlte hundert Tage später, stolperte Desiderius hinaus unter freien Himmel. Die Tagesdämmerung machte den Himmel grau, kühler Wind ließ ihn frösteln, verwesende Untote, aufgeschlitzt, lagen zu einem Haufen neben einem Lager.
Karrah quickte fröhlich, Glut spendete Wärme, Zasch und Mitja kamen ihm entgegen.
Mit Allahad in den Armen, brach er erschöpft auf die Knie, ließ den Verletzten zu Boden gleiten, auf Mitjas ausgebreitete Decke neben dem Lagerfeuer.
»Was geschehen?«, fragte sie traurig.
Desiderius schüttelte nur den Kopf.
»Er ist verloren«, glaubte Zasch, als Mitja die Verbände abnahm. Sie zischte, als hätte sie sich verbrannt.
»Wir retten ihn«, beharrte Desiderius. Er würde Allahads Tod nicht hinnehmen.
Luro und Wexmell warfen ihre Fackeln ins Feuer, dann waren sie auch schon wieder an Allahads Seite.
»Leg mehr Holz auf das Feuer, Zasch!«, trug Desiderius ihm auf. »Luro, besorg sauberes Wasser, mach es heiß. Wexmell, such irgendetwas, das als Nadel und Faden verwendet werden könnte …«
»Ruhnas Tasche!«, sagte Zasch sich erinnernd. »Wir haben sie doch mitgenommen! Sie hatte immer Nadeln und magische Fäden, die sich von selbst auflösen, auch Verbände …«
Desiderius hörte ihm gar nicht mehr zu, er durchwühlte bereits ihre Vorräte. Luro war schon auf Wassersuche, das nicht stank wie das Moor um sie herum, Zasch legte Feuerholz auf und Mitja und Wexmell schnitten Allahads Rüstung auf und legten die Wunde frei.
Wexmell schüttelte den Kopf. »Das überlebt er nicht!«
Desiderius fand tatsächliche eine kleine lederne Tasche, darin befanden sich nicht nur Verbände, Nähzeug und einige Kräutersäckchen, er fand auch ein Buch, dem er vorerst keine Beachtung schenkte.
Mitja gab einen tiefen Seufzer von sich: »Blut zu viel. Er bald tot.«
Desiderius schob sie zur Seite, kniete sich neben Allahads Körper. »Wir müssen nur die Wunde nähen.«
»Er hat auch innere Verletzungen«, warf Wexmell ein.
»Auch die werde ich nähen«, beschloss Desiderius, er machte die Nadel in einer Flamme heiß, dann zog er den magischen Faden hindurch und beugte sich über die Wunde. Seine Hände färbten sich mit hellem Blut ein, als er sie in Allahad schob und in ihm wühlte. Ihm wurde schlecht, als die langen Schlangen glitschig durch seine Finger glitten, ein unangenehmer Geruch ging von der Wunde aus.
Ein Stöhnen kam von dem Verletzten, als fremde Hände in ihn fuhren, doch er erwachte nicht.
Wexmell schüttelte wirr denn Kopf und blinzelte. »Weißt du, was du tust?«
Desiderius sah ihn nicht an, als er antwortete: »Ich habe das schon einmal gemacht.«
Jedoch war die Wunde damals weniger schlimm gewesen, nicht so tief.
Desiderius fand die inneren Wunden und begann hochkonzentriert, zu nähen, Mitja und Wexmell halfen, indem sie ihm durch Weghalten von Haut und Muskeln eine freie Sicht schenkten.
»Tatsächlich?«, fragte Wexmell verwundert. »Bei wem?«
Lange ließ sich Desiderius für die Antwort Zeit. Er wollte erst gar nichts erwidern, weil es ihm unwichtig schien. Aber wenn es nicht mehr wichtig war, konnte er es auch genauso gut sagen. Also gestand er, ohne aufzublicken, schlicht und trocken: »Bei Rahff.«
Wexmell sagte nichts dazu, doch sein verwunderter Blick lag lange auf Desiderius‘ konzentriertem Gesicht.
Es hätte ihnen allen viel Leid erspart, hätte er Rahff damals nicht gerettet, aber es war nicht mehr zu ändern. Damals, als er in seiner Verzweiflung nach Nadel und Faden gegriffen hatte, um jemanden zu retten, den er liebte, waren er und Rahff beide noch andere Männer gewesen.
Es war nicht mehr wichtig.
Allahad war wichtig. Allahad, der ihm, nachdem Rahff ihn so enttäuscht hatte, mehr Trost gespendet hatte, als Desiderius je zugegeben hätte.
Luro kam, kochte Wasser über dem Feuer, kochte den Stoff aus, der sich Stunde über Stunde mit Blut vollsaugte und gewechselt werden musste.
Desiderius lief der Schweiß über das Gesicht, glänzte auf seinen Lippen, während er hochkonzentriert Allahad nähte. Stück für Stück, jede noch so kleinste Wunde, nicht wissend, ob er ihm damit half oder nicht.
Ein Mensch wäre längst gestorben, aber Allahad war zur Hälfte Luzianer, sein Körper war robust, er hielt lange durch, heilte schneller.
Immer wieder gab Wexmell ihm sein Blut, bis der Prinz umzukippen drohte und Desiderius beschloss, dass Wexmell sich hinlegen sollte.
Der Prinz hörte nicht auf ihn, sah jedoch ein, dass es das Beste war, wenn ein anderer als Blutspender herhielt. Luro sprang mit Freuden für Wexmell ein.
Und schließlich, als der Abend hereinbrach, gewann Allahad an Farbe. Wurde heiß, litt unter Fieber, aber er lebte.
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