Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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Sie hatten lange und ausgiebig über Magie gesprochen, um auch die letzten Fünkchen Furcht aus Desiderius zu vertreiben. Die ganze Seereise über hatte er von Bellzazar gelernt. Aber die Furcht vor dem Unbekannten, dass Magie innewohnte, würde er nie ganz verlieren. Die Angst war nicht mehr übermächtig, aber sie war noch da, tief in ihm drinnen. Trotz, dass er einen Gott besiegt und selbst zum Teil magisch war.

Unaufhaltsam kam die Irrlichtmutter auf das dunkle Lager zu. Die Pferde wurden wieder unruhig, diesmal konnte Zasch sie nicht beruhigen. Desiderius‘ Herz schlug ihm bis zum Hals, sein Verstand arbeitete fieberhaft. Seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen nahmen die Umgebung schärfer wahr. Allahad und Mitja mit ihren Bögen links und rechts neben Wexmell und Bellzazar, Luro mit einem Kurzschert zwei Schritte neben Desiderius, Marrah zu seinen Füßen. Zasch, der versuchte, die Pferde zu beruhigen.

Kein Entkommen, nicht ohne entdeckt zu werden. Keine Chance auf einen Sieg, bei einem Kampf. Wie viele würde die Irrlichtmutter mit sich nehmen, bis es Bellzazar gelang, sie zu töten? Wer würde es sein? Luro? Allahad? Wexmell ?

Desiderius wollte keinen seiner Freunde hier und heute verlieren, er brauchte einen Plan, einen guten am besten.

Doch was hätte er tun sollen? Rannten sie davon, würde die Irrlichtmutter auf sie aufmerksam werden, blieben sie, würde sie sie entdecken.

Karrah wurde angesichts seiner Unruhe nervös, sie quengelte, hickste, stand so kurz vor einem Heulkrampf …

»Lass die Pferde los«, hörte er sich selbst sagen.

Alle, einschließlich Marrah, starrten ihn verblüfft an. Bellzazar erkannte als erster, was Desiderius vorhatte und nickte.

»Mach die Pferde los, Zasch!«, forderte Desiderius erneut.

Ein Ruck ging durch den versteinerten Barbaren, dann nahm er seine Axt und durchtrennte die Leine, die zwischen zwei Bäumen gespannt war.

Die Stricke der nervösen Pferde wurden befreit und schon stoben sie davon. Zaschs und Mitjas Dunkelfüchse, Luros schwarzweiße Stute, Allahads Schecke dicht gedrängt an Wexmells Albino, allesamt entschwanden sie, bis auf – zu Desiderius‘ Überraschung – Bellzazars schwarzes Ross und sein eigener Rappe. Die beiden dunklen Hengste tänzelten, unschlüssig, ob sie fliehen sollten.

Angesichts des Lärms wirbelte die Irrlichtmutter wie erwartet herum. Sie stieß ein Fauchen, gefolgt von einem Schrei aus, der alle im Lager dazu brachte, sich die Ohren zuzuhalten und gegen den Schmerz in ihren Ohren anzuschreien.

Der Stich in seinem Trommelfell breitete sich in Desiderius‘ gesamten Kopf hinweg aus, es war, als ob sein Schädel in alle Einzelteile zerlegt wurde.

Über Lärm und Schmerz hinweg, hörte er Bellzazar den beiden Pferden zurufen: »Wanderer, Lugrain, verschwindet!«

Die Hengste stürmten davon und verschwanden im finsteren Wald. Ihre schweren Hufe donnerten über den Boden, sofort folgte ihnen die Irrlichtmutter.

Desiderius hielt sich nicht mit der sich ihm aufdrängenden Frage auf, was es mit den Pferden auf sich hatte, er drängte seine Gefährten zur Eile: »Los, los! Weg hier!«

Alles stehen und liegen lassend – vorrausschauend hatten sie glücklicherweise alle ihre Rüstungen und Stiefel beim Schlafen anbehalten – rannten sie in die andere Richtung davon.

Sie stolperten allesamt, einer nach dem anderen über Baumwurzeln, die aus dem Boden ragten. Aufgefangen von ihren Kameraden, immer wieder auf die Beine gezogen, gelangten sie trotzdem tiefer in den Wald.

»Wohin?«, fragte Luro, der die Spitze bildete. »Verdammt, wohin denn?«

Desiderius wusste es nicht. Viel hatte er von seiner Umgebung nicht gesehen. Er verfluchte sich selbst. Er hatte sich lieber mit Wexmell vergnügt, statt sich umzusehen – ein böser Fehler.

»Ich kenne eine Höhle«, sagte Allahad von hinten. Er drängte sich an den anderen vorbei und begann, sie zu führen.

