Bellzazar trat an den Rücken seines Bruders heran. »Du hast lange gebraucht.«
»Er hatte viel zu erzählen«, gab Desiderius zurück. Er sah sich nicht um, er klang jedoch etwas verärgert. »Du wusstest, er würde mich verwechseln!«
»Geahnt, trifft es eher.«
»Scheißkerl! Du hättest mich warnen können!«, zischte Desiderius.
»Wärst du dann mitgekommen?«, giftete Bellzazar.
Das brachte seinen Bruder zum Schweigen. Ärgerlich zusammengepresste Lippen wurden zu einem dünnen Streifen, der markante Kiefer mahlte verbissen.
»Lasst und später streiten«, bat Allahad.
Die Statuen setzten sich wieder in Bewegung, steif und langsam, jedoch auch groß und mit einer enormen Reichweite.
»Drachen, insbesondere dieser Bulle, haben andere Ansichten über unsere Welt als wir«, sagte Bellzazar flüsternd und nach Versöhnung ersuchend. »Was auch immer er gesagt hat, es entstammte aus einer anderen Epoche, Derius. Seine Worte waren nicht für dich bestimmt, und du musst ihnen nicht einmal glauben.«
Desiderius schüttelte den Kopf, als hätte er eine Spinne im Ohr, die ihn in den Wahnsinn trieb.
»Genug«, beschloss er, schubste Bellzazar zur Seite und wollte gehen. Jedoch drehte er sich noch einmal zu Bellzazar um und sagte: »Bevor ich ging, hat er mir noch etwas gesagt, von dem ich glaube, dass ich es dir erzählen sollte.«
Überrascht hoben sich Bellzazars Augenbraue. »Tatsächlich?«
Desiderius zitierte: » ›Du findest die anderen in der Bibliothek der Seelen‹. Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber ich fürchte, du schon, wenn ich deinen Blick betrachte.«
Bellzazar erstarrte zu Stein. Weder bewegen noch sprechen konnte er. Wenn die anderen in der Bibliothek verweilten, bestand die Möglichkeit, dass Lugrain auch dort war. Zumindest eine winzige Chance bestand. Die einzige Chance, die Bellzazar noch hatte.
Entschuldigend sah er Desiderius ins Gesicht, doch die harten Augen, die ihm entgegenschlugen, schienen bereits zu erahnen, was geschehen würde.
»Es tut mir leid«, flüsterte Bellzazar aufrichtig, seine Kehle fühlte sich wund an. Er wollte seinen Bruder nicht im Stich lassen, aber …
Desiderius schüttelte den Kopf. »Sag kein Wort, du hörst auch keins von mir.«
»Ich komme wieder«, versprach Bellzazar noch, als sein Herz bereits sein Handeln übernommen hatte und er sich in schwarzen Nebel auflöste.
***
Eine Leere in Form eines klaffenden Lochs entstand in seiner Seele, als der Nebel sich verzog und Bellzazar verschwand. Er wurde so oft im Leben verlassen, das es ihn doch überraschte, wie schmerzhaft es immer wieder von Neuem war.
Es war, als tippte ein alter Freund auf seine Schulter und sagte: ›Ach, schau an, da bin ich wieder. Tut noch genauso weh wie damals. Faszinierend, findest du nicht?‹
Wie lange hatte er einen Bruder gehabt, für den er keine Made war, die an seinem Erbe saugte? Zwei Jahre insgesamt, wenn es hochkam. Jedoch nur neun Monate auf See, in denen sie sich so nah kamen wie Brüder sich stehen konnten.
Zurück blieb die Frage, wer es war, den Bellzazar so sehr vermisste, dass er sogar seinen einzigen Verwandten im Stich ließ.
Desiderius‘ Blick wurde von Wexmells mitgefühlvollen Augen aufgefangen.
Nun ja, nicht gänzlich allein, aber doch verlassen von aller Familie. Die meisten tot, die leibliche Mutter weggesperrt – nicht, dass er zu ihr wollte – und der große Bruder verschwunden, ohne zu wissen, ob er wiederkommen würde.
Eifersucht überflutete ihn, während er sich fragte, wer der Mann im Sarg gewesen war, nachdem sich Bellzazar so sehr verzehrte, wie die Mutter nach ihrem Kind.
»Derius!«
Allahads dringliche Stimme ließ ihn aufschrecken. Im rechten Moment. Eine Bewegung hinter ihm zeigte, wie nahe ihm seine Gegner waren. Er wirbelte herum und hob im letzten Moment die Drachenflügelklinge.
Sechs überkreuzte Steinklingen trafen auf seine, unter dem Gewicht wurde er niedergedrückt, bis sein Knie den Boden berührte.
