Luro sprintete zum Drachenflügelschwert. Er hob es auf, seine Arme spannten sich unter dem Gewicht der Klinge an, die zu groß und zu schwer für seine Statur war.
Mit einem Aufschrei rannte er auf die Statue zu und rammte ihr das Schwert in den Unterleib, während Desiderius wieder auf die Füße kam.
Ruhig, sagte er sich. Atme. Atme gelassen. Ganz ruhig. Es fiel ihm mit jedem verstreichenden Augenblick schwerer, den Drachen in sich zu kontrollieren.
Wexmell landete im Geröll, als die Statue von Luro vernichtet worden war.
Desiderius rannte an ihnen vorbei, nutzte die Leichtigkeit ohne Waffe aus, um sich durch die Beine einer anderen Statue zu rollen. Hinter ihr kam er wieder hervor und brülle nach Luro, der ihm die Klinge zu warf.
Desiderius fing sein Schwert auf und hob es weit über den Kopf, seine Füße stießen sich vom Boden ab, er sprang in die Luft, schlug zu und schlitzte den Rücken der Statue auf.
Blieben noch drei.
Die nächste erledigte Desiderius ohne Probleme, trotz erhobenen Schilds. Wexmell warf einen Stein, der sie direkt zischen den Augen traf. Seltsamerweise hatte Desiderius den Eindruck, dass sie kurz verwirrt blinzelte, obwohl ihre Miene doch unbeweglich war.
Auch die nächste besaß ein großes Schild, wie ein Bollwerk hielt sie es vor sich, drehte sich immer mit ihm, hielt ihn auf Abstand.
Wexmell sammelte seine letzten Kräfte, rannte um sie herum, wurde nicht beachtet.
»Dein Schwert!«, rief er.
Desiderius warf es ihm zu. Wie ein Bumerang flog es durch die Luft, drehte und drehte und drehte sich, landete aber mehr durch Glück als durch Können mit dem Heft in Wexmells Hand.
Die Statue bemerkte den Tausch und wollte sich umdrehen.
Desiderius warf sich auf ihr Schild, Kälte aus dem Stein drang durch seine Drachenlederrüstung bis zu seiner Haut durch. Sie versuchte, ihn abzuwerfen, und er wurde herumgeschleudert, wie damals, als er auf der Riesenspinne ritt.
Wexmell nutzte die Ablenkung und zog die Klinge durch die Kniekehlen der Statue. Das Schwert durchtrennte den Stein, ließ die abgetrennten Unterschenkel zu Staub werden, sodass die Statue stöhnend auf den Stummeln ihrer verbliebenen Beine aufkam.
Der Schild kam hart auf dem Boden auf, Desiderius stürzte.
Er sprang zurück auf die Beine, angefeuert von dem Gefühl des Sieges, der so greifbar war.
»Dein Schwert!«, rief Wexmell. Er sah nicht gut aus, als er die Klinge über die Schulter der Statue zurückwarf. Rot war sein Kopf, das Blau seiner Augen war matt, seine vollen Lippen waren ausgetrocknet.
Keine Zeit, um sich zu sorgen, sie mussten erst die Gefahr ausmerzen, bevor sich Desiderius vergewissern konnte, dass es ihm bald wieder gut gehen würde.
Er stand vor der Statue, holte schwungvoll aus und trennte ihr mit einem Aufschrei den Kopf ab.
Polternd landetet er auf dem Boden und rollte darüber, bis er bei Luro zum Stehen kam, der ein Fuß dagegenstemmte.
Alles wurde zu Staub.
Allahad stöhnte in jenem Moment auf.
»Nein!«, rief Luro entsetzlich verzweifelt.
Desiderius wirbelte herum. Er sah den Schurken hocherhoben gegen eine Wand gedrückt, die Kehle von einer steinernen Hand umschlossen, der Kopf rot angelaufen, seine Beine zappelten hilflos in der Luft.
Er rannte los, doch da schrie Allahad schon auf. Der Schurke wurde von der Klinge aufgespießt wie ein Stück rohes Fleisch, bevor man es über die Flammen hielt.
»Neiiiiin!«, knurrte Desiderius. Es klang bedrohlicher als sonst, unmenschlicher, tierisch, wie der Drache in ihm, bevor er brüllte.
Allahads entsetzliches Stöhnen verschluckte sich, als sich die Klinge noch tiefer in seinen Unterleib schob. Seine Augen rollten, er verlor schnell an Farbe …
Desiderius begriff noch im Lauf, dass er ihn nicht rechtzeitig erreichen konnte. Es fehlte nicht mehr viel und die breite Klinge würde ihn in zweiteilen. Desiderius blieb stehen, suchte einen festen Stand und hob das Schwert wie einen Speer. Er zielte mit einem ausgestrecktem Arm, dann warf er.