Ein steiler Hang bremste sie etwas aus, aber sie rannten ohnehin nur noch aus Furcht, hinter ihnen war es so still, wie es nur nachts in der Wildnis still sein konnte.

Keuchend und außer Atem kamen sie alle unversehrt in einem Höhleneingang an.

Desiderius schob Luro und Mitja etwas grob beiseite, um sich zu Wexmell nach vorne durchzudrängen. Einnehmend umarmten sie sich, froh, dass nichts Schlimmeres geschehen war. Karrah quickte protestierend, weil sie zwischen ihnen eingequetscht wurde.

»Hier, nimm sie mal«, bat Desiderius und band Karrah los. Er ließ sie in Wexmells Armen, um zu Allahad zu gehen, der tiefer in der Höhle stand und keuchend zu Atem kam.

»Zu lange auf See«, stellte der Schurke fest. »Zwar stählerne Muskeln von der Arbeit, aber von Ausdauer keine Spur mehr.«

Desiderius legte ihm brüderlich eine Hand auf die Schulter, die Geste war nur flüchtig. »Danke, du hast uns mal wieder den Arsch gerettet.«

»Nein, du«, warf der Schurke ein, langsam beruhigte sich seine Atmung. »Ich habe uns nur einen Unterschlupf gesichert. Die Pferde loszubinden kam mir nicht in den Sinn.«

»Es hätte auch mächtig schiefgehen können«, erwiderte Desiderius. Er war nur froh, dass es gut für sie ausgegangen war. Aber hoffentlich fand die Irrlichtmutter keinen Gefallen an ihren Pferden. Pferde waren teuer, insbesondere gute. Außerdem bezeichnete Desiderius seinen namenlosen Rappen als Freund, den er nicht missen wollte.

Wo er gerade dabei war …

Bellzazar trat zu ihnen, Wexmell zu seiner Seite. »Wir warten hier bis zum Morgengrauen, das ist sicherer. Aber verhalten wir uns ruhig, die Höhle hat nur einen Zugang, sie könnte schnell zur Todesfalle werden. Wenn es hell wird, wollen wir sehen, was vom Lager noch übrig ist.«

»Was du den Pferden zugerufen hast …«, begann Desiderius.

Bellzazar wandte sich einfach ab und lief zurück zum Höhleneingang.

Desiderius wechselte verwirrte Blicke mit Wexmell und Allahad, dann folgte er seinem Bruder.

Luro stellte sich Desiderius jedoch kurz in den Weg und fragte besorgt: »Bist du verletzt?«

Desiderius schüttelte den Kopf. Er legte seinem alten Freund die Hände auf die Schultern und wollte es bei einem dankenden Lächeln belassen, doch Luro – anhänglich wie er war – zog ihn in eine Umarmung.

So schlimm war es nun auch nicht gewesen, sie hatten Härteres durchgestanden.

Desiderius schob ihn behutsam von sich und entschuldigte sich: »Ich muss mit Zazar sprechen.«

Nur gut, dass Wexmell nicht mehr eifersüchtig auf Luro war. Wenn er das denn je wirklich richtig gewesen war. Desiderius glaubte, dass Wexmell immer gewusst, es gespürt hatte, dass Luro keinerlei Konkurrenz für ihn war.

Was Desiderius nicht bemerkte, war der herausfordernden Blick, den Luro nach der Umarmung in Richtung Allahad warf, und wie ärgerlich der Schurke daraufhin den Blick abwenden musste. Er ahnte nicht, dass er gerade benutzt worden war, um Eifersucht zu schüren. Hätte er es gewusst, hätte er Luro vielleicht sogar geholfen. In dieser Angelegenheit stand er ganz hinter dem Jäger. Allahad hatte Luro Hoffnung gemacht. Sie hatten alle gesehen, wie innig die ersten Abende nach der Schlacht gewesen waren. – Was vor der Schlacht war, wusste Desiderius nicht, er war nicht dabei gewesen. – Doch nach wenigen Tagen auf See, waren die beiden immer seltener zusammen gesehen worden. Mittlerweile ging Allahad Luro aus dem Weg, was den jungen Jäger ebenso verwirrte wie alle anderen.

Luro hatte genug Enttäuschungen erlebt, Desiderius hätte Allahad für sein Verhalten gerne eine verpasst, doch Wexmell beschwor ihn, sich einfach rauszuhalten. Und der Prinz hatte nun mal das letzte Wort, davon abgesehen stand ihm auch nicht der Sinn danach, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen, sosehr er sich auch um seine Freunde sorgte.

Draußen, angestrahlt vom Mondlicht, das durch das Blätterdach fiel, lehnte Bellzazar neben dem Höhleneingang und starrte zum Himmel hinauf, er betrachtete grimmig die Sterne.

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