Brathen ging neben ihm in die Hocke, faltete die Hände, als wäre Bellzazar ein kleiner Junge, den es zu überreden galt. Die Blechrüstung klapperte und knarrte bei jeder noch so kleinsten Bewegung.
Schmunzelnd erklärte Brathen: »Ich bin hier, um dir etwas zu zeigen, Gefallener.«
Als er die Hand fordernd ausstreckte, war Bellzazar danach, hineinzuspucken. Bedrohlich knurrte er: »Verschwinde! Ich habe einen Stab mit einer Klinge, die dich sofort töten kann.«
Brathen lachte in sich hinein. Einen Momentlang schien es so, als ob er wieder in den Schatten verschwinden würde. Doch dann packte er zu und schloss die Hand um Bellzazars Handgelenk.
Die Abfolge der Bilder in seinem Kopf, die Stimmen, die Visionen, waren purer Schmerz, der alles ausmerzte, alles erstickte, dass auch nur einer anderen Empfindung als Pein gleichkam.
Leid. Solch unendliches Leid.
Bellzazar schrie, krümmte sich. Sein lautgewordener Schmerz ließ seine Kameraden herumwirbeln, doch helfen konnten sie ihm nicht, zu sehr waren sie damit beschäftigt, den Hieben der Steinschwerter auszuweichen. Verdammt dazu, solange zu kämpfen, bis ihnen die Kräfte ausgingen.
Kein Entrinnen, für keinen von ihnen.
Flüsternd legten sich Brathens Lippen an Bellzazars Ohr: »Du kannst es nicht aufhalten, niemand wird es aufhalten.«
***
Seine Gedanken überschlugen sich. Was war hier los? Keine Zeit, um nach Antworten zu suchen, keine Zeit, um sich ablenken zu lassen.
Der Dämon schrie, ein anderes Wesen, für Luro nur ein dunkler Schatten, saß bei ihm.
Luro versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken, was sie jetzt tun sollten.
Ausweichen. Parieren. Nicht wieder gegen steinerne Schilde rennen. Ausatmen. Ruhig bleiben. Kräfte sparen.
Eingesperrt. Sie waren eingesperrt mit diesen Dingern, die unermüdlich nach ihnen schlugen. Die steinernen Waffen zu lang und zu groß, hielten Luro und seine Kameraden auf Abstand. Sie kamen nicht einmal in die Reichweite der Körper. Nicht, dass Luro glaubte, dass es ihnen viel genützt hätte.
Metall gegen Stein, ihre Schwerter verursachten nur Funken, keinen Schaden.
Verdammt! Sie waren in ihren Tod gelaufen.
In einem Halbkreis um den Sarg herumstehend, wurden sie immer enger zusammengedrängt, Luro in der Mitte, der Prinz und Allahad zu seinen Seiten, mit erhobenen Klingen, die stumpf wurden, je öfter sie gegen den festen Stein schlugen.
Sieben Statuen engten sie ein, jeder Schritt ein Beben. Langsam waren sie, es war ein Leichtes, ihnen auszuweichen. Jedoch würden die Statuen niemals müde werden, niemals erschöpft sein, ganz im Gegensatz zu Luro und seinen Freunden. Schon jetzt lief ihnen der Schweiß die Gesichter hinab, rote Wangen vor Anstrengung, keuchender Atem, zitternde und ermüdete Gliedmaßen.
Nun, wenigstens würde er Nebuhr wiedersehen.
Drei Statuen sahen es auf Luro ab, zwei auf den Prinzen, die anderen zwei auf Allahad. Beide, sowohl Prinz als auch Schurke, versuchten, die dritte Statue auf sich aufmerksam zu machen, sie wollten Luro nicht gegen drei kämpfen lassen, jeder würde den größeren Kampf auf sich nehmen, um seine Freunde zu retten.
Kameradschaft! Etwas, das diese Wesen nicht hatten. Sie waren nur Stein, durch Magie bewegter Stein, aber dennoch nur Stein. Kein Herz, kein Mut.
Drei Schwerter holten aus, drei Schwerter schlugen nach Luro, jedes übertraf seine Körpergröße an Länge. Überkreuzt sausten sie auf ihn hinab, sodass er nicht einfach nach links oder rechts ausweichen konnte um ihnen zu entgehen. Er nutzte die Spalte nach vorne.
Auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Genialität balancierend, rollte er sich über den Boden und zwischen den Beinen der mittig stehenden Statue hinweg.
Hinter den Statuen herauskommend, sprang er mit seiner ihm eigenen Leichtfüßigkeit auf die Beine und stach mit dem Schwert zu.
