Es obliegt dir, was du aus deinem Leben machst, und die Entscheidungen führen letztlich zum neuen Zeitalter. Möglicherweise wird nie jemand den Thron der Unterwelt besteigen, vielleicht führt eine deiner Entscheidungen dazu, dass der Thron leer bleibt. Dann musst du nur weitergehen und entscheiden, ob du die Sterblichen oder die Götter wählst.«
»Wieso ich?«
Der Drache bewegte seine Schultern, als zuckte er damit. »Es hätte jeder sein können, aber du bist nun Mal in dieser Zeit der einzige Blutdrache. Du hast dich herführen lassen, du bist nicht vor dem Flüstern geflohen, du bewegst dich in der Welt. Du handelst.
Warum also ein anderer?
Vielleicht ändert sich alles, wenn du entscheidest, in einer Hütte im Wald zu leben und bis zu deinem Tod Holz zu haken. Vielleicht; wer weiß das schon?«
Wissende und unendlich kluge Augen sahen Desiderius an, als der Drache noch anfügte: »Aber wir beide wissen, dass es nicht deinem Wesen entspricht. Du kannst nicht stillstehen, kannst nicht zulassen, dass dein Land von Feinden regiert wird. Es ist in deinem Blut, in deiner Seele. Du wirst kämpfen, und du wirst auf dem Schlachtfeld sterben, soviel steht fest.
Aber wo und wann hängt ganz von dem Weg ab, den du gehen wirst.«
Desiderius stand mit offenem Mund da und konnte weder sprechen noch sich rühren. Auch jeder Gedanke fiel ihm schwer. Er wusste nicht – wollte es auch nicht wissen – was das alles zu bedeuten hatte.
»Nimm das Schwert aus dem Sarg, Schicksalshüter, stich es mir ins Herz und kehre in deine Zeit zurück.«
Desiderius zuckte zusammen. »Ich soll dich töten?«
Ein milder Ausdruck trat auf die Züge des Drachen, er legte den Kopf auf den Boden, sein langer Hals beschrieb eine Kurve. »Wie sonst soll ich dich begleiten?«
»Und wenn ich nicht will?« Die Vorstellung, den Geist mitzunehmen, behagte ihm nicht.
»Es wird dich nicht verändern«, versprach der Drache. »Aber, wenn du nicht willst, dann bleib eben.«
Bleiben? Wieso denn bleiben? Desiderius verstand die Worte schnell: »Der einzige Weg für mich, hier wegzukommen, ist, dich zu töten?«
Interessiert verfolgten die klugen Drachenaugen Desiderius‘ inneren Kampf, der sich deutlich auf dessen Gesicht abzeichnete.
Er war der falsche Mann! Aber wenn er das vor dem Drachen offenbarte, obwohl er sich anhörte, was nicht für ihn bestimmt war, würde dem Geist sicher nicht gefallen. Ob er ihm überhaupt Glauben schenken würde, war eine ganz andere Frage.
»Was also wirst du tun, Schicksalshüter?«, fragte der Drache. »Gehst du nun? Oder bleibst du?«
Er musste gehen, er musste Wexmell helfen, seine Freunde retten, seinen Bruder beschimpfen, weil er ihn nicht davor gewarnt hatte. Sein Blick fiel auf das kunstvollgearbeitete Schwert im Sarg und er dachte über die Worte des Drachen nach.
Was waren sie? Prophezeiungen aus einer anderen Zeit? Die Zukunft? Hirngespinste eines Drachengeistes, der in einer uralten Grabkammer wohnt?
Mit trockenem Mund stellte Desiderius eines fest, nachdem er sich alles noch einmal gründlich durch den Kopf hatte gehen lassen: »Du hast mir nicht erklärt, wie ich das Zeitalter der Finsternis einläute.«
In sich hineingrollend antwortete der Drache betont eindringlich: » Vernichte. Deine. Götter .«
Als Lugrain zusammen mit dem Drachen hinabstürzte, trieb Bellzazar seinen Hengst einen schmalen Weg entlang die Klippen hinab. Immer wieder drohte das Pferd hinabzustürzen, aber das war Bellzazar egal, er musste zu Lugrain, musste ihn retten.
Unten am Stand schwappten die Wellen gegen den auf der Seite liegenden Drachen. Die Flügel des Monstrums lagen schlaff neben dem viel kleineren Körper, der Schwanz war eingerollt, der Kopf lag mit gebleckten Lippen im Wasser, die Wellen säuberten die weißen Zähne von Blut. Schwer atmete der Drachen, so laut, dass die Erde bebte.