Er biss die Zähne zusammen, nahm Wexmells angstvolle Rufe nur halb wahr, und dass Allahad und Luro ihn aufhalten mussten, damit er sich nicht müde und erschöpft in den Kampf warf, was sein Tod gewesen wäre.
Knurrend stemmte sich Desiderius gegen den Druck, der auf seinen Armen lastete, sein Gesicht nahm einen gepressten Ausdruck an, in seinen Muskeln entflammte ein Feuer, seine Sehnen brannten, jede Faser seines Körpers war bis zum Zerreißen angespannt.
Seine Ellenbogen drohten, einzuknicken, er knurrte gegen den Schmerz und den Druck an, kämpfte mit aller Macht darum, die Schwerter nach oben zu drücken und wegzustoßen. Längst war es zu spät, sich wegzurollen, sie würden ihn zumindest am Bein erwischen, ihm eines zertrümmern, oder schlimmer: eines abtrennen.
Der Drache in ihm regte sich, erwachte, spürte die Gefahr, wollte ausbrechen und alles niederreißen. Aber nicht hier, nicht jetzt, die Grabkammer würde einstürzen und alles Leben unter der Erde begraben, es auslöschen.
Desiderius kämpfte; gegen sich selbst und gegen die Statuen.
Und dann wurde der Druck leichter, das Gewicht nahm ab. Kühle, zarte und raue Hände legten sich über seine. Wärme umhüllte ihn, als seine drei Gefährten neben ihm auftauchten, sich in Lebensgefahr begaben, und ihm ihre Arme, ihre Stärke liehen.
Luro, Wexmell und Allahad hatten die Hände um seine gelegt, die das Schwert umklammert hielten, fassten ihn mit den Fingern der anderen Hand an den Armen, stützten ihn, machten auch ihn zu einer Statue.
Gemeinsam stark, gemeinsam furchtlos.
Mit vereinten Kräften schafften sie, was Desiderius alleine nie bewerkstelligt hätte, sie drückten die Schwerter nach oben, mit gebleckten Zähnen und knurrenden Lauten, wie nur Männer von ihrem Stand sie ausstoßen konnten.
Mit einem Ruck stießen sie die Statuen zurück, das Schwert verursachte bei dem Gegenstoß eine magische Welle, die die Statuen taumeln ließ.
Desiderius wurde losgelassen, als er wieder aufrechtstand, und preschte nach vorne.
Nicht denken, nicht zu viel grübeln, kein Zögern, nur Handeln.
Er stieß der ersten Statue, die er erreichte, das Schwert durch den Bauch, zog es eilig wieder raus. Sie ging zu Boden, wie die erste, und verwandelte sich in einen hüfthohen Haufen Staub und Geröll.
Er hörte seine Freunde, seinen Geliebten, die trotz Erschöpfung alles taten, um die Aufmerksamkeit der Statuen auf sich zu lenken.
Wexmell und Luro, nur bewaffnet mit Steinen, die sie von den Überresten der vernichteten Gegner nahmen, warfen damit auf die anderen fünf verbliebenen Statuen und brüllten und schrien, um die langsamen Gegner in ihre Richtung zu locken.
Desiderius war froh, dass sie nicht wie Allahad zu den am Boden liegenden Waffen zurück stürmten. Allahad hob Wexmells Schwert auf, kämpfte damit, trotz, dass ihm der Schweiß in Strömen am Kopf runterlief, und bei jedem Schritt seine Beine vor Erschöpfung zitterten.
Desiderius sprang zwischen zwei Statuen hindurch, er wollte sich umdrehen und zustoßen, als plötzlich eine der Statuen eine Drehung vollführte, das Schwert dabei ausgestreckt hielt, herumwirbelte und alles in ihrem Umkreis erwischte.
Die Statue daneben stöhnte, als sie einen Arm einbüßte, laut krachte der Stein auf den Boden, hinterließ Risse und Dellen.
Desiderius sprang zurück, doch die Spitze der Klinge erwischte ihn und riss ihn von den Beinen. Er wurde einige Schrittweit in den Raum geschleudert, kam hart auf dem Boden auf. Dank früherer Erfahrungen, hatte er den Kopf oben gehalten, um sich nicht wieder eine Platzwunde einzufangen, doch er verlor das Schwert.
Luro und Wexmell zögerten nicht, als sie ihn am Boden liegen sahen; sie rannten los.
Furchtlos – vielleicht auch etwas naiv – sprang Wexmell auf den Rücken der Statue, die Desiderius den Rest geben wollte. Der Prinz wurde herumgeschleudert, hielt sich aber tapfer am Kopf seines Gegners fest, umklammerte ihn, als wolle er ihm die Augen zuhalten.
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