Desiderius verstand gar nichts. »Und was willst du von mir? Wieso bin ich hier?«
»Sie lügen, deine Götter, das musst du wissen.« Der Drache kehrte zum Sarg zurück, setzte sich erneut wie ein wachender Hund dahinter. »Ich habe viele Jahrtausende darauf gewartet, dich zu treffen.«
»Du wusstest, dass ich kommen würde?«, fragte Desiderius mit gerunzelter Stirn. Er wäre ja schon längst gegangen, hätte er den Ausweg gekannt.
»Gewiss doch.«
»Und was soll ich nun hier?«
Ein weiteres grollendes Lachen stieg in der Kehle des Drachen auf. »Du sollst dir nur anhören, was ich dir zusagen haben, dann sollst du gehen.«
Eigentlich stand ihm wenig der Sinn danach, sich Dinge anzuhören, die ihn nur wieder nicht schlafen ließen. Auf der Seereise hatte er so viele Monate den Frieden genossen, obwohl ihre Zukunft unsicher war. Er hatte sich in Wexmells Lachen verloren, in seiner Liebe, seiner Wärme, seinem Fleisch, und er hatte sich durch dessen Frohsinn anstecken lassen. Er wollte nicht, dass diese Zeit endet. Er wollte nicht als grübelnder Schatten zu Wexmell zurückkehren. Nein, er wollte die Welt noch ein Weilchen von sich schieben und sich erst dann wieder mit Problemen befassen, wenn sie entschlossen, nach Nohva zurückzukehren, um es zurück zu erobern.
Doch Wexmell und die anderen waren in diesem Augenblick in Gefahr, er konnte es auf seiner Haut spüren, die Sorge um seine Gefährten verbrannte ihn überall.
Also nickte er dem Drachen auffordernd zu, um schnell zurückzukehren.
Zufrieden begann der Drache sogleich: »Du kennst bereits das Schicksal, das die Götter für dich vorgesehen haben – für alle Blutdrachen. Ihre Zeit neigt sich dem Ende zu und sie setzten all ihr Vertrauen in ihre Prophezeiungen. Jedoch sehe ich bei dir mehr als einen Weg, mehr als ein Schicksal.«
Neugierig geworden trat Desiderius wieder ein Stück näher. »Was meinst du?« Es ging nicht um ihn, nicht um sein Schicksal, und doch war er neugierig, wenn es um Blutdrachen ging. Sie waren in gewisser Weise auch seine Familie.
»Es kommt ganz darauf an, wen du retten willst.« Der Drache lachte wieder düster. »Verlängere das Zeitalter der Götter, oder leite das Zeitalter der Finsternis ein.«
»Mehr Wege gibt es nicht?« Gab es nur Gut und Böse? »Existiert wirklich nur Licht oder Dunkelheit?« Er wollte das nicht glauben.
»Gewiss nicht. Und Dunkelheit ist in deiner Welt nicht unbedingt böse, ebenso wenig wie Licht immer etwas Gutes ist.
Hatte die Irrlichtmutter nicht auch Licht in der Dunkelheit? Und ranntet ihr nicht alle in die finstere Höhle, um Schutz vor ihr zu suchen?
Was ist schon Licht oder Finsternis, ohne jene, die es sehen oder fürchten? Wer bestimmt, was Gut und was Böse ist? Nicht ich, nicht du. Der Betrachter bestimmt, was er von der Welt hält, in die er reingeboren wird. Der Handelnde bestimmt seinen Weg, bestimmt sein Schicksal, entscheidet, ob er dem Licht oder dem Schatten folgt, entscheidet für sich allein, was gut für ihn ist.«
Desiderius zerbarst fast der Schädel. Je mehr Antworten er erhielt, je mehr Fragen warfen diese auf.