Und daneben lag Lugrain, mit dem Rücken in einem Busch, reglos und verletzt.
Bellzazar sprang von dem Rücken seines Pferdes und rannte auf Lugrain zu. Der Kies unter seinen Füßen machte ihn langsam.
»Lugrain!« Bellzazar warf sich neben ihm auf die Knie. »Lugrain?«
Lächelnd drehte der Angesprochene den Kopf zu Bellzazar, doch er war bleich, so bleich wie der Menschenjunge gewesen war, kurz vor dessen Tod.
»Bring es zu Ende, Zazar«, bat Lugrain und hob eine blutverschmierte Hand, an der drei gekrümmte Finger hingen, deren Knochen gebrochen waren. Er strich mit einem gesunden Knöchel über Bellzazars Wange, Frieden ging von ihm aus. »Töte den Drachen für mich, Zazar. Töte ihn und rette unsere Freunde.«
Aber er konnte nicht. Lugrain lag im Sterben, ihm blieben nur noch wenige Augenblicke. Und da erkannte Bellzazar den Fluch, der auf ihm lag. Denn wenn Lugrain starb, würde er ihn nicht wiedersehen, es sei denn, die Götter erlaubten ihm, in ihr Reich zurückzukehren, wo er die Macht hätte, Lugrains Seele jeder Zeit im Paradies zu besuchen …
»Er lebt noch, du musst sein Leben nehmen«, bat Lugrain.
Die Verzweiflung übermannte Bellzazar, er begann die Trauer hinaus zu brüllen, sodass seine Stimme die Gestalt eines Sturmes annahm und über die Klippen trug.
Von weit her hörte er das Brüllen eines weiteren Drachen. Es klang nach einem sehr viel größeren Exemplar.
»Tu es …«, hauchte Lugrain, seine Augen schlossen sich bereits, seine Seele bereitete sich darauf vor, dem Tod gegenüberzutreten, um sich in eine andere Welt führen zu lassen.
War das Lugrains Schicksal? Mehr hatten die Götter für diesen eindrucksvollen Mann, der solch ein mutiges Herz besaß, nicht geplant? Er solle sterben, um seinen Stamm zu schützen?
Nein! Das konnte Bellzazar nicht zu lassen.
Es war der Moment, in dem er das erste Mal über Magie nachdachte.
Noch bevor sein Vorhaben richtig Gestalt angenommen hatte, hörte Lugrains Herz auf zu schlagen und seine Hand, die zuvor an Bellzazars Wange gelegen hatte, fiel herab.
Weinend legte Bellzazar die Wange auf Lugrains Brust, wollte die Wärme in ihm halten, als der Drachenbulle plötzlich über ihm auftauchte.
Er konnte ihn hören, seine Schwingen im Wind, sein klagendes Brüllen, weil sein Weibchen verletzt war.
Bellzazar sprang auf, er rannte, ohne genau zu wissen, was er vorhatte, zu dem Drachenweibchen und suchte ihre Brust ab, bis er den darin steckenden Speer erblickte.
Blut lief daran hinab, als Bellzazar ihn packte, just in diesem Moment landete der Drachenbulle neben ihm. Der Boden vibrierte durch die Erschütterung der Landung dieses kraftvollen Tieres.
Nur über Gedanken versuchte Bellzazar mit seinem göttlichen Sinn mit dem Tier zu kommunizieren.
Tu nichts – oder ich töte sie , sagte er.
Der Drache knurrte, hielt jedoch inne.
Oder ich lasse sie leben, im Austausch für ein Stück deiner Seele , bot er an.
Der Drachenbulle stampfte mit den Pranken auf, um sein Missfallen kundzutun. Dann sagte er mit einer dunklen Stimme, die Bellzazar in den Schläfen dröhnte: Warum sollte ich dir helfen, Kreatur? Ich könnte dich einfach fressen!
Ich bin unsterblich , erklärte Bellzazar böse grinsend, friss mich, aber dann stirbt dein Weibchen. Und ich werden wiederkehren und auch all deine Jungen töten. Meine Rache wird furchtbar sein.
Viele Drachen waren kluge Geschöpfe, besonders dieser Drache. Er überlegte nicht lange, als er antwortete: So nimm ein Stück von mir, dunkler Zauberer, verbinde meine Seele mit der Welt der Sterblichen, aber dann trage Sorge dafür, dass keiner unserem Hort je wieder zu nahekommt.
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