Es war, als hielten nicht nur er und die anderen gespannt die Luft an, sondern auch die Zeit, während die Klinge durch den Raum flog und schließlich bis zum Heft zwischen den massiven Gesteinsschultern landete.
Die Statue verfiel zu Geröll, Allahads Körper krachte auf den Boden und blieb unbewegt liegen.
Für den Bruchteil eines Augenblicks rührte sich niemand. Es war seltsam still in der Grabkammer, nur Desiderius‘ eigener, unkontrollierter Puls rauschte in seinen Ohren.
Ein großer Kloß saß Desiderius im Hals, er schluckte und schluckte, sein Mund wurde trocken, bis er endlich das Wispern eines Stöhnens vernahm.
Sofort rannten sie alle drei zu Allahad.
Er war noch nicht tot! Dem Schöpfer sei Dank, er war nicht tot!
Zitternde Finger, rot von Blut – hellrotem Blut – tasteten nach der Wunde, ein schwacher Kopf hob sich, sah blass an sich hinab …
Desiderius schlitterte neben dem Schurken auf die Knie, stützte sofort mit einer Hand dessen Hinterkopf. Was er sah, gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht.
Als Wexmell und Luro bei ihm ankamen, fielen auch sie vor Entsetzen auf die Knie.
»Sieht übel aus, oder?«, ächzte Allahad, versuchte dabei, etwas zu erkennen. »Es sieht übel aus, habe ich recht? Ja, ich habe recht … Verdammt!«
Desiderius hinderte ihn daran, an sich hinabzusehen, legte ihm beruhigend die andere Hand an die Wange und streichelte sie.
»Nein«, log er. »Es wird alles wieder gut. Halb so wild. Es wird alles wieder … gut.«
Doch er sah sich noch einmal die offene Wunde an, sah die Gedärme daraus hervorquollen, wie blutige, glitschige Schlangen, die sich aus einem Ei schälten, und er wusste, was es bedeutete.
Sein Blick wanderte tränenverschleiert zu Wexmell, der ihm gegenübersaß. Traurig schüttelte er den Kopf …
Luro hatte es bemerkt und hauchte fassungslos: »Nein…«
»Ich hab … hab es … gewusst.« Allahads Kopf wurde immer schwerer, sein Körper immer kälter, obwohl seine Stirn in Flammen zu stehen schien. »Gewusst …. ich …. hier sterbe.«
Desiderius hielt die Tränen eisern zurück, er war wütend auf sich selbst, er hätte alleine gehen sollen. Er hatte seinem Bruder helfen wollen, er sollte hier liegen, nicht Allahad, der geahnt hatte, dass der Tod auf sie alle warten würde.
Die Tür glitt plötzlich auf, geöffnet durch die Vernichtung der Falle in Form von Statuen, die nur von dem Drachenflügelschwert besiegt werden konnten. Ein Schwert, das er nur bekommen hatte, weil er bereit gewesen war, einem uralten Drachengeist anzuhören.
Das war es alles nicht wert gewesen, stellte Desiderius ernüchtert fest.
Bellzazar hatte ihn – so wie es ihm alle antaten – verlassen. Der Drachengeist steckte nun in einem magischen Schwert – aber zum Glück nicht in Desiderius, wie anfangs befürchtet. Desiderius selbst wusste nicht mehr, was er glauben sollte und was nicht. Und für all das, für reines Chaos, sollte Allahad sein Leben geben?
Luro, der an Allahads Kopf saß, liefen Tränen über die Wangen, er schämte sich nicht, sie fließen zu lassen. Er umfasste Allahads Kopf, strich ihm über das braune Haar und flehte stetig flüsternd: »Bitte …. Bitte nicht … Bitte …«
Wexmell ließ den Kopf hängen, schloss gequält die Augen und nahm Allahads blutverschmierte Hand in seine. Knete sie sanft, spendete dem Sterbenden Trost.
Allahad zitterte, verlor schnell das Bewusstsein …
»Nein!«, hörte sich Desiderius bestimmt sagen.
Wexmell hob den Blick, der Bogen seiner vollen Lippen verzog sich voller Bedauern.
»Nein!«, wiederholte Desiderius lauter und drohend.
Verwirrt sahen sie ihn an. Luro schniefte, seine Augen waren bereits jetzt rot vom Heulen. Desiderius war weder bereit, ihn um einen weiteren Freund trauen zu sehen, noch war er selbst bereit, einen weiteren Gefährten begraben zu müssen.
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