»Es gibt noch mehr Wege«, gestand der Drache schließlich. »Du könntest das Zeitalter der Drachenherrscher einleiten.«
Plötzlich hatte Desiderius das Gefühl, manipuliert zu werden. Er sah den Drachen mit geklärtem Blick an: »Dein Zeitalter! Du willst herrschen über meine Welt?«
»Aber nein. Ich bin kein Drachenherrscher, ich bin ein Drache. Oder war es zumindest.«
Verwirrter denn je, schüttelte Desiderius den Kopf. »Was sind Drachenherrscher?«
»Alle, die mit Drachenfähigkeiten herrschen. Sterbliche wie du, die sich verwandeln können. Sterbliche, die unsere Sprache flüstern oder die Drachen beherrschen können. Sterbliche, deren Haut unsere Schuppen tragen. Sterbliche, die Feuer-, Eis- oder Geistatem speien können. Sterbliche, die durch verirrte Magie irgendwie mit uns verbunden wurden.«
»Und was geschähe dann mit unserer Welt?«
»Sie bleibe, wie sie wäre; gefüllt mit Sterblichkeit.«
»Und die Götter?«
»Die Erinnerung bleibt, jedoch ohne Einfluss. Sterbliche werden immer Götter anbeten, aber sie wären nicht länger erreichbar. Das Zeitalter der Sterblichen würde beginnen. Nur der, den du Schöpfer nennst, bleibt auf ewig.«
Desiderius musste sich setzen. An Ermangelung von Möglichkeiten, lehnte er sich auf den offenen Sarg. Seine Hand spielte mit dem Amulett um seinem Hals, als er nachdenklich fragte: »Und wenn ich mich für die Götter entscheide?«
Er fragte nicht für sich, ihm war bewusst, dass er nicht zu jenen gehörte, die über die Gabe verfügten, dass Geschehen der Welt lenken zu können; die Zukunft zu bestimmen. Aber wen auch immer der Drache erwartet hatte, dieser Mann, dieser Erste, hatte Macht, und welche Macht genau, wollte Desiderius erfahren.
»Wird alles Böse vernichtet«, antwortete der Drache.
Desiderius sah auf. »Das ist doch gut!«
»Alles, was deine Götter für böse halten«, warf der Drache ein. »Darunter auch Menschen, Luzianer, Elkanasai. All jene, die nicht genug gebetet, nicht fromm genug gelebt hatten. Du, und deine Freunde, die Blut vergossen haben.«
Desiderius starrte vor sich hin und murmelte: »Ist das der Dank dafür, wenn ich den Göttern helfe? Sie töten mich und alle, die mir treu folgen?«
»Den Tod sehen sie als Segen, um die Seelen zu reinigen.«
»Und wenn ich gar nichts tue?« Denn ob der, den der Drache erwartete, kommen würde, wagte Desiderius doch stark zu bezweifeln.
»Dann kommt der Tag der Veränderung, der Umwandlung«, antwortete der Drache mit seltsam ruhiger Stimme, obwohl er vom Untergang sprach. »So wie es in den Aufzeichnungen deines Volkes prophezeit steht, wird der Himmel fallen und die Unterwelt wird sich emporheben. Götter werden zu Dämonen und Dämonen zu Göttern, das Leben der Sterblichen wird ausgelöscht und Neues wird geformt, wie bei jedem Zyklus, wenn ihn keiner durchbricht.«
Desiderius konnte förmlich spüren, wie er kalkweiß wurde. Er musste sich fast übergeben, angesichts der Dinge, die zu groß, zu mächtig schienen, um der Wahrheit zu entsprechen.
Vielleicht stand er wieder vor einem Dämon der Angst, und der Drache war nur ein Gebilde, das nicht existierte. Und doch spürte er, dass vor ihm kein Dämon saß. Die Aura war nicht bedrohlich.
»Und welcher Weg ist der richtige?«
»Es gibt keinen richtigen und keinen falschen Weg, Schicksalshüter«, korrigierte der Drache und lachte wieder über ihn. »Es gibt nur Ansichten.«
Genau das sagte er doch selbst immer …
»Es kommt nur darauf an, an was du glaubst.« Der Drache bewegte eine Klaue über den Boden, ohne ein Geräusch zu verursachen, dann legte er sich nieder. »Wie ich bereits sagte: es kommt darauf an, wen du retten willst. Deine Freunde? Deinen Bruder? Oder wirst du dich selbst retten?«
Desiderius schüttelte den Kopf. »Es steht außer Frage, dass ich darüber keine Entscheidung fällen kann. « Er würde alle retten wollen, stünde er tatsächlich vor solch einer Entscheidung. Er war froh, dass der Drache ihn lediglich verwechselte. Er war froh, ein im Grunde unbedeutender Bastard zu sein. Ein halbgöttlicher Bastard, aber denn noch nur ein Bastard. Die Magie in ihm brachte ihm nur geringfügig Vorteile, meistens eher Nachteile, wenn man bedachte, dass er die Verwandlungen schlecht kontrollieren konnte, und er seine Gefährten oft in Gefahr brachte. Vor allem nachts, bei einem Alptraum, wenn er gerade noch rechtzeitig hochschreckte, bevor der Drache aus ihm herausbrechen konnte und nicht nur das Schiff zerbersten würde, sondern auch Wexmell, der neben ihm schlief.
»Eines Tages wirst du dich entscheiden müssen, denn eines steht festgeschrieben: du wirst euch nicht alle retten können. Entweder – oder!
Читать дальше