Seine schmale Klinge bohrte sich bis zur Hälfte in einen Riss des Rückens der Statue. Es schien sie nicht sonderlich zu stören, nicht einmal ein Stöhnen oder ein Zucken kam von ihr.
Verdammt!
Luro wollte das Schwert herausziehen, doch es steckte fest.
Die anderen Statuen hatten sich bereits umgedreht, beide schlugen nach ihm; eine mit dem Schwert, die andere mit dem Schild.
»Luro!«, schrie Allahad. Er kämpfte selbst, wurde von einem Schild getroffen, das er übersah, weil er auf Luro geachtet hatte. Mit einer Wucht, die unwirklich schien, wurde er vier Schrittlängen durch den Raum geschleudert und prallte mit einem dumpfen Laut gegen eine Wand.
Luro konnte ihm nicht helfen, er selbst saß in der Klemme, und ihr Prinz wurde in eine Ecke gedrängt, er kämpfte wie ein Löwe, jedoch vergeblich.
Das Schwert sauste herab und Luro konnte gerade noch rechtzeitig zurückspringen. Ungläubig sah er, wie Stein auf Metall traf und sein Schwert zerbrach, sodass die eine Hälfte im Stein stecken blieb und die andere klappernd zu Boden ging.
Vorbei, ging es ihm durch den Kopf. Es war vorbei, jetzt hatte er ja nicht einmal mehr eine Waffe.
Das Schild raste auf ihn zu, er ließ sich nach hinten fallen, sodass es über ihn hinweg sauste, jedoch schlug er sich den Kopf auf dem harten Boden auf, sofort floss Blut warm und langsam in seinen Nacken.
Und dann war es soweit, eine der Statuen war nahe genug, hob das Schwert quälend langsam über den Kopf um auszuholen …
Stöhnend gelang es Luro, seinen Ellenbogen zu nutzen, um seinen Körper über den Boden zu ziehen. Seine Sicht verschwamm, ihm wurde übel vor Schmerz, in seinem Kopf pochte es.
Die Statue schlug zu.
Absurderweise konnte er in diesem Moment deutlich ihre unbewegte Miene wahrnehmen. Die gelangweilten Augen, der grimmig geformte Schwung des Mundes, die Hakennase, die zu dünn war, um ins Bild zu passen … Klirr.
Im ersten Moment verstand Luro nicht, warum er keinen Schmerz verspürte. Dann begriff sein Hirn langsam, was er sah.
Die steinerne Klinge: aufgehalten kurz bevor sie ihn erreichte. Eine dunkle Stabklinge versperrte ihr den Weg zum Ziel.
»Bringt Euch außer Reichweite«, knurrte Bellzazar.
Luro atmete seine Erleichterung aus, er hätte am liebsten geweint. Die Tränen in seinen Augen und dem Drang, den Dämon zu küssen, ignorierend, kroch er über den Boden, bis er den Schwindel in seinem Kopf soweit unter Kontrolle hatte, dass er wankend aufstehen konnte.
Er taumelte rückwärts, Bellzazar stellte sich schützend vor ihn.
Luro sah sich um. Allahad war wieder auf den Beinen. Flink wich er den Statuen aus, hielt sie mit Pfeil und Bogen auf Abstand, auch seine Schwerter waren zerbrochen und steckten teils nutzlos in den Statuen.
Prinz Wexmell hatte sich aus der Ecke befreien können, doch seine Kräfte schwanden, das sah Luro deutlich. Der rötliche Kopf, erhitzt vom Fieber der Erschöpfung, war ein deutliches Zeichen dafür, dass er nicht mehr lange durchhielt, nicht einmal um ihnen auszuweichen.
»Wie besiegen wir sie?«, wollte Luro wissen. Der Dämon musste es doch wissen oder wenigstens einen Plan haben!
Doch Bellzazar schüttelte den Kopf. »Gar nicht.«
Bittere Erkenntnis durchsickerte Luros Bewusstsein. Sie waren verloren, selbst der Dämon war dieser Ansicht, Luro sah ihm deutlich die Endgültigkeit an.
Wo war Desiderius? Wo hatte das Licht ihn hingebracht? In Sicherheit? Würde wenigstens er überleben? Bestand die Hoffnung, dass er außerhalb der Tür war und sie öffnen konnte?
Wohl kaum, es gab keinen Hebel, nur die Siegel, und diese waren bereits gebrochen.
»Was ist geschehen? Wo ist der Schatten?«, fragte Luro.
»Geflohen, der Feigling.«
»Er hat Euch wehgetan.«
»Durch Visionen«, gab Bellzazar zurück und warf ein grimmiges Lächeln über die Schulter.
Unaufhaltsam schlurften die Statuen auf sie zu, würden sie bald wieder eingeholt haben